Stephan-Götz Richter

Deutsche Wirtschaft und Politik Die sieben Fehler im Umgang mit dem Wirecard-Skandal

Stephan-Götz Richter
Ein Gastbeitrag von Stephan-Götz Richter
Ein Gastbeitrag von Stephan-Götz Richter
Ob Wirecard oder Cum-Ex: In Deutschland gediehen Finanzskandale in den vergangenen Jahren besonders gut. Das sollte uns zu denken geben - und zu radikalen Reformen ermutigen.
Finanzminister Olaf Scholz am Mittwoch im Bundestag

Finanzminister Olaf Scholz am Mittwoch im Bundestag

Foto: FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/Shutterstock

Der Kollaps von Wirecard wirft in vielerlei Hinsicht ein entblößendes Schlaglicht auf die politische und gesellschaftliche Kultur Deutschlands. Erst der Cum-Ex-Skandal und jetzt Bilanzbetrug bei Wirecard. Wieder einmal wird der Wirtschaftsstandort Deutschland international angezählt. Es ist höchste Zeit, den aktuellen Skandal zur Selbstkorrektur nutzen - und zwar weit über das hinaus, was bisher in der aktuellen Diskussion aufgegriffen worden ist. 

Natürlich geht es auch um das Nachschärfen von Gesetzen, Verordnungen und des Aufsichtsgebarens im Finanzbereich. Und selbstverständlich bedarf es der Einrichtung eines Untersuchungsausschusses. Nur durch eine sehr öffentliche Aufarbeitung der katastrophalen Fehler der Wirtschaftsprüfer sowie der Ministerien, ihrer nachgeordneten Behörden und des Kanzleramtes besteht Hoffnung auf echte, da kathartische Besserung. Diese Aufarbeitung in Parlamentsausschüssen vor laufender Kamera zu leisten, ist eine politische Praxis, in der uns die sonst so viel gescholtenen USA weiterhin haushoch überlegen sind. 

Dabei muss allerdings unbedingt verhindert werden, dass die Affäre Wirecard im Morast der zwischenparteilichen und interministeriellen politischen Verschiebebahnhöfe versackt. Momentan hat man freilich den Eindruck, als ob die etablierten Kräfte es genau darauf anlegen. 

Das wäre fatal. Denn es geht hier um ein systemisches Versagen. Das ist umso eklatanter, als sich die Bundesrepublik einer umfänglichen und vor allem personell üppig ausgestatteten sowie gut dotierten Verwaltung rühmt. Dass es dort zu so viel kollektiver Blindheit kam, ist schlicht beschämend. Umso größer ist die Notwendigkeit, die Vorgänge schonungslos aufzuarbeiten. Nur so kann das zum wiederholten Mal arg nachlässige und fast schon mittäterische Treiben der Spitzen unserer Ministerialbürokratie künftig verbessert werden. 

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Dabei müssen wir uns im Klaren sein, dass wir bei diesem systemischen Versagen als Nation am Pranger stehen - und dies zurecht. Trotz unserer Rolle als führende Wirtschaftsnation haben wir eines offensichtlich noch immer nicht verstanden: Mauscheleien und das Herumschieben von Verantwortlichkeiten lassen sich nicht vereinbaren mit den elementaren Prinzipien von schonungsloser Transparenz und effektiver Aufsicht, die in einem hoch entwickelten Wirtschafts- und Finanzsystem nun einmal unverzichtbar sind. 

Daher ist es für das ehrliche Ausloten der Konsequenzen mindestens genauso wichtig, dass wir uns als Nation der kulturellen Faktoren bewusst werden, die zum Wirecard-Desaster entscheidend beigetragen haben. Insgesamt sehe ich sieben Faktoren: 

1. Perfides Albion? 

Als Erstes ist hier der desaströse Geist des "perfiden Albion" zu nennen. Anscheinend wütet der antienglische Geist des Spätwilheminismus in unseren Amtsstuben und anderswo noch immer munter herum. Das würde die katastrophale deutsche Reaktion auf die Wirecard-kritische Berichterstattung der "Financial Times" ab dem Januar 2019 erklären. 

