Prozess gegen Ex-Wölbern-Chef Schulte Zur Begrüßung zwei Anträge auf Befangenheit

Ein adretter Angeklagter, eine zahlenschwangere Anklageschrift und zwei bemerkenswerte Befangenheitsanträge - in Hamburg begann heute der Prozess gegen Heinrich Maria Schulte, Exchef des Fondshauses Wölbern Invest. Es geht um 150 Millionen Euro. Bis zu 40.000 Anleger sind betroffen.

Ex-Wölbern-Geschäftsführer Schulte (Mitte), Anwälte: Demonstrative Ruhe
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Ex-Wölbern-Geschäftsführer Schulte (Mitte), Anwälte: Demonstrative Ruhe

Von manager-magazin.de-Redakteur


Hamburg - Kerzengerade die Haltung, millimetergenau die Frisur, picobello der Anzug - der Mann, der dort mitten im Saal 337 des Landgerichts am Hamburger Sievekingplatz 3 steht, sieht aus, als käme er direkt aus dem Urlaub. Kommt er aber nicht: Heinrich Maria Schulte hat die vergangenen acht Monate wenige Meter entfernt in Untersuchungshaft verbracht.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, fast 150 Millionen Euro aus geschlossenen Fonds des Emissionshauses Wölbern Invest veruntreut zu haben. Heute begann in Hamburg der Prozess gegen ihn.

So viel steht fest: Sollte Schulte auch nur eine Spur von Nervosität verspüren, aufgrund der durchaus schwerwiegenden Vorwürfe, die gegen ihn erhoben werden, so versteht er das gut zu verbergen. Mit demonstrativer Ruhe lässt er seinen Blick durch den Raum schweifen, tuschelt gelegentlich mit seinen Anwälten und lächelt einmal sogar ins Publikum, als er dort offenbar ein vertrautes Gesicht erblickt. Nur das unablässige Kneten seiner Hände lässt Anspannung erahnen.

Viele Dutzend Augenpaare richten sich an diesem Montag auf Schulte. Bis zu 40.000 Geldanleger sollen durch sein Handeln zu Schaden gekommen sein - viele von ihnen haben sich offenbar am Montag auf den Weg zum Gericht gemacht. Hinzu kommen Anwälte, Medienvertreter, Schaulustige. Schon mehr als eine Stunde vor Prozessbeginn sammeln sich die ersten Neugierigen vor dem Verhandlungssaal.

Zwei Befangenheitsanträge von der Verteidigung

Um 13.08 Uhr eröffnet der Vorsitzende Richter Hartmut Loth die Verhandlung - und wird sogleich von Schultes Verteidiger, dem Hamburger Wolf Römmig unterbrochen. Zwei Befangenheitsanträge stellt die Verteidigung gegen das Gericht. Zum einen sei einer der Richter voreingenommen, weil sein Vater in seiner Funktion als Richter am Oberlandesgericht vor einigen Wochen über die Haftverlängerung Schultes entschieden habe.

Zum anderen habe sich das Gericht nicht ausreichend in die Akten eingearbeitet und folge stattdessen allzu sehr der von der Staatsanwaltschaft vorgegebenen Richtung.

Die Zahlen, die Schultes Anwälte bei der Gelegenheit verlesen, lassen den Umfang dieses Wirtschafts-Strafverfahrens erahnen. Von 472.500 Blatt Papier ist da die Rede, von 1,3 Terabyte Datenmaterial und von 127 Umzugkartons voll mit sichergestellten Materialien, von denen - laut Verteidigung - erst 19 überhaupt geöffnet worden seien.

Ob dem tatsächlich so ist und ob sich daraus eine Befangenheit ableiten lässt, die einen Austausch der Richter erforderlich machen würde, müssen nun andere Juristen des Landgerichts entscheiden. Der aktuell vorsitzende Richter Loth jedenfalls verkündet nach kurzer Beratung, man werde zunächst mal weitermachen, und zwar mit der Verlesung der Anklage.

Das heißt: Auftritt Staatsanwalt Heyner Heyen. Ihm gehören die nächsten 50 Minuten, während derer er die Vorwürfe gegen Schulte haarklein vom Blatt abliest: 147,3 Millionen Euro soll der frühere Inhaber und Chef von Wölbern Invest zwischen August 2011 und September 2013 aus geschlossenen Fonds des Hauses unrechtmäßig entnommen und zweckentfremdet haben.

Laut Staatsanwaltschaft flossen die Gelder über Konten der niederländischen Wölbern-Tochter Wölbern Invest B.V. bei der Sydbank Hamburg. Unter anderem seien davon letztlich 40 Millionen auf einem Privatkonto Schultes gelandet. Zudem habe Schulte in Höhe von zehn Millionen Euro "privat veranlasste Verfügungen" vorgenommen, sprich: private Rechnungen bezahlt.

Der Vortrag Heyens gibt auch Aufschluss über Details, die bislang kaum publik waren. Denn der Staatsanwalt liest sämtliche 360 beanstandeten Überweisungen aus Wölbern-Fonds einzeln vor, inklusive Datum und Betrag. Die höchste einzelne Geldentnahme beispielsweise erfolgte demnach am 1. September 2011, als sechs Millionen Euro aus dem Fonds Frankreich 04 abgezogen worden seien. Mit mehr als 20 Millionen Euro entstand in dieser Beteiligungsgesellschaft zudem laut Staatsanwaltschaft das größte Liquiditätsloch.

Erste Worte vom Verteidiger

Schulte hatte vor seiner Festnahme im September 2013 mehrfach betont, keine Gelder unrechtmäßig entnommen und verwendet zu haben. Zu den konkreten Vorwürfen der Staatsanwaltschaft hatte er sich vor Prozessbeginn jedoch nicht geäußert.

Das dürfte sich am morgigen Dienstag ändern, dem zweiten Verhandlungstag. Als Staatsanwalt Heyen seinen Vortrag beendet hat, kündigt Schultes juristischer Beistand für den Folgetag eine Einlassung seines Mandanten an.

Einen Vorgeschmack darauf gab Anwalt Römmig nach der Verhandlung vor dem Gerichtssaal. Die Vorwürfe gegen seinen Mandanten seien schwerwiegend, er habe aber Zweifel, dass sie Bestand hätten, sagte der Strafverteidiger, der bislang ebenfalls jedes Statement abgelehnt hatte, in eine Kamera des "NDR".

Was die Staatsanwaltschaft zusammengetragen habe, sei einseitig, so Römmig weiter. Viele Rückflüsse in die Fondsgesellschaften seien nicht berücksichtigt worden. Auf dem Privatkonto von Schulte befinde sich kein Geld, das dort nicht hingehöre.

Dann dreht sich Römmig weg und geht. Allerdings nicht, ohne zuvor noch einige Visitenkarten an Journalisten zu verteilen. Der Kontakt dürfte in den kommenden Wochen intensiver werden.



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