Wirecard-Sondergutachten Dokument des Grauens

Trickst und täuscht das Dax-Unternehmen Wirecard? Ein Sondergutachten sollte Antworten geben. Mehrfach wurde die Veröffentlichung verschoben, jetzt liegt der Bericht vor: Der Inhalt ist erschütternd.
Wirecard-Chef Markus Braun

Wirecard-Chef Markus Braun

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Peter Kneffel/ DPA

Wie kein anderes deutsches Unternehmen spaltet Wirecard die wirtschaftsaffine Öffentlichkeit in bedingungslose Unterstützer und misstrauische Skeptiker: Ist der Zahlungsabwickler aus Aschheim bei München nun Deutschlands Antwort auf die Techgrößen aus dem Silicon Valley, sein Chef Markus Braun ein Genie und der Konzern an der Börse zu Recht mehr wert als die Deutsche Bank? Oder erfindet Wirecard Umsätze, operiert mit nicht existierenden Geschäftspartnern und erwirbt Konkurrenten, hinter denen dubiose Adressen stecken?

Letzteres jedenfalls wirft die britische Tageszeitung "Financial Times" dem Dax-Unternehmen seit Jahren vor. Um die heftigen, für hiesige Verhältnisse geradezu atemberaubenden Anschuldigungen ein für allemal aufzuklären (und bestenfalls natürlich zu widerlegen), hatte Wirecard im Oktober die Wirtschaftsprüfer von KPMG mit einem Sondergutachten beauftragt, von dem nicht weniger als die Existenz des Unternehmens abhängen könnte. Seit Dienstagmorgen, nach mehrfacher Verzögerung und ausreichend Gelegenheit, kommunikative Nebelkerzen zu zünden, liegt dieses Gutachten nun vor.

Es ist, so viel sei schon jetzt verraten, ein Dokument des Grauens.

Zwar fehlt die "smoking gun", also der ultimative Nachweis, dass Wirecard Umsätze erfindet oder aufbläht oder dies in der Vergangenheit getan hat. Doch wer liest, was die Prüfer ihren Schlussfolgerungen als Warnhinweis voranstellen, könnte ohne Umweg zu dem Schluss kommen, dass dieser Nachweis auch kaum zu führen war.

Dokumente monatelang verzögert oder nicht geliefert

Denn dort heißt es, dass Wirecard angeforderte Dokumente monatelang verzögert oder gar nicht geliefert und Interviewtermine mit wesentlichen Mitarbeitern mehrfach verschoben habe. Notwendige IT-Systemzugänge seien den Prüfern verweigert und Schriftstücke nur als Kopie anstatt im Original geliefert worden. Zudem hätten einige von Wirecards wesentlichen Geschäftspartnern die Herausgabe von Daten blockiert.

Mindestens genauso bemerkenswert: Obwohl Wirecard ursprünglich die Veröffentlichung des Gutachtens für das erste Quartal in Aussicht gestellt hatte, reichte das Management noch zwischen dem 17. und 24. April plötzlich Dokumente nach, woraufhin sich die Publikation abermals verzögerte. Beinahe resignativ mutet da der Hinweis von KPMG an, man habe eben jene nachgereichten Unterlagen nicht mehr auf ihre Echtheit prüfen können. Auch bei der deutschen Finanzaufsicht trudelte der Bericht erst kurz vor der Veröffentlichung ein.

Die von der "Financial Times" erhobenen und von KPMG untersuchten Vorwürfe lassen sich in vier Kategorien unterteilen:

  • Wirecard soll Umsätze durch fiktive Kundenbeziehungen im "Dritt-Acquiring" (Third Party Acquiring, TPA) erhöht haben. Dabei handelt es sich um Zahlungen, die Wirecard über externe Partnergesellschaften abwickelt. Erlöse daraus sollen über Wirecard-Gesellschaften in Dubai und Irland geflossen sein.