Statt die Vorwürfe dieser - zumal in Finanzfragen - hochkompetenten Zeitung aufzugreifen und schleunigst zu prüfen, um wenigstens so einen potenziell enormen Reputationsschaden von Deutschland abzuwenden, geschah das genaue Gegenteil. Es wurde umgehend zum Gegenangriff auf die Zeitung geblasen. Das geschah zwar nicht mit wilheminischem Pomp, dafür aber mit wilheminischer Dummheit und Borniertheit. 

Dass die "FT" alles andere als eine deutschlandfeindliche Zeitung ist, sollte eigentlich auf der Hand liegen. Schon allein deshalb, weil der langjährige, während der Wirecard-Berichterstattung noch im Amt befindliche Chefredakteur des Blattes, Lionel Barber, seit jeher ein echtes Faible für Deutschland hat und unsere Sprache spricht, was man von nicht allzu vielen Briten in führenden Positionen sagen kann. 

Zudem hätte jedem Beteiligten klar sein müssen, dass eine Qualitätszeitung wie die "FT" gewiss nicht leichtfertig steile Thesen raushaut. Jenseits des Berufsethos der Journalisten spricht hierfür gerade auch das strenge und mitunter teure britische Schadensersatzrecht im Medienbereich. Dementsprechend sicher konnte man sein, dass das Blatt die Vorfälle vor der Veröffentlichung sehr genau geprüft hatte. 

2. Betriebsblindheit und Duckmäusertum 

Aber es waren leider nicht bloß antienglische Verblendung und Hochmut, die den Skandal weiter ausufern ließen. 

Offensichtlich kam keiner der deutschen Entscheidungsträger auf den Gedanken, angesichts der Schwere der Vorwürfe gegen Wirecard der Sache wenigstens ab dem 20. Januar 2019 ernsthaft nachzugehen. Nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Selbst der frühere US-Präsident Ronald Reagan wusste im Umgang mit der Sowjetunion unter Gorbatschow diese Weisheit zu beachten. "Trust, but verify", formulierte Reagan damals. 

Aber die deutsche Ministerialbürokratie und ihre nachgeordneten Behörden scheinen - und das ist das wahrlich Fatale - allesamt im blinden und vollkommen fehlgeleiteten Vertrauen auf Wirecard und die Wirtschaftsprüfer von EY stecken geblieben zu sein. Bisher lässt sich kein Held etwa im Innern der Finanzaufsicht Bafin erkennen, der wenigstens versucht hätte, gegen die herrschende Meinung anzukämpfen. Jeder verließ sich darauf, dass die großen Fragen schon irgendwie an anderer Stelle ordnungsgemäß geprüft worden seien. 

All das lässt sich nur mit einer kuriosen Mischung von Obrigkeitsglauben, Korpsgeist, Bravheit und Schoßhunddenken erklären. Und natürlich - so wie im Cum-Ex-Skandal - mit einer gehörigen Portion falschem Respekt vor den teuren Anwälten großer Kanzleien. Als Bürger fragt man sich trotzdem, warum niemand die heilige Kuh Wirecard angegangen ist. 

3. Neigung zur Wagenburgmentalität 

Stattdessen kam als dritter kultureller Faktor die deutsche Neigung zur Wagenburgmentalität zum Tragen. Statt den deutlichen Hinweisen aus der Berichterstattung der "FT" ernsthaft nachzugehen, wurden die Fronten unverzüglich geschlossen. Nach dem Motto: Eine solche Attacke dürfen wir uns nicht gefallen lassen. 

Bei der Bafin, im Bundesfinanz- und Bundeswirtschaftsministerium sowie im Kanzleramt, aber auch in wichtigen Redaktionsstuben der Republik hielt man den Vorstoß der "Financial Times" für ein übelgesinntes Manöver, wenn nicht einen Akt der Majestätsbeleidigung. Geradezu instinktiv wurde vermutet, dass die Briten im Umfeld des Brexit im Interesse des Finanzplatzes London den deutschen Konkurrenten böswillig motiviert zerschießen wollten. 

Smartes Risikomanagement sieht anders aus. 

4. Schwarzer-Peter-Spiel 

Als vierter Faktor kommt das Schwarzer-Peter-Spiel hinzu. So weisen Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und sein loyaler Staatssekretärsadlatus, Wolfgang Schmidt, jetzt eifrig auf die eklatanten Fehler der Wirtschaftsprüfer hin. Und finden dabei nützlicherweise auch journalistische Helfer, die sich im Sinne ihrer Parteiraison ereifern. Im Wirtschaftsministerium, also im CDU-Lager, tut man das Gleiche, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Und natürlich vorzugsweise mit den eigenen journalistischen Bataillonen. 

