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Brief an Kunden Wirtschaftsprüfer EY bedauert zu späte Aufdeckung des Wirecard-Betrugs

Bislang schwiegen die Kontrolleure von EY zu den Vorwürfen, zu lasch bei Wirecard geprüft zu haben. Jetzt nimmt das Unternehmen nach SPIEGEL-Informationen Stellung.
aus DER SPIEGEL 39/2020
Ein Büro der Wirtschaftsprüfung EY

Ein Büro der Wirtschaftsprüfung EY

Foto: Political Moments / imago images

Es ist das eherne Gesetz jedes Wirtschaftsprüfers: Niemals öffentlich über ein Mandat sprechen. Das gilt auch für die Kontrolleure von EY. Nur dass diese Regel in den vergangenen Monaten für das Unternehmen zu einer immer größeren Belastung geworden ist.

Denn seit dem Zusammenbruch des Zahlungsabwicklers Wirecard, dem EY über viele Jahre den Jahresabschluss testiert hatte, stehen die Wirtschaftsprüfer in der Öffentlichkeit blamiert da. Sie dürfen nur nicht wirklich etwas sagen, zumindest nichts Konkretes, um sich zu verteidigen.

Doch jetzt hat sich das Management entschlossen, das Schweigen zu brechen. Zumindest den Kunden gegenüber, zu denen unter anderem die Deutsche Bank, Siemens und Volkswagen zählen. Erstmals nimmt EY in dem Schreiben Stellung zu den Vorwürfen, zu nachlässig geprüft zu haben, womöglich sogar Teil des betrügerischen Treibens gewesen zu sein, an dessen Ende sich 1,9 Milliarden Euro angeblichen Vermögens in Luft aufgelöst hatten. Das Schreiben liegt dem SPIEGEL vor.

DER SPIEGEL 39/2020

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"Viele Menschen glauben, der Betrug bei Wirecard hätte früher aufgedeckt werden sollen, und wir verstehen das voll und ganz", schreibt der globale EY-Chef Carmine Di Sibio. Er versichert, wie ernst man die Vorwürfe gegen die Firma nehme. "Obwohl wir erfolgreich waren, den Betrug aufzudecken, bedauern wir, dass er nicht früher aufgedeckt wurde."

Man sei mit einem aufwendigen und ausgeklügelten Betrugssystem konfrontiert gewesen, das nicht nur EY, sondern auch Investoren, Banken, juristische und forensische Prüfer und staatliche Aufseher lange Zeit nicht durchschaut hätten. Als EY Bankbestätigungen für Treuhandkonten von Wirecard anforderte, hätte man gefälschte Bankdokumente vorgelegt bekommen, schreibt Di Sibio. Er nimmt für seine Leute in Anspruch, die Bilanzfälschung im Juni dieses Jahres aufgedeckt zu haben - und nicht die Prüfer von KPMG, die seit Oktober 2019 eine Sonderprüfung vorgenommen hatten.

Vorschläge für eine Art Reform

Damit künftig solche Machenschaften wie bei Wirecard schneller aufgeklärt werden, schlägt Di Sibio eine Reihe von Veränderungen in der Arbeit von Wirtschaftsprüfern vor, unter anderem mehr Rechte, Recherchen auch bis in soziale Medien vornehmen zu dürfen, oder die Pflicht, die Prüfer jährlich in solchen Techniken zu schulen. Zudem erinnert Di Sibio an die Verantwortung des Aufsichtsrats, der in erster Linie dafür zuständig sei, bei Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten in der Bilanz rigoros zu ermitteln.

Der EY-Chef spricht bewusst von Bedauern, nicht früher den Betrug durchschaut zu haben. Das klingt nach einem Kotau, aber nicht in einem rechtlichen Sinne. Mit dieser Formulierung übernimmt er keine Verantwortung. Denn seine Firma ist mittlerweile von zahlreichen betrogenen Anlegern, kleinen wie großen Investoren, auf Schadensersatz verklagt worden. Es drohen jahrelange Gerichtsverfahren, an dessen Ende das Beratungs- und Prüfungsunternehmen in seiner Existenz bedroht sein könnte. Vor allem für den Fall, dass ihm eine vorsätzlich falsche Prüfung nachgewiesen werden könnte.

EY bestreitet jegliche Mitwirkung an dem Betrug durch seine Mitarbeiter. Das teilte ein Sprecher des Prüfunternehmens, das eines der vier großen Anbieter ist, auf Anfrage des SPIEGEL mit. Nach derzeitigem Erkenntnisstand seien die Prüfungshandlungen "professionell und nach bestem Wissen und Gewissen" vorgenommen worden. "Vor diesem Hintergrund weisen wir Anschuldigungen, welche bis zum Vorwurf der Mitwirkung reichen, entschieden zurück", sagte der Sprecher.

Verlust von wichtigen Mandaten

Für EY könnte es aber auch so schon wirtschaftlich schwer werden. Erste Großkunden haben ihre Mandate gekündigt, weil sie einen Reputationsschaden für ihr Unternehmen wegen der Prüfung durch EY befürchten oder auch, um Interessenskonflikte zu vermeiden. Besonders schmerzhaft ist für EY, dass die Commerzbank sie gekündigt hat. Diese ist zum Teil im Staatsbesitz. Hinter der Kündigung vermuten Branchenkenner auch das Bundesfinanzministerium als Verwalter dieser Bundesbeteiligung. Finanzminister Olaf Scholz (SPD) ist erheblich unter Druck geraten in der Wirecard-Affäre, vor allem, weil ihm die Bankenaufsicht unterstellt ist.

Vorwürfe muss Scholz sich aber auch von der Opposition gefallen lassen. Schließlich hat sich sein Ministerium noch im vergangenen Jahr für Wirecard bei der chinesischen Staatsführung eingesetzt. Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss soll die Vorwürfe klären, der Sozialdemokrat hätte viel früher damit aufhören müssen. So hat es zahlreiche Hinweise auf Bilanzmanipulationen gegeben, unter anderem durch EY. In einem erweiterten Prüfbericht für das Geschäftsjahr 2018 waren die Kontrolleure auf mehreren Seiten auf die Anschuldigungen eingegangen, konnten sie aber nicht erhärten und testierten die Bilanz von Wirecard.

Der Finanzminister und seine Partei könnten sich auf EY als Hauptschuldigen einschießen, um vom eigenen Versagen abzulenken. Dem Unternehmen könnte deshalb drohen, auch weitere Mandate bei Unternehmen zu verlieren, die unter staatlichem Einfluss stehen, etwa Lufthansa oder die Deutsche Telekom. Das scheint bei EY offenbar auch den Ausschlag gegeben zu haben, das eigene Schweigen zu beenden.

EY-Chef Di Sibio beschwört in seinem Brief deshalb die hundertjährige Tradition seines Hauses in Deutschland und verspricht "diesem Vertrauen weiterhin uneingeschränkt und kompromisslos verpflichtet" zu sein.

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