Prognose wegen Ukrainekriegs Wohnungsbau könnte nächstes Jahr massiv einbrechen

Krieg und Pandemie machen der Bauindustrie zu schaffen: Branchenverbände fürchten wegen Materialmangels und Preissteigerungen, dass bald viel weniger neue Wohnungen gebaut werden. Probleme gibt es auch im Straßenbau.
Baustelle in der Hamburger HafenCity (Archivbild): »Es ist eine Situation, wie wir sie noch nie hatten«

Baustelle in der Hamburger HafenCity (Archivbild): »Es ist eine Situation, wie wir sie noch nie hatten«

Foto: Marcus Brandt / dpa

Der Wohnungsbau in Deutschland steht nach Einschätzung von Branchenverbänden 2023 vor einem Einbruch. Aufgrund von Materialmangel und rasant steigenden Preisen könnten bald deutlich weniger neue Wohnungen gebaut werden. Die Kosten neuer Bauvorhaben für die auftraggebenden Wohnungsunternehmen und für viele ausführende Baufirmen und Handwerker würden durch die Entwicklung unkalkulierbar, heißt es übereinstimmend in Wohnungs- und Baubranche.

Die Probleme sind vor allem Folgen der Coronapandemie und des russischen Angriffskriegs in der Ukraine. Die Entwicklungen stellen die Bauindustrie laut Branchenangaben vor bisher nicht gekannte Probleme und drohen die aktuell positive Baukonjunktur abzuwürgen.

»Da wird es Einbrüche geben, und zwar ganz deutliche«, sagte Hans Maier, Direktor des Verbands der bayerischen Wohnungswirtschaft (VDW), der Deutschen Presse-Agentur mit Blick auf das Jahr 2023. »86 Prozent der Wohnungsgenossenschaften und der sozial orientierten Wohnungsgesellschaften in Norddeutschland schätzen die Aussichten für den Neubau derzeit als schlecht beziehungsweise als sehr schlecht ein«, sagte ein Sprecher des norddeutschen Schwesterverbands VNW in Hamburg.

»60 Prozent wollen deshalb den Start von Neubauprojekten verschieben beziehungsweise sind noch unsicher.« Beide Verbände vertreten überwiegend sozial orientierte Vermieter wie Genossenschaften und kommunale Wohnungsgesellschaften.

»Eine Situation, wie wir sie noch nie hatten«

Derzeit bauen die Wohnungsunternehmen trotz Kostensteigerungen landauf, landab noch fleißig. So auch Deutschlands größtes Wohnungsunternehmen Vonovia in Bochum und dessen hauseigener Bauträger Buwog Development: »Doch da die Buwog mit ihren Nachunternehmern zumeist Festpreise vereinbart, haben solche Preisschwankungen normalerweise keine kurzfristigen Auswirkungen auf unser Neubaugeschäft oder die Preise der aktuell angebotenen Eigentumswohnungen«, sagt Buwog-Geschäftsführerin Eva Weiß.

Mittel- und langfristig sind die Aussichten jedoch unerfreulich. In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Hauptverbands der deutschen Bauindustrie klagten 90 Prozent der Unternehmen über Preissteigerungen, 80 Prozent über Lieferengpässe. Demnach geben Baustofflieferanten für viele Materialien derzeit nur noch tagesaktuelle oder gar keine Preise mehr an.

»Es ist eine Situation, wie wir sie noch nie hatten«, berichtet ein Sprecher des Landesverbands der bayerischen Bauinnungen in München. »Wir haben eine Riesenauftragswelle, und gleichzeitig fehlen die Rohstoffe. Wir haben alle acht Wochen massivste Preissteigerungen.« Auf Mieter und Eigentümer kommen außerdem aufgrund von Modernisierungen massive Kosten zu, die der Staat mit Förderprogrammen auffangen will. (Lesen Sie hier mehr dazu. )

Stahl, Holz, Fliesen und vieles mehr werden knapp

Stahl und Stahllegierungen, das in vielen Baumaterialien eingesetzte Aluminium und Holz sind nach Angaben von Bau- und Wohnungsbranche teilweise nicht verfügbar. Dämmstoffe seien ebenso wie das für den Straßenbau wichtige Bitumen ebenfalls knapp, heißt. Auch bei Fliesen und Keramik gibt es demnach Engpässe und massive Teuerung.

Baustelle in München: Stahl wird knapp

Baustelle in München: Stahl wird knapp

Foto: Carsten Hoefer / dpa

Bauherren und Baufirmen vereinbaren in ihren Verträgen in der Regel vor Baubeginn Festpreise. Wenn die Materialkosten so schnell steigen wie derzeit, laufen die Bauunternehmen Gefahr, am Ende trotz voller Auslastung Verluste zu machen. Um roten Zahlen vorzubeugen, bewerben sich viele Firmen deswegen nicht mehr um neue Aufträge: »In der Konsequenz geben über 30 Prozent der Bauunternehmen keine neuen Angebote mehr ab«, heißt es beim Bauindustrie-Hauptverband.

Er fürchte einen deutlichen Rückgang des Wohnungsneubaus, sagte VNW-Direktor Andreas Breitner mit Blick auf die norddeutschen Bundesländer, für die sein Verband zuständig ist. »Aufgrund der langen Vorlaufzeiten wird auf dem Bau noch in diesem und nächsten Jahr fertiggestellt, und spätestens 2024/25 ist Schluss.«

Auch der Straßenbau ist betroffen

Das Problem betrifft nicht nur den Hoch-, sondern auch den Tiefbau – also neue Straßen, Tunnel und Eisenbahn. Bund und Länder versuchen, Bauunternehmen mithilfe sogenannter Preisgleitklauseln zu unterstützen. Dies erlaubt es Baufirmen, Preise auch nach Vertragsabschluss nachträglich zu erhöhen.

Damit werden Kostensteigerungen an die Bauherren weitergegeben. Ein Beispiel ist die Autobahn GmbH des Bundes. »Aktuell geht die Autobahn GmbH davon aus, dass die für das Jahr 2022 geplanten Bauprojekte realisiert werden können«, sagt ein Sprecher. »Bei den neuen Ausschreibungen werden bereits Preisgleitklauseln angewendet, wenn dies haushaltsrechtlich zulässig ist.«

Besserung ist derzeit nicht in Sicht: »Die Gefahr einer Verknappung von Baustoffen besteht überall dort, wo die Länder Russland, Ukraine und Belarus in der Prozesskette mit vorkommen«, sagt eine Sprecherin des Münchner Mischkonzerns und Baustoffhändlers Baywa.

Abgesehen vom Ukrainekrieg kommen zusätzliche schlechte Nachrichten für die deutsche Baubranche aus Ostasien. Die drakonische Coronapolitik in China und der Lockdown in Shanghai könnten die internationalen Lieferketten nach Einschätzung von Ökonomen noch weiter in Unordnung bringen. Der Großraum Shanghai ist die Herzkammer der chinesischen Wirtschaft, der Hafen der größte Containerhafen der Welt.

hpp/dpa
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