Einig ist man sich dabei im Draufhauen auf EY. Das hat die Firma auch reichlich verdient. Man muss ja fragen, was das Unternehmen genau unter Wirtschaftsprüfung versteht. EY hat ja nicht nur, so wie bei den meisten Firmen der Branche üblich, extrem klientelistisch gehandelt und - vollkommen blind in Sachen Reputationsmanagement - durch ihr skandalöses Mitspielen den lukrativen Kunden mit seiner bekannt halbseidenen Kundschaft zu schützen versucht. 

Viel schlimmer wiegt die Tatsache, dass diese Firma offensichtlich nicht zum kompetenten Lesen von Bilanzen imstande ist. Denn dann hätte man den Bilanzbetrug schnell erkennen können. 

Es bleibt zu hoffen, dass die EY sprichwörtlich aus Schaden klug wird. Im Rahmen von Schadensersatzklagen sollte das Unternehmen wegen der offensichtlich grob fahrlässigen Vorgehensweise für die bei Banken und Aktionären eingetretenen Schäden selbst aufkommen. Ein Versicherungsschutz dürfte jedenfalls aufgrund des eklatanten Fehlverhaltens ausgeschlossen sein. 

In jedem Fall ist dies ein Skandal, der an die Rolle der Firma Arthur Andersen im Fall Enron erinnert. Damals hat die Prüfungsfirma die Sache nicht überlebt. Aber es zeichnet sich schon jetzt ab, dass die deutsche Politik ihre schützende Hand über EY hält. Getreu dem Prinzip Wagenburgmentalität (siehe oben). 

5. "Finanzscham" 

Der fünfte kulturelle Faktor ist - in Anlehnung an den neudeutschen Begriff Flugscham - wohl am besten als "Finanzscham" zu bezeichnen. 

Die wahre Tragödie besteht ja nicht im frappierenden Abstieg von Wirecard, sondern darin, dass der Konzern so lange so bedenkenlos gehätschelt wurde. Warum geschah dies? Weil Wirecard - dem Anschein nach - so etwas wie der einzige Lichtblick in der deutschen Bankenwirtschaft war. 

Denn dass Wirecard ernsthaft als Treiber der deutschen Finanz- und Innovationskraft angesehen wurde, hängt unmittelbar mit dem auf breiter Front schwachen Zustand der Bankenbranche in Deutschland zusammen. 

Um kurz zu rekapitulieren: Die Deutsche Bank ist über die vergangenen zehn Jahre zu einem puren (und zudem oft dunklen) Schatten ihrer einst ruhmreichen Vergangenheit verkommen. Die Commerzbank leidet an fortdauernder Schwindsucht. Der Sparkassensektor kommt mit der Nullzinspolitik nicht zurecht. Der einst grotesk überblähte Landesbankensektor ist noch immer inmitten der Konsolidierung. Und auch dem Genossenschaftssektor geht es kaum besser. Um von der einsetzenden Welle von massiven Corona-bedingten Kreditausfällen ganz zu schweigen. 

Mit anderen Worten: Dem Bankensektor droht in Deutschland ein schleichender Kollaps. Kein Wunder, dass man unter diesen Umständen geneigt war, sich kollektiv am Aufstieg von Wirecard wie an einer Partydroge zu berauschen. Aber diese Form der Ekstase führte zu dem für Partydrogen bekannten Ausgang. 

6. Bayern-Hype 

Der sechste kulturelle Faktor ist der pan-germanische Bayern-Hype und Glaube an das bayrische Wirtschaftswunder. Dank Wirecard, dem Titan aus dem Münchner Umland, hoffte man auf eine Art bayrische SAP-Erfolgsstory. Nun hat der Mythos eine schwere Delle. Das trifft insbesondere Markus Söder, der von 2011 bis 2018, also während der Kernjahre des Aufstiegs von Wirecard, als bayrischer Finanzminister fungierte. 

Natürlich waren er und seine Mannen stolz darauf, dass sich der Großraum München neben seinen vielen anderen wirtschaftlichen Erfolgsstorys im Industrie- und Hightechbereich mit Wirecard nun auch wieder im Finanzbereich hervortat. Die Aschheimer Firma hatte das Zeug, so dachte man, um die Selbstverzwergung der HypoVereinsbank, des ehemaligen Lokalmatadors, endlich vergessen zu machen. 

