Worum es im Wirecard-Skandal geht Der Totalschaden

Der Aktienkurs stürzt ab, der Chef wirft hin: Im Bilanzskandal um Wirecard überschlagen sich die Nachrichten. Was steckt dahinter? Und welche Konsequenzen muss das Unternehmen jetzt fürchten?
Markus Braun, seit Freitagnachmittag Ex-Vorstandschef von Wirecard

Markus Braun, seit Freitagnachmittag Ex-Vorstandschef von Wirecard

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Peter Kneffel/ dpa

Was ist passiert?

Eigentlich hätte der Donnerstag dieser Woche für Wirecard der Tag des Befreiungsschlags sein sollen: Der Zahlungsverkehrsdienstleister aus Aschheim bei München, seit Herbst 2018 Mitglied im wichtigsten deutschen Aktienindex Dax, steht seit Jahren im Verdacht, seine Bilanzen zu frisieren sowie Deals und Geschäftspartner vorzutäuschen. Nachdem ein Sondergutachten der Wirtschaftsprüfer von KPMG zwar ungeheuerliche Aufsichtsmängel im Konzern festgestellt hat, andererseits aber nicht stichhaltig belegen konnte, dass an den Vorwürfen gegen Wirecard etwas dran ist, hätte das Unternehmen am Donnerstag eigentlich seine Bilanz für 2019 vorlegen sollen. Deren Präsentation war wegen des KPMG-Gutachtens mehrfach verschoben worden.

DER SPIEGEL

Als die Finanzwelt sich also am Morgen der lang erwarteten Bilanz widmen wollte, die alles klären sollte, teilte das Unternehmen plötzlich mit, dass es dazu nicht kommen werde, weil der Bilanzprüfer EY den Nachweis über angebliche Bankguthaben von 1,9 Milliarden Euro vermisse und den Geschäftsbericht daher nicht testieren könne. Es folgte ein historischer Absturz der Wirecard-Aktie um mehr als 60 Prozent, der sich am Freitag fortsetze - sowie ein Totalschaden für den Finanzplatz Deutschland .

Wirecard selbst sieht sich als Opfer und hat Anzeige gegen unbekannt gestellt. Die Führung des Konzerns geht davon aus, womöglich um eben jene verschwundenen 1,9 Milliarden Euro betrogen worden zu sein.

Doch auch intern kracht es gewaltig. Am Donnerstag wurde zunächst Jan Marsalek, einer der vier Vorstände des Unternehmens, freigestellt. Am Freitag verkündete dann der langjährige Konzernchef Markus Braun seinen sofortigen Rücktritt.

Unterdessen meldeten sich zwei philippinische Banken zu Wort, bei denen Wirecard Berichten zufolge die fraglichen Treuhandkonten unterhalten soll, auf denen die 1,9 Milliarden Euro fehlen. "Wirecard ist kein Kunde von uns", erklärten die BDO Unibank und die Bank of the Philippine Islands (BPI) in zwei getrennten Mitteilungen. Dokumente, die externe Prüfer von Wirecard vorgelegt hätten, seien gefälscht, erklärte BPI. Man werde den Fall weiter untersuchen. BDO teilte mit, Papiere, die ein Konto von Wirecard bei der Bank bestätigen sollten, trügen gefälschte Unterschriften von Bankenvertretern.

Was droht dem Unternehmen jetzt?

Wirecard selbst hat am Donnerstag mitgeteilt, dass an diesem Freitag Kredite in Höhe von rund zwei Milliarden Euro gekündigt werden könnten, sollte EY nicht im Laufe des Tages doch noch den Jahresabschluss testieren. Das ist eine ungewöhnlich transparente Ansage des für seine Intransparenz bekannten Konzerns. Hintergrund könnten Klauseln in den Kreditverträgen sein, die die Banken dazu zwingen, Darlehen zurückzuverlangen, sofern ein Unternehmen keine testierte Bilanz vorlegt.

Es ist davon auszugehen, dass mit den zwei Milliarden Euro nicht der tatsächliche Umfang der Kredite an Wirecard gemeint ist, sondern die Höhe der sogenannten Kreditlinie, bis zu der Wirecard Darlehen aufnehmen kann. Anders ausgedrückt: Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass das Kreditvolumen etwas geringer ist als zwei Milliarden Euro. Vor einiger Zeit hat das Unternehmen eine Anleihe ausgegeben und mit dem japanischen Investor Softbank eine Kooperation beschlossen; beides hat ihm frische Liquidität verschafft.

Experten schätzen, dass es um 900 Millionen Euro Kredit geht, der sich auf etwa 15 Banken verteilt. Für jede einzelne Bank betrachtet, wäre ein Kreditausfall wohl verkraftbar. Andererseits würde eine Kündigung aller Kredite Wirecard vermutlich direkt in die Insolvenz treiben, das Geld wäre für die Banken weitgehend verloren. Um das zu verhindern, könnten sie die Klauseln in den Kreditverträgen aussetzen beziehungsweise mehr Sicherheiten verlangen und die Kredite weiterlaufen lassen. Es wäre aber auch nur eine Hoffnung darauf, dass die vermissten 1,9 Milliarden Euro wieder auftauchen, Wirecards Geschäft weitergeht und das Unternehmen seine Kredite bedient. Für die langfristige Zusammenarbeit mit den Banken ist das alles aber ein Menetekel.

Wirecard teilte am Freitag mit, man befinde sich in konstruktiven Gesprächen mit den kreditgebenden Banken hinsichtlich der Fortführung der Kreditlinien und der weiteren Geschäftsbeziehung.

Sichtbarstes Zeichen dafür, wie gefährlich die Situation für Wirecard ist, ist der Absturz der kürzlich ausgegebenen Wirecard-Anleihe. Sie notiert inzwischen bei weniger der Hälfte ihres Nennwerts - und damit niedriger als zum Beispiel eine Dollar-Anleihe des Krisenlandes Venezuela.

Fliegt Wirecard aus dem Dax?

Das kann passieren, ist aber kurzfristig eher unwahrscheinlich. Die Kriterien für die Mitgliedschaft im Dax sind eindeutig: Ein Unternehmen muss den Dax verlassen, wenn es zum regulären Überprüfungstermin - der nächste ist im September - nicht mehr zu den Top-40-Konzernen hinsichtlich Börsenwert und Aktienhandelsumsatz gehört. Wirecard schaffte Stand Donnerstagabend noch beide Kriterien, vor allem den Handelsumsatz. Gehört ein Unternehmen nicht einmal mehr zu den besten 45 Unternehmen, kann die Deutsche Börse das Unternehmen auch sofort rausschmeißen. Voraussetzung ist, dass es einen Nachrücker gibt, der in beiden Kategorien mindestens auf Platz 35 kommt. Chancen hätten derzeit Zalando, Delivery Hero und Symrise.

Droht Wirecard eine Klagewelle?

Davon kann man ausgehen. Die Fondsgesellschaften DWS und Union Investment, die ihre Beteiligung inzwischen reduziert haben, haben bereits angekündigt, rechtliche Konsequenzen zu prüfen. Zahlreiche Klägeranwälte und Aktionärsschützer, die kleinere Anteilseigner vertreten, dürften folgen. Die Kanzlei Tilp hat bereits eine Musterklage eingereicht.