Wirecard-Skandal Prüfer mit magerer Bilanz

Jahrelang segnete EY die Zahlen von Wirecard ab, bevor dort ein gigantischer Betrug aufflog. Jetzt mussten die Wirtschaftsprüfer ihr Versagen im Bundestag erklären.
Firmenzentrale von Wirecard

Firmenzentrale von Wirecard

Foto: Sven Hoppe/ dpa

»Es ist keine Raketenwissenschaft, was wir da gemacht haben«, sagt Alexander Geschonneck, nachdem er dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags schon einige Stunden Rede und Antwort gestanden hat. »Und es wurde nicht getan.« Auch wenn sich der 50-Jährige bis hierhin um Diplomatie bemüht hat: Das ist eine Ohrfeige für die Konkurrenz.

Für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG leitete Geschonneck ab Ende 2019 eine Sonderprüfung der Bilanzen von Wirecard. Sie bestätigte einen Verdacht gegen den Dax-Konzern, der schon länger schwelte: Angebliche Umsätze in Milliardenhöhe existierten nicht, Kunden und Konten waren offenbar frei erfunden.

All das hatten auch Wirtschaftsprüfer nicht verhindert: Mehr als zehn Jahre lang segnete EY (vormals Ernst & Young) die Bilanzen von Wirecard ab. Erst nach dem verheerenden Bericht von KPMG verweigerten die Prüfer ihr Testat. Wirecard war am Ende.

Nachdem die Abgeordneten vor einer Woche den inhaftierten Ex-Chef Markus Braun und andere frühere Mitarbeiter vernommen hatten, widmeten sie sich am Donnerstag den Prüfern. Deren Rolle ist besonders im Fall von EY so heikel, dass sich vier ebenfalls vorgeladene Mitarbeiter vorerst auf ihre Verschwiegenheitspflichten beriefen. Von der hatten Wirecards Insolvenzverwalter und der verbliebene Vorstand sie zwar ausdrücklich entbunden. EY bezweifelt jedoch, dass dies ausreicht und will eine Klärung vor dem Bundesgerichtshof.

»Wir haben die Fakten nicht bekommen«

Damit blieb es vor allem Geschonneck überlassen, ein Bild von den abenteuerlichen Zuständen bei Wirecard zu zeichnen. Diese wurden offenbar, als sich KPMG-Mitarbeiter bei einem Besuch auf den Philippinen selbst von der Existenz angeblicher Konten überzeugen wollten. Das Gespräch mit Wirecards örtlichem Treuhänder verlief genauso unbefriedigend wie Besuche in zwei Bankfilialen, die nach wenigen Minuten beendet waren. »Wir haben die Fakten nicht bekommen«, fasste Geschonneck zusammen.

Doch warum hat EY nicht auf diese Fakten bestanden? Auch Christian Orth, Leiter der internen Qualitätssicherung, wollte sich nicht konkret zu Wirecard äußern. In einem abstrakten Vortrag über seinen Beruf schilderte er aber ausführlich dessen Grenzen. Wirtschaftsprüfer müssten »nicht unterstellen, dass der Gegenüber per se ein Betrüger ist«, so Orth. »Das würde vollständig den Bogen überspannen.« Vielmehr sei man »stets auf Mitarbeit und Zusammenarbeit des Mandanten angewiesen«.

Eine erstaunlich bescheidene Einschätzung für ein Unternehmen, das gut 37 Milliarden Dollar Umsatz macht und für sich in Anspruch nimmt, »weltweit das Vertrauen in die Kapitalmärkte« zu stärken. Orth betont, die Wirtschaftsprüfer hätten nicht dieselben Möglichkeiten wie Strafverfolger. Aber konnte EY deshalb nicht Presseberichten über Wirecards verdächtige Asien-Geschäfte nachgehen? Oder zumindest den Hinweisen eines Mitarbeiters, der wegen eines Indien-Deals frühzeitig Alarm schlug?

»Jeder gute Prüfer liest auch Zeitung«, versicherte Orth. Und für Whistleblower gebe es bei EY eine interne Hotline. Letztlich aber beschrieb der EY-Mann vor allem ausführlich, dass er in einem »der am stärksten regulierten Berufe in Deutschland« arbeite und das mit den Kontrollen leider nicht so leicht sei so wie es sich die Öffentlichkeit vorstelle.

»Desaströses Zeugnis« für EY

Die Abgeordneten überzeugte das nicht. Von einem »desaströse Zeugnis« für EY sprach der Grünenpolitiker Danyal Bayaz. Der CSU-Abgeordnete Hans Michelbach rückte Orth gar in die Nähe des früheren Wirecard-Chefs. »Sie sagen nix, Herr Braun sagt nix!« An dieser Stelle zog sich der bis dahin selbstbewusst auftretende Prüfer mit seinem Anwalt zurück und bat anschließend um einen respektvolleren Umgang. Im Gegensatz zu Braun werde gegen ihn schließlich in keiner Weise ermittelt. 

Nach Mitternacht ging die Befragung dann weiter mit Orths Kollegen Stefan Heißner, dem Leiter der Forensik-Abteilung. Der 53-Jährige war früher Kripobeamter und »bekämpft Betrug und Korruption«, wie es auf der EY-Seite heißt. Aber die Möglichkeiten als Prüfer redete auch er klein. »Wir sammeln lediglich Fakten«, so Heißner. Einordnen müssten diese andere.

Doch der Druck auf EY steigt. Kurz vor der Anhörung berichtete das »Handelsblatt« , die Wirtschaftsprüferaufsicht Apas habe die Staatsanwaltschaft eingeschaltet – wegen Hinweisen auf Straf­ta­ten der be­tei­lig­ten EY-Ak­teure. Orth behauptete im Ausschuss, er wisse nichts von diesem Bericht. Dann überraschte er die Abgeordneten jedoch mit der Aussage, er habe noch am Vortag selbst die Apas kontaktiert. Die Rechtsabteilung von EY habe dort wegen eines Presseberichts um einen Kontakt gebeten, die Hintergründe kenne er aber nicht.

Nicht nur an dieser Stelle wurde deutlich: Diese Anhörung ist keine Werbeveranstaltung für EY. Auch in der Prüferbranche dürfte sie noch für Diskussionen sorgen. Wie klein diese letztlich ist, zeigte sich, als Orth auf die kritischen Aussagen von Geschonneck angesprochen wurde. »Ach, der Alex«, schmunzelte er. Denn auch Geschonneck war früher mal bei EY.

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