Yahoo Chaostage im Krisenkonzern

Der Führungsstreit bei Yahoo entwickelt sich zur Schlammschlacht: Die gefeuerte Chefin Carol Bartz beleidigt den Aufsichtsrat, Aktionäre fordern den Komplettumbau. Der Zoff ist nur ein Symptom der schlimmen Lage des einstigen Internetpioniers.

Yahoo-Zentrale in Sunnyvale: Existenzängste beim einstigen Internetpionier
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Yahoo-Zentrale in Sunnyvale: Existenzängste beim einstigen Internetpionier

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Hamburg - Der Rauswurf am Telefon war brutal, doch auf allzu viel Mitleid kann Carol Bartz nicht hoffen. "Ding dong, the witch is dead", twitterte etwa Brad Garlinghaus kurz nach dem Bekanntwerden der Kündigung - auf deutsch: "Die Hexe ist tot." Garlinghaus war fünf Jahre Manager bei Yahoo, mittlerweile arbeitet er für den Konkurrenten AOL.

Der Twitter-Beitrag ist nur eine Lästerei unter vielen, Bartz hat sich in ihren zweieinhalb Jahren an der Spitze des Internetkonzerns viele Feinde gemacht. Neben dem mangelnden Erfolg werden ihr ein aggressiver Führungsstil und ein Hang zu deftigen Flüchen vorgeworfen. Letzteren stellte sie nun auch im Anschluss an ihren Rauswurf unter Beweis: "These people fucked me over", schimpfte sie im Gespräch mit dem US-Magazin Fortune über den Yahoo-Aufsichtsrat. Zu deutsch in etwa: "Diese Leute haben mich verarscht."

Nun schaltet sich auch ein Großaktionär in den Streit ein - und fordert den Rücktritt von Aufsichtsratschef Roy Bostock und weiteren Aufsichtsratsmitgliedern. Gemeinsam hätten Bartz und der Aufsichtsrat dem Unternehmen schweren Schaden zugefügt: "Es ist Zeit, dass die Mitglieder des Aufsichtsrats für ihr individuelles Versagen zur Verantwortung gezogen werden", heißt es in einem Schreiben des Hedgefonds Third Point LLV an Bostock. Third Point hält 5,1 Prozent der Yahoo-Aktien und ist damit drittgrößter Anteilseigner.

Der Brandbrief der Aktionäre zeigt, wie tief Yahoo in der Führungskrise steckt - und wie groß die Existanzängste beim einstigen Internetpioniers sind. Das Geschäftsmodell von Yahoo ist seit Jahren unklar. Der einstige Google-Konkurrent hat seine Suchmaschine an Microsoft verscherbelt, beim Geschäft mit Werbeanzeigen schickt sich das soziale Netzwerk Facebook an, Yahoo abzuhängen.

Schon 2009 hatte Yahoo die besten Tage hinter sich

Die Anleger hatten Bartz zuletzt offenbar nicht mehr zugetraut, den Abwärtstrend zu stoppen. Seit ihrem Rausschmiss am Dienstag legte die Yahoo-Aktie Chart zeigen deutlich zu - zeitweise um zehn Prozent. Doch mit dem Abtritt der Chefin ist noch nichts gewonnen. Es stellt sich vielmehr die Frage: Ist Yahoo überhaupt noch zu retten?

Schon Anfang 2009, als Bartz bei Yahoo die Führung übernahm, hatte der einstige Internetpionier seine besten Tage hinter sich. Firmengründer Jerry Yang hatte den Konzern regelrecht heruntergewirtschaftet. Einst als Wunderkind gefeiert, war es ihm nicht gelungen, im Wettbewerb gegen Innovationsmaschinen wie Google oder Facebook zu bestehen.

Die Marktanteile im Suchmaschinen- und Werbegeschäft schrumpften bedenklich, zugleich verzettelte sich der Konzern im Klein-Klein von Hunderten, teils noch nicht einmal miteinander kompatiblen Anwendungen. Die "Financial Times" ätzte: "Microsoft macht Software, Google Suchmaschinen, Yahoo ist lila und hat ein Ausrufezeichen."

Yang musste als Chef zurücktreten, weil er ein Fusionsangebot von Microsoft selbst dann noch ausschlug, als der Konzern ihm den Phantasiepreis von 47,5 Milliarden Dollar bot. Wie nun im Falle Bartz war es auch seinerzeit ein Putsch der Aktionäre, der den Abgang des Managers besiegelte.

Bilanz von Bartz ist bescheiden

Als Bartz ihren Chefposten beim Chaos-Konzern antrat, waren die Hoffnungen groß. Sie versprach, bei Yahoo kräftig auszumisten, unrentable Geschäftsbereiche abzutrennen. Im Mobilfunksektor verbündete sie sich mit Nokia, und sie versprach, Yahoo zum Medienkonzern umzubauen, der Milliarden durch Online-Werbung generiert.

Doch die Euphorie währte nicht lang. Im Juli 2009 flüchtete sich Bartz in eine Kooperation mit Microsoft im Suchmaschinengeschäft; seit Ende August 2010 setzt Yahoo nur noch Microsofts Suchtechnologie ein - und verdient daran einige Hundert Millionen Dollar pro Jahr. Im Vergleich zur ursprünglichen Kaufofferte sind das freilich Peanuts. Kritiker warfen Bartz vor, Yahoos Kronjuwelen verramscht zu haben.

Auch auf dem Werbemarkt schaffte Bartz keine Wende. Bei Textanzeigen, die passend zu Suchergebnissen erscheinen, dominiert weiter Google. Bei den grafischen Werbeanzeigen machen neue Konkurrenten wie Facebook Yahoo zu schaffen. Zuletzt bröckelten bei Yahoo die Gewinne, und Anfang 2010 gab es sogar Gerüchte, Yahoo könnte erneut zum Übernahmekandidaten werden - dieses Mal hätte AOL, ein anderer angeschlagener Internetpionier, Interesse.

Der Kurs der Yahoo-Aktie ist nun wieder ungefähr dort, wo er bei Bartz' Amtsantritt war - bei rund 14 Dollar. Auch sonst fällt ihre Bilanz bescheiden aus. Sie hat wichtige Sanierungsschritte geschafft, die Jerry Yang jahrelang aufgeschoben hatte; doch der Konzern hat noch immer keine Perspektive. Zudem hat sich Bartz im Unternehmen durch ihren rüden Umgang massiv unbeliebt gemacht. So warf sie ihren Finanzvorstand einmal aus dem Büro, kurz nachdem er eingetroffen war.

Noch gravierender aber war, dass die Managerin es nicht verstanden hat, Talente zu Yahoo zu locken. Im Gegenteil: Unter ihrer Führung wanderten zahlreiche qualifizierte Mitarbeiter zur Konkurrenz ab. Bartz selbst verteidigte dies als notwendigen Abbau von Hierarchien: "Im Grunde kamen auf einen Produktmanager drei Entwickler", sagte sie im April 2009 in einer Telefonkonferenz. "Es liefen also eine Menge Leute herum, die anderen gesagt haben, was sie tun müssen. Aber niemand hat auch nur den kleinsten Scheiß zustande gebracht."

Yahoo braucht einen Visionär

So offensiv Bartz kommuniziert, so heftig fällt nun auch die Kritik an ihr aus: "Sie hatte zu keinem Zeitpunkt eine Vision für Yahoo", sagte ein namentlich nicht genannter Manager eines Wettbewerbers der Nachrichtenagentur Reuters. "Und sie hat das Business nie verstanden." Die erste Schwäche sei verzeihlich, die zweite jedoch kaum.

Wie könnte es nun weiter gehen? Die Nachfolgerdebatte ist in vollem Gange, Bartz' Nachfolger Timothy Morse soll den Chefposten nur für kurze Zeit übernehmen. Was Yahoo jetzt braucht, ist ein Visionär, der ein klares Konzept mitbringt und dem schwächelnden Konzern neues Leben einhaucht.

Derzeit sind mehrere Kandidaten im Gespräch: Als einer der Favoriten gilt Ross Levinsohn, Amerika-Chef von Yahoo. Der Manager, der Anfang des Jahres von Rupert Murdochs NewsCorp kam, wird in der Branche hoch gelobt. Er habe eine Strategie und kenne sich sehr gut im zukunftsträchtigen Videobereich aus. Nun könnte er selbst in die Lage kommen, diese umzusetzen.

Außerdem im Gespräch sind Ex-AOL-Chef Jon Miller und MySpace-Chef Mike Jones. Wer es auch wird - den neuen Boss erwartet eine extrem schwere Aufgabe. Er muss die Scherben aus dem Zoff mit Carol Bartz aufsammeln und den Konzern schnellstmöglