Wirtschaftsprüfer EY geht von "umfassendem Betrug" bei Wirecard aus

Jahrelang setzte EY seinen Stempel unter Wirecards Bilanzen. Aber 1,9 Milliarden Euro darin existieren wohl gar nicht. Nach Kritik erklären die Prüfer nun, warum sie die fehlende Summe nicht früher entdeckten.
Wirecard-Hauptsitz in Aschheim nahe München

Wirecard-Hauptsitz in Aschheim nahe München

Foto: PHILIPP GUELLAND/EPA-EFE/Shutterstock

Schon jetzt hat der Wirecard-Skandal große Ausmaße angenommen, Ex-Chef Markus Braun wurde kurzzeitig festgenommen, das Unternehmen ist pleite und der Aktienwert im Keller. Doch wie weit reicht er noch? Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY geht von schwerer Kriminalität in quasi weltumspannenden Maßstab aus. "Es gibt deutliche Hinweise, dass es sich um einen umfassenden Betrug handelt, an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielter Täuschungsabsicht beteiligt waren", teilte EY mit.

"Im Rahmen der Abschlussprüfung für das Geschäftsjahr 2019 hat EY entdeckt, dass gefälschte Saldenbestätigungen und weitere gefälschte Unterlagen für die Treuhandkonten vorgelegt wurden." EY habe das den zuständigen Behörden sowie dem Unternehmen und seinem Aufsichtsrat mitgeteilt.

"Konspirativer Betrug, der darauf abzielt, die Investoren und die Öffentlichkeit zu täuschen, geht oft mit umfangreichen Anstrengungen einher, systematisch und in großem Stil Unterlagen zu fälschen", hieß es in der Mitteilung weiter. "Auch mit umfangreich erweiterten Prüfungshandlungen ist es unter Umständen nicht möglich, diese Art von konspirativem Betrug aufzudecken."

Kritik an EY für späte Entdeckung

EY ist eine der vier großen internationalen Buchprüfungsgesellschaften. Das Unternehmen hatte in den vergangenen Jahren die Jahresabschlüsse von Wirecard testiert, bislang ohne etwas zu beanstanden. Deswegen ist nun auch EY mit scharfer Kritik konfrontiert, die mutmaßlichen Manipulationen nicht früher entdeckt zu haben.

Wirecard hat an diesem Donnerstag beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt, die Aktie des Dax-Konzerns stürzte teilweise um 80 Prozent ab. Zuvor war herausgekommen, dass 1,9 Milliarden Euro in der Jahresbilanz fehlen. Der Konzern geht davon aus, dass das Geld bei zwei philippinischen Banken "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit" gar nicht existiert.

Die Staatsanwaltschaft München I wirft dem vergangene Woche zurückgetretenen Wirecard-Chef Markus Braun vor, mit weiteren mutmaßlichen Tätern die Bilanzsumme und das Umsatzvolumen von Wirecard durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht zu haben. Braun wurde am Dienstag kurzzeitig festgenommen und später gegen eine Kaution von fünf Millionen Euro wieder freigelassen. Zuvor hatte er in einer Serie von Aktienverkäufen insgesamt 155 Millionen Euro erlöst.

kko/dpa
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