Markus Braun Staatsanwaltschaft erhebt schwere Vorwürfe gegen Ex-Wirecard-Chef

Wer ist für den Betrug bei Wirecard verantwortlich? Die Münchner Ermittler halten den Ex-Chef Markus Braun für die »Kontroll- und Steuerungsinstanz« einer Bande. Sie fürchten, dass er den wichtigsten Kronzeugen einschüchtern könnte.
Ex-Wirecard-CEO Markus Braun (Archivbild)

Ex-Wirecard-CEO Markus Braun (Archivbild)

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Michael Dalder/ REUTERS

Die Staatsanwaltschaft in München hält den Ex-Wirecard-Chef Markus Braun offensichtlich für in hohem Maße verstrickt in die kriminellen Machenschaften, die zum Zusammenbruch des Finanzdienstleistungskonzerns geführt haben. »Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen« habe der Österreicher »innerhalb der Bande als Kontroll- und Steuerungsinstanz« fungiert, schreibt die leitende Staatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl in einer E-Mail, die dem SPIEGEL vorliegt, und die an den parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Berlin gerichtet ist, der die politischen Hintergründe des Finanzskandals aufklären will. Brauns Anwalt weist alle Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zurück.

Braun habe ein »System nach dem Prinzip ›teile und herrsche‹ aufgebaut«, das geprägt war von »militärisch-kameradschaftlichem Korpsgeist und Treueschwüren untereinander«, heißt es in dem Schriftstück, das am Dienstag versendet wurde. Die Mail steht in Zusammenhang mit der Vorladung Brauns und zwei weiterer inhaftierter Ex-Manager von Wirecard. Braun hatte gegen seine Überstellung nach Berlin beim Bundesgerichtshof geklagt und in einer Eilentscheidung verloren. Bedenken hatte allerdings auch die Staatsanwaltschaft gehabt, die Untersuchungshäftlinge in die Hauptstadt zu transportieren.

Sorge vor Drohungen und Einschüchterungen

In der E-Mail erläutert die Anklägerin aus München dem Ausschuss-Sekretariat nun die Sicherheitsbedenken, die man für die Häftlinge sieht. Denn einer der Hauptverdächtigen, der Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, befindet sich immer noch auf der Flucht und verfügt offensichtlich über gute Kontakte in Geheimdienstkreise verschiedener Länder. Die Staatsanwaltschaft, so lässt sich die E-Mail lesen, hat offenbar Sorge vor Drohungen und Einschüchterungen – nicht gegen Braun, sondern gegen einen anderen Manager, der im Ausschuss in Berlin auftreten sollte, und der bereits als Kronzeuge gegen Braun und Marsalek ausgesagt hat.

Der Kronzeuge habe sich »als einziger entschlossen, vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren«, schreibt die Staatsanwältin, er habe seine eigene Tatbeteiligung »ungeschönt« zugegeben und sowohl Braun als auch ein weiteres Vorstandsmitglied »erheblich belastet«. Deshalb wolle man nicht, dass sich diese drei Personen im Deutschen Bundestag begegnen. »Vor diesem Hintergrund wäre jeder Kontakt, und sei es nur Blickkontakt, gefährlich für die Ermittlungen«. Der Kronzeuge sei für sie ein »Verräter«, so Bäumler-Hösl in der E-Mail.

»Machte sich die von Motivation und psychischem Druck geprägte Struktur zunutze«

Das Schriftstück gibt einen überraschend tiefen Einblick in die Erkenntnisse der Münchner Ermittler, insbesondere zur Person Markus Braun. Dieser habe »strategische Weisungen und konkrete Geschäftsaktionen« vorgegeben. »Bei Anzeichen des Abweichens vom gemeinsamen Tatplan wirkte er (zusammen mit Marsalek) auf die anderen ein und machte sich dabei die von Motivation und psychischem Druck geprägte Struktur zunutze«, so Bäumler-Hösl.

Für die Parlamentarier ist dieses Schreiben eine gute Grundlage für ihre Befragung des ehemaligen Wirecard-Chefs. Doch der dürfte von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen, weil er in dem Ausschuss lediglich als Zeuge gehört wird. Deshalb könnte die Befragung Brauns, für die ein hoher logistischer Aufwand der Justizbehörden nötig sein wird, schnell vorbei sein. Das befürchten auch die Parlamentarier in dem Ausschuss, der am Donnerstag zusammenkommen wird.

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