Fahndung nach Jan Marsalek Kaum Hinweise auf geflüchteten Wirecard-Vorstand

Seit fast zwei Monaten ist der ehemalige Vorstand und mutmaßliche Betrüger Jan Marsalek auf der Flucht. Nun soll die Öffentlichkeit mitsuchen. Die ersten Reaktionen machen wenig Hoffnung.

"Ein Fall, der seit Wochen europaweit für Furore sorgt", so leitete Rudi Cerne, Moderator der TV-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst", am Mittwochabend die öffentliche Fahndung nach Jan Marsalek ein. Bis zum 18. Juni war er als Vorstand des Dax-Konzerns Wirecard tätig, als er entlassen wurde, war er offenbar bereits auf der Flucht. Ihm wird gewerbsmäßiger Bandenbetrug vorgeworfen, besonders schwere Untreue und andere Delikte. Es geht um bis zu 3,2 Milliarden Euro, die Marsalek gemeinsam mit zahlreichen anderen internen und externen Helfern in den vergangenen Jahren aus dem Unternehmen geschleust haben soll. Sein Anwalt äußert sich zu den Vorwürfen nicht.

Nun haben die Staatsanwaltschaft München I, das Polizeipräsidium München und das Bundeskriminalamt (BKA) die Bevölkerung um Unterstützung bei der Suche nach dem 40-jährigen Österreicher gebeten. Europol und Interpol helfen bei der internationalen Suche. Auf der Seite "Europe’s most wanted" , wo Europol die meistgesuchten Verbrecher des Kontinents zeigt, steht Marsalek weit oben zwischen zwei mutmaßlichen Mördern.

Doch das erste Echo auf den Fahndungsaufruf ist verhalten. "Stand heute hat es ein gutes Dutzend Rückmeldungen gegeben", sagte eine Sprecherin des BKA dem SPIEGEL. Auch die Qualität der Hinweise ist offenbar mäßig, heißt es bei der Staatsanwaltschaft München. Von Europol und Interpol gibt es noch keine Rückmeldung.

Kontakte zu Geheimdiensten

Bei Wirtschaftsdelikten ist es nicht ungewöhnlich, dass deutlich weniger Hinweise aus der Bevölkerung kommen, als bei Fällen der allgemeinen Kriminalität, etwa bei Überfällen oder Gewaltverbrechen. Außerdem galt Marsalek schon vor seiner Flucht nicht als jemand, der sich viel in der Öffentlichkeit zeigte oder gar in Bus und Bahn unterwegs war. Er stieg in Luxushotels ab, flog mit Privatjets und feierte in Monte Carlo oder St. Tropez.

Kontakte pflegte er zu Geheimdiensten , in die Politik, aber auch in die Unterwelt. Außerdem war Marsalek viel auf Reisen. Als Vorstand war er unter anderem für das Auslandsgeschäft verantwortlich, die Fahnder verweisen auf gute Kontakte nach Russland, Dubai und die Philippinen und vermuten Marsalek im Ausland.

Seine Flucht hatte Marsalek offenbar geplant, er betrieb sie mit großem Aufwand. So täuschte er vor, am 23. Juni in die Philippinen eingereist und einen Tag später weiter nach China geflogen zu sein. Das philippinische Justizministerium räumte kurz darauf ein, dass die Einreisedaten gefälscht waren. Marsalek soll Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde bestochen haben, um seinen Fluchtweg zu verwischen.

Nach Informationen des SPIEGEL, der Investigativplattformen Bellingcat und The Insider sowie des US-amerikanischen McClatchy Report reiste der flüchtige Manager in der Nacht vom 18. Juni auf den 19. Juni über den Flughafen der Hauptstadt Minsk nach Belarus ein. Das "Handelsblatt" berichtete später, er halte sich in der Nähe von Moskau auf. Doch es gibt widersprüchliche Informationen. Eine Person aus dem Umfeld von Wirecard sagte dem SPIEGEL, Marsalek sei noch am 19. Juni vormittags in München gesehen worden.

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