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Russlands Wirtschaftskrise: "Der Wandel muss jetzt kommen"

Foto: MIHAIL METZEL/ AFP

Russland in der Krise "Die Wirtschaft ist Putins Achillesferse"

Russlands Wirtschaft gerät ins Stocken, manche fürchten jahrzehntelange Stagnation. Kreml-Experte Chris Weafer verrät im Interview, was nun auf das Putin-Reich zukommt.
Zur Person
Foto: Getty Images for The New York Times

Chris Weafer, geboren in Irland, ist einer der angesehensten Kenner der russischen Wirtschaft. Weafer arbeitet seit mehr als 19 Jahren in Russland. Er war Chefstratege der staatlichen Sberbank, der Alfa Bank und der Uralsib Financial Group. Seit 2013 arbeitet Weafer als selbständiger Berater in Moskau.

SPIEGEL ONLINE: 2013 war kein gutes Jahr für die russische Wirtschaft. Erwartet wurden 3,7 Prozent Wachstum, am Ende waren es 1,3 Prozent. Findet Russland 2014 zurück zur Stärke?

Weafer: 2014 wird das Jahr der Entscheidung. Russland steht an einer Weggabelung. Die Phase hohen Wachstums durch steigende Rohstoffeinnahmen und wachsende Konsumausgaben ist vorbei. Das Land braucht einen neuen Wachstumsmotor.

SPIEGEL ONLINE: Wirtschaftsminister Alexej Ulukajew warnt vor einer Stagnation, die zwei Jahrzehnte dauern könnte.

Weafer: Das ist eine bewusste Provokation, um Putins Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken. Die Wirtschaft ist die Achillesferse des Kreml. Vor ein paar Jahren war das Wachstum noch okay, verglichen mit dem Rest der Welt. Für die Regierung war das der Vorwand, um nichts tun zu müssen. Doch die Zeiten ändern sich. Europa und Amerika kommen wieder besser in Tritt. Putin kann nicht länger den Westen für das schwache Wachstum verantwortlich machen.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist ausgerechnet 2014 entscheidend?

Weafer: Die Zeit ist knapp. Reformen sind kurzfristig schmerzhaft und tragen Früchte erst nach zwei, drei Jahren. 2016 stehen die nächsten Parlamentswahlen an, 2018 die Präsidentschaftswahlen. Deshalb muss der Wandel jetzt kommen, oder er kommt nie.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind die Parteien in diesem Konflikt?

Weafer: Es ist wichtig zu verstehen, dass im Kreml unterschiedliche Gruppen um Einfluss ringen. Putin ist der Schiedsrichter, die Kreml-Fraktionen buhlen um seine Gunst. Sie kämpfen darum, mit ihren Meinungen und Empfehlungen bis zu Putin durchzudringen. Auf der einen Seite stehen jene, die wir Wirtschaftsliberale nennen. Dazu zählen die Ministerien der Finanzen und der Wirtschaft, die Zentralbank, das Lager um Premierminister Dmitrij Medwedew. Sie werden auch von Oligarchen unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Was will diese Gruppe?

Weafer: Langfristige Strukturreformen. Das Geschäftsklima muss sich verbessern, die Korruption eingedämmt werden. Ex-Finanzminister Alexej Kudrin hat recht, wenn er die Ausgaben für Verteidigung als viel zu hoch kritisiert. Geld muss umverteilt werden von unproduktiven Ausgaben hin zu Investitionen, etwa in die Infrastruktur. Das wird schwer: Die Ausgaben im öffentlichen Sektor sind dramatisch gestiegen. Die Löhne und Gehälter von Staatsbediensteten sind 2013 real um 15 Prozent gewachsen, in der Privatwirtschaft dagegen nur um fünf Prozent. Russland zahlt sich mehr Geld aus als das Wachstum erlaubt.

SPIEGEL ONLINE: Wer leistet Widerstand gegen die Reformpläne?

Weafer: Die großen Staatskonzerne, die Bürokratie und die "Silowiki", also die Vertreter der Geheimdienste. Sie haben kein Interesse an Wandel. Das zeigt sich etwa bei der Privatisierung: Putin hat ihnen im Wahlkampf versprochen, bis 2016 sollten hundert Milliarden Dollar erlöst werden. Tatsächlich kamen gerade einmal zwei Milliarden Dollar zustande, die Lobby der Staatskonzerne hat sie blockiert.

SPIEGEL ONLINE: Braucht Russland die Einnahmen denn? Anders als viele EU-Staaten hat Russland kaum Schulden.

Weafer: Kurzfristig ist das kein Problem. Moskau hat kein Loch im Staatshaushalt, dank der Rohstoffeinnahmen. Aber langfristig fällt es schwer, von einer Wirtschaftsstrategie zu sprechen, wenn man jedes Jahr nur auf einen hohen Ölpreis hofft.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn schlecht an Staatskonzernen?

Weafer: Sie stehen kaum in Wettbewerb. Effizienz ist ihnen egal, auch die Rechte von Investoren. Als der staatliche Ölkonzern Rosneft TNK-BP aufkaufte, sprang er recht ruppig mit den kleineren TNK-BP-Shareholdern um. Sie sollten mit einem Bruchteil des Preises pro Aktie abgespeist werden, den Rosneft den TNK-BP-Großaktionären gezahlt hatte. Das war schlecht für Russlands Ansehen bei Investoren.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Gründe für Russlands Wachstumsschwäche?

Weafer: Der Öl-Boom endet, er ist nicht länger Quelle für Wachstum. Auch der Konsum treibt es nicht länger an. Der Umsatz des Einzelhandels ist nur um drei Prozent gewachsen, statt der erwarteten sieben. Die Bürger erwarten harte Zeiten, deshalb schieben sie große Anschaffungen auf. Die Investitionen schrumpfen. Kredite sind zu teuer: Wer ein Auto in Russland finanzieren will, muss bis zu 18 Prozent Zinsen zahlen. Ähnlich schwer kommen kleine und mittlere Betriebe an Geld.

SPIEGEL ONLINE: Russlands Bevölkerung schrumpft. Schlägt sich das wirtschaftlich nieder?

Weafer: Russland wird in den nächsten acht Jahren zehn Prozent seiner arbeitsfähigen Bevölkerung verlieren. Das Defizit des Rentensystems beläuft sich aber schon heute auf 1,8 Prozent der Wirtschaftsleistung, das sind 35 Milliarden Dollar pro Jahr. In ein paar Jahren wird die Lücke doppelt so groß sein. Ich halte das für einen der Gründe, warum Moskau die Ukraine fester an sich binden will: Mittelfristig könnten dort Arbeitskräfte angeworben werden.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Befürworter von Reformen eine Chance, zu Putin durchzudringen?

Weafer: Sie müssen Putins Charakter berücksichtigen. Er riskiert nur sehr ungern. Stabilität hat für ihn Priorität, sie ist für ihn der Grund, nichts zu ändern. Deshalb fallen die Warnungen der Liberalen nun so drastisch aus: Sie wollen Putin zum Handeln zwingen. Ihre Botschaft lautet: Weiter die Hände in den Schoß zu legen, wird riskanter sein, als jetzt Reformen einzuleiten.

Das Interview führte Benjamin Bidder in Moskau
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