Wirtschaftskrise GM überdenkt Opel-Verkauf

Im Fall Opel deutet sich eine spektakuläre Wende an. Laut mehreren Zeitungsberichten lässt GM-Chef Henderson Alternativen zum Verkauf der deutschen Tochter prüfen. Bundesregierung und Belegschaft sind empört.
GM-Chef Henderson: Doch kein Verkauf von Opel?

GM-Chef Henderson: Doch kein Verkauf von Opel?

Foto: BILL PUGLIANO/ AFP

New York/Berlin - Nun könnte es doch ganz anders kommen als erwartet. Möglicherweise behält General Motors (GM) den deutschen Autobauer Opel. Laut "Wall Street Journal" ("WSJ"), "Financial Times" und "New York Times" vom Dienstag prüft der US-Autobauer entsprechende Ideen. Der GM-Verwaltungsrat habe das Management beauftragt, Alternativen zu einem Opel-Verkauf zu prüfen, schrieb das "WSJ" unter Berufung auf informierte Personen. Dazu gehöre ein Finanzierungsplan im Volumen von 4,3 Milliarden Dollar (rund 3 Mrd Euro), um Opel und die britische Schwestermarke Vauxhall als GM-Tochter wieder auf Trab zu bringen. GM-Chef Fritz Henderson solle die Finanzierung bis Anfang September in Gang setzen, hieß es.

Der GM-Verwaltungsrat hatte am vergangenen Freitag eine Entscheidung über den auch von Henderson unterstützen Verkauf von Opel an den österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna und seine russischen Partner vertagt - und damit die deutsche Regierung verärgert, die das Opel-Problem noch vor der Bundestagswahl lösen will. Bund und Länder wollen Staatshilfe von 4,5 Milliarden Euro bisher nur gewähren, wenn Magna den Zuschlag erhält.

Berlin forderte GM am Montag zu einem Spitzentreffen auf. Der US-Konzern will dazu noch diese Woche einen Top-Manager nach Deutschland schicken. Dabei dürfte es sich nach Angaben aus Konzernkreisen um Henderson oder den GM-Verhandlungsführer John Smith handeln. Ein Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist aber nach Informationen aus Berlin nicht geplant.

Opel ist für GM unter anderem wegen des Entwicklungszentrums in Rüsselsheim wichtig. Dort wird die Plattform für alle GM-Mittelklassewagen entwickelt und auch der Hoffnungsträger des Konzerns, das Elektroauto Chevy Volt, wurde maßgeblich von deutschen Ingenieuren entworfen.

Politisch wird die Angelegenheit dadurch noch heikler, dass die US-Regierung den neuen GM-Konzern seit der Insolvenz im Sommer mehrheitlich kontrolliert. Washington hat rund 50 Milliarden Dollar in das seit Jahren verlustreiche Unternehmen gepumpt. Auch in Russland dürfte der neue GM-Kurs für Unmut sorgen, da Moskau über die staatliche Sberbank in den geplanten Deal involviert ist.

Bundesregierung wird ungeduldig

Möglicherweise könnte es sich bei der neuen Wendung um einen Schachzug handeln, um die Bundesregierung unter Druck zu setzen - und zu noch mehr Zugeständnissen zu bewegen.

Offiziell hieß es von GM, man benötige weitere Informationen über die staatlichen Bürgschaften und die Finanzierungen der Opel-Übernahme. "Wir wollen die noch offenen Fragen klären und hoffen auf eine baldige Einigung", sagte ein Sprecher von GM Europe. Merkels Sprecher Ulrich Wilhelm erklärte am Montag jedoch, die deutsche Seite habe ihre Hausaufgaben gemacht. Es lägen unterschriftsreife Verträge der beiden Interessenten Magna und RHJI vor. Er vermied offene Kritik am Vorgehen der Amerikaner: "Das Thema kann man nicht in Konfrontation lösen, sondern nur miteinander."

Laut Wilhelm hat es am Wochenende bereits auf Arbeitsebene Kontakte vom Kanzleramt und dem Weißen Haus in Washington gegeben. Es bleibe bis zur nächsten regulären Sitzung des GM- Verwaltungsrates um den 8./9. September Zeit, um die offenen Punkte zu klären.

US-Präsident Barack Obama will sich nach offiziellen Angaben nicht in die Entscheidung von GM über die Zukunft von Opel einmischen. Obama denke, dass die aktuellen unternehmerischen Entscheidungen des Autobauers von den GM-Managern selbst gefällt werden müssten, betonte der stellvertretende Sprecher des Weißen Hauses, Bill Burton, am Montag auf der Atlantikinsel Martha's Vineyard, dem Ferienort der Präsidentenfamilie. Angesichts der neuen Mehrheitsverhältnisse waren mehrere Mitglieder des Verwaltungsrates von der US-Regierung ernannt worden.

Die Hängepartie hat laut Bundesregierung keine Auswirkungen auf das operative Geschäft von Opel. Dank der staatlichen Brückenfinanzierung - der Autobauer erhielt ein Darlehen von 1,5 Milliarden Euro - reiche die Liquidität aus, sagte Wilhelm. Der Rüsselsheimer Autobauer gehört zu jenen Herstellern, die in den vergangenen Monaten beim Absatz von der staatlichen Abwrackprämie deutlich profitierten.

IG Metall macht Druck beim Opel-Verkauf

Die IG Metall droht inzwischen mit massiven Aktionen, falls GM nicht bald eine Entscheidung fällt. Entscheide der Mutterkonzern gegen die europäischen Arbeitnehmerinteressen, blieben der Belegschaft nur "Mittel des zivilen Widerstands", sagte IG-Metall-Chef Berthold Huber der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Konkreter wollte er sich aber nicht äußern.

Bereits am Montag hatte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz klare Drohungen ausgesprochen. Sollte es bis Ende dieser Woche keine Entscheidung geben, werde die Belegschaft aktiv, sagte er im Deutschlandfunk. Nach Informationen von "Bild.de" ist an eine Kundgebung von Opelanern vor der US-Botschaft in Berlin gedacht. Schon am Wochenende könnte die Demonstration stattfinden, hieß es. Opel-Mitarbeiter wollten von ihren Standorten aus mit Bussen in die Hauptstadt fahren. Die Vorbereitungen dafür liefen bereits.

ler/dpa/AP
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