Vorwurf der Marktmanipulation Staatsanwaltschaft durchsucht Wirecard-Hauptsitz

Die Finanzaufsicht BaFin hat nach SPIEGEL-Informationen Anhaltspunkte, dass der Zahlungsabwickler Wirecard den Aktienmarkt manipuliert haben könnte. Daraufhin wurden die Geschäftsräume durchsucht.
Wirecard-Unternehmenssitz in Aschheim (Archivbild)

Wirecard-Unternehmenssitz in Aschheim (Archivbild)

Foto: Michael Dalder/ REUTERS

Der Druck auf Wirecard-Chef Markus Braun steigt. Nach SPIEGEL-Informationen hat die Finanzaufsicht BaFin Anhaltspunkte dafür, dass das Dax-Unternehmen den Aktienmarkt manipuliert haben könnte. Daher hat sie bei der Staatsanwaltschaft München I Anzeige gegen Braun und seine drei Vorstandskollegen eingereicht - ein Schritt, den die Behörde nur selten geht. Zudem wurden am Freitag die Geschäftsräume des Konzerns am Hauptsitz in Aschheim nahe München durchsucht.

Die Staatsanwaltschaft bestätigte die Informationen. Anlass sind mit zwei womöglich irreführende Wirecard-Pflichtmitteilungen vom 12. März und 22. April. In denen informierte der Zahlungsverkehrsabwickler seine Anleger über ein zum damaligen Zeitpunkt noch nicht fertiggestelltes geschweige denn publiziertes Sondergutachten, das er selbst im Herbst 2019 bei der Wirtschaftsprüfungsfirma KPMG in Auftrag gegeben hatte.

Grund für das Gutachten waren Vorwürfe, Wirecard frisiere seine Bilanzen, täusche Deals vor und erfinde Geschäftspartner. Ursprünglich sollte das Gutachten früh im ersten Quartal publiziert werden und, so Wirecards Hoffnung, das Unternehmen entlasten und seiner Aktie auf die Sprünge helfen. Tatsächlich legte KPMG das Gutachten aber erst Ende April vor, mit teils verheerenden Rückschlüssen auf die Seriosität der Geschäftsführung. Zwar fanden die Gutachter keine Beweise für Bilanztäuschung. Aber für die lückenlose Aufklärung aller Vorwürfe fehlten KPMG wichtige Dokumente und der Zugang zum IT System. Interviewtermine mit Wirecard-Managern wurden vom Unternehmen mehrfach verschoben.

 Anhaltspunkte für irreführende Angaben

Obwohl sich das Gutachten immer weiter hinauszögerte, erweckte Wirecard in seinen Pflichtmitteilungen schon vor der Publikation den Eindruck, als habe das Unternehmen nichts zu befürchten. So heißt es in der Überschrift der Pflichtmitteilung vom 12. März: "Sonderuntersuchung von KPMG hat in den Untersuchungsgebieten Indien, Singapur und Merchant Cash Advance keine Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse des Untersuchungszeitraums." Die Mitteilung vom 22. April ist überschrieben mit: "Sonderuntersuchung von KPMG dauert bis 27. April 2020 an. Untersuchung liefert bislang keine Belege für Bilanzmanipulation." 

Die Bafin sieht darin nach SPIEGEL-Informationen Anhaltspunkte für irreführende Angaben im Vorfeld der Veröffentlichung des KPMG-Berichts – und damit für informationsgestützte Marktmanipulation. Dass es so weit kommen könnte, hatte SPIEGEL.de bereits am 8. Mai berichtet .

Die Bafin selbst wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Fall äußern. Sie teilte lediglich mit, bei Anhaltspunkten für verspätete, unvollständige oder irreführende Angaben über Insiderinformationen Anzeige zu erstatten. Die Staatsanwaltschaft machte zum Ergebnis der Durchsuchung und weiteren Schritten keine weiteren Angaben, "auch um keinesfalls Einfluss auf den Aktienkurs des Unternehmens zu nehmen".

Die Luft wird dünner

Mit der jetzigen Entwicklung wird die Luft immer dünner für Braun und seine Vorstandskollegen Jan Marsalek, Alexander von Knoop und Susanne Steidl. Die Kritik von Anlegern konzentriert sich auf Braun und Marsalek, die seit Jahrzehnten im Konzern arbeiten. Braun ist darüber hinaus mit gut sieben Prozent Großaktionär.

Die Verträge alle vier Vorstände enden am 31. Dezember dieses Jahres, auch das ist äußerst ungewöhnlich. Aufsichtsratschef Thomas Eichelmann hat in der Vergangenheit mehrfach durchblicken lassen, eine Verlängerung der Verträge auch davon abhängig zu machen, ob Wirecard und seine Topmanager aus den Schlagzeilen kommen. Davon kann nach dem heutigen Schritt nicht die Rede sein.

Und die nächsten Showdowns stehen schon bevor: Am 18. Juni will Wirecard endlich seine Bilanz für 2019 vorlegen; die Publikation musste mehrfach verschoben werden, weil das KPMG-Gutachten noch nicht vorlag. Ende August dann soll die ebenfalls ursprünglich früher datierte Hauptversammlung stattfinden. Für Vorstandschef Braun und seine Kollegen könnte es die letzte sein.

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