  • Wirecard gewährt Händlern Kredite, indem das Unternehmen Zahlungen von Kunden vorstreckt, bis diese abgewickelt sind. Diese Merchant-Cash-Advance-Geschäfte soll Wirecard nicht korrekt ausgewiesen haben.

  • Über Kreislaufbuchungen und Rückdatierung von Aufträgen soll Wirecard in Singapur Umsätze zu hoch ausgewiesen haben.

  • Wirecard soll in Indien bei der Übernahme eines Zahlungsabwicklers einen überhöhten Kaufpreis gezahlt haben. Unklar ist, wer davon profitiert hat.

Wirecard weist alle Vorwürfe zurück.

Und das Gutachten?

Mit Blick auf das Partnergeschäft TPA entlastet KPMG den Konzern nicht. Zusammenfassend schreiben die Prüfer, "hinsichtlich der Höhe und Existenz der Umsatzerlöse" aus den Geschäftsbeziehungen zwischen Wirecards Töchtern in Dubai und Irland sowie den externen Partnern könne KPMG "in Bezug auf den Untersuchungszeitraum 2016 bis 2018 weder eine Aussage treffen, dass die Umsatzerlöse existieren und der Höhe nach korrekt sind noch die Aussage treffen, dass die Umsatzerlöse nicht existent und in der Höhe nicht korrekt sind". Insoweit liege ein "Untersuchungshemmnis" vor.

KPMG begründet dies mit Mängeln in der internen Organisation bei Wirecard sowie der fehlenden Bereitschaft der Partnerfirmen, "umfassend und transparent an dieser Sonderuntersuchung mitzuwirken". Es fehlten Kontoauszüge und Bankbestätigungen, die Prüfer hätten Transaktionsketten nicht komplett nachvollziehen können. Unter anderem berichtet KPMG von Zahlungen auf Treuhandkonten im Umfang von einer Milliarde Euro, über die keine hinreichenden Nachweise vorlägen.

Die Prüfer weisen auf Kontrollmängel bei Wirecard hin. "Vor diesem Hintergrund sind die eingerichteten internen Kontrollen aus Sicht von KPMG nicht vollumfänglich ausreichend, um die Höhe und Existenz der Umsatzerlöse im Untersuchungszeitraum vollumfänglich sicherzustellen", heißt es mit Blick auf das Drittparteien-Geschäft. An anderer Stelle ist die Rede davon, dass die Vorgehensweise nicht den Anforderungen an eine ordnungsgemäße Dokumentation" entspreche.

In Anbetracht der Komplexität dieses Drittparteien-Geschäfts halte "KPMG die Verfügbarkeit eines alle getroffenen Nebenabreden umfassenden, auch in formaler Hinsicht vollständigen und konsistenten Vertragswerks (zu jedem Zeitpunkt) für zwingend erforderlich".

Kritische Einordnung der Causa Singapur

Erst im Dezember 2019 hatte Wirecard die Zahlungsabwicklung auch für das Partnergeschäft auf eine neue Plattform umgestellt. KPMG hat angefangen, für Dezember die Daten auf Basis dieser neuen Plattform zu untersuchen, abschließende Ergebnisse liegen aber noch nicht vor. Außerdem stellt KPMG klar, dass etwaige Ergebnisse für diesen einen Monat keine Rückschlüsse auf die Richtigkeit der Zahlen in der Vergangenheit zulassen.

Günstiger fällt für Wirecard das Urteil aus, das KPMG zu dem Händler-Kreditgeschäft (MCA) abgibt. Hier ging es vor allem um Geschäfte in der Türkei und Brasilien. Die Wirtschaftsprüfer erklären, sie hätten keine Hinweise "auf die rechtliche Unzulässigkeit dieser Geschäfte gefunden".

Dagegen sieht KPMG die Causa Singapur kritisch. Der Vorwurf, Wirecard habe dort durch Kreislaufgeschäfte Umsätze geschönt, war bereits von der Kanzlei Rajah & Tann untersucht worden, dann noch einmal von einer weiteren Rechtsanwaltskanzlei und schließlich auch von Wirecards Abschlussprüfer Ernst & Young (EY).

KPMG zufolge weist die Untersuchung durch Rajah & Tann Schwächen auf, die durch die zweite Kanzlei wie auch durch EY nicht vollständig behoben worden seien. In der ersten Untersuchung sei die Datengrundlage - vor allem Informationen aus der Buchhaltung sowie Mails - unvollständig gewesen, was die beiden anderen Prüfer nicht reparieren konnten.

"Nicht oder nicht korrekt in der Buchhaltung erfasst"

KPMG bestätigt einige bereits von EY gewonnene Erkenntnisse, etwa dass es eine "Häufung von Software-Verträgen ohne wirtschaftliche Substanz" gebe, "die nicht oder nicht korrekt in der Buchhaltung der jeweiligen Gesellschaft erfasst wurde". Behörden in Singapur untersuchen diese Sachverhalte noch immer. Wie bereits EY stellte KPMG "Schwächen in den Bereichen Forderungsmanagement und Mahnwesen, Vertragsmanagement und -kontrolle sowie in der Berichterstattung" fest.

Geradezu kurios ist das Untersuchungsergebnis mit Blick auf den Kauf des indischen Unternehmens für 340 Millionen Euro. Verkäufer war ein Fonds, dessen Hintermänner bislang unbekannt waren. Im Raum steht der Vorwurf, jetzige oder frühere Wirecard-Manager könnten hinter dem Fonds stehen und davon profitieren, dass Wirecard zu viel gezahlt habe.

KPMG räumt nun ein, weiterhin völlig im Dunkeln zu tappen. Man wisse schlechterdings nicht, wer der Verkäufer ist - und solange dieser anonym bleibe, seien weitergehende Untersuchungen auch nicht sinnvoll. Wirecard selbst habe zwar versichert, nicht von dem Deal profitiert zu haben; wer der Nutznießer des Verkaufs sei, weiß das Unternehmen nach eigenen Angaben aber auch nicht. Klar sei nur gewesen, dass der Eintritt in den Milliardenmarkt Indien überragende Bedeutung für den Konzern gehabt habe.

Wirecard selbst sieht sich entlastet

Die Untersuchungsergebnisse, vor allem aber die zahlreichen kritischen Anmerkungen sind angesichts der monatelangen Dauer der KPMG-Untersuchung, der Erwartungshaltung der Öffentlichkeit und des potenziellen Flurschadens für den Finanzplatz Deutschland teilweise verheerend. Nochmals zur Erinnerung: Wirecard ist Mitglied im deutschen Auswahl-Aktienindex Dax und rühmt sich als "global player".

Bei der Finanzaufsicht BaFin hieß es: "Wir werden den KPMG-Bericht selbstverständlich in den noch laufenden Teil unserer Marktmanipulationsuntersuchung einfließen lassen. Aktuell untersuchen wir noch, ob Wirecard möglicherweise veröffentlichungspflichtige Informationen zurückgehalten beziehungsweise nicht richtig informiert hat und dadurch Marktmanipulation begangen hat. Unseren Verdacht der Marktmanipulation in Form von Short Attacken hatten wir ja bereits im April 2019 bei der Staatsanwaltschaft München I angezeigt."

Wirecard selbst sieht sich durch den Bericht entlastet.

Ob der KPMG-Bericht etwas an der Frontstellung zwischen Wirecard-Fans und -Kritikern ändern kann, ist freilich offen. Klar ist bislang nur, dass die Investoren das Gutachten zumindest kurzfristig nicht gerade für einen Vertrauensnachweis halten: An der Börse brach die Wirecard-Aktie zu Handelsbeginn um bis zu 20 Prozent ein, um die Mittagszeit notierte sie noch immer rund 16 Prozent schwächer.

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