Und natürlich wird das bayrische Spezltum jetzt sein Bestes geben, allein auf die Zuständigkeiten anderer auf Bundesebene zu verweisen. Aber der Reputationsschaden bleibt eben auch an Bayern hängen. 

Und an der CSU. Dort wird man sich vor allem dringendst wünschen, dass man den ehemaligen CSU-Shootingstar, Ex-Verteidigungsminister und heutigen Lobbyisten Karl-Theodor zu Guttenberg niemals in die Partei aufgenommen hätte. Was er anfasst, entpuppt sich - von seiner Dissertation über Wirecard zur Amthor-Affäre  - als politisches Desaster. Vor allem scheint der gute Mann in seinem Ministerleben etwas Kurioses gelernt zu haben: die Kunst, wie man verlässlich auf jede Mine tritt, die man im Feld des Lobbyismus nur aufspüren kann. 

7. Austria maliciosa? 

Der siebte Faktor ist besonders heikel. Es ist sehr zu hoffen, dass es - quasi als Blitzableitermanöver - nicht zu einer "Austria-maliciosa"-Theorie kommt.

Um das zu verhindern, müsste es neben den beiden Wiener Gesellschaftsgrößen Markus Braun und Jan Marsalek auch eine Reihe von deutschen Managern im Wirecard-Konzern gegeben haben, die als echte Co-Konspirateure handelten - und nicht bloß als Erfüllungsgehilfen des systematisch-maliziösen Geschäftsgebarens der beiden Österreicher. Andernfalls könnten die Deutschen - im Interesse des Selbstschutzes - mal wieder auf "made in Austria" verweisen. 

Die Gefahr ist real. Immerhin hat der Wirecard-Skandal nicht bloß zu einem Unternehmenskonkurs geführt, sondern gleich eine ganze Palette von in Deutschland staatstragenden und systemrelevanten Institutionen erfasst und als hochgradig inkompetent gebrandmarkt. 

Das ist übrigens etwas, dass sich mindestens im Nachhinein als Glücksfall für Russland erweist. Wenn sich dessen Präsident Wladimir Putin in seinem hinlänglich bekannten, maliziös-düsteren Denken und Handeln ein Manöver seines Auslandsgeheimdienstes hätte erträumen können, dann wäre es gewiss die Einschleusung Jan Marsaleks gewesen. 

Via Wirecard und der offen zutage getretenen mangelhaften Kompetenzwahrnehmung innerhalb der relevanten Entscheidungsträger in unserem Wirtschafts- und Finanzsystem steht jedenfalls die gesamte Bundesrepublik Deutschland als inkompetent dar. Das lässt Putin jubilieren. 

Fazit:

Ob in den Konzernen, bei Wirtschaftsprüfern, Aufsichtsbehörden oder in den zuständigen Ministerien: Die jeweiligen internen Kulturen scheinen entweder in gegenseitiger Ahnungslosigkeit oder befehlsgehorsam funktioniert zu haben. Keiner traute sich aus der Reserve und war geneigt, die Verpflichtungen eines ehrbaren Kaufmanns zu erfüllen. 

Das zeigt einerseits die Tiefe der Malaise in der Kultur unserer Ministerialbürokratie sehr deutlich auf. Dass Wirecard jemals ernsthaft als Kronjuwel der deutschen Finanz- und Innovationskraft angesehen wurde, sagt zudem sehr viel über die mangelnde Finanzkompetenz in unserem Land. 

So konnte es geschehen, dass man sich gemeinschaftlich zum Erfüllungsgehilfen der Aschheimer Firma machte. Kein Verfahrensbeteiligter wollte selbst nach den unmissverständlichen Hinweisen in der "Financial Times" davon hören, das die Geschäftspraktiken von Wirecard denen der Mafia und Clanwirtschaft in nichts nachstanden. So konnte es dazu kommen, dass der vermeintliche Unternehmenserfolg von Wirecard hingebungsvoll wie ein Hochamt zelebriert wurde. 

Bei all dem fadenscheinigen Treiben bleibt nur zu hoffen, dass die gemeinschaftlich laxe Haltung der Wirtschaftsprüfer, der Politik und der Behörden kein direktes Spiegelbild einer (Un-)Verantwortungskultur in unserem Land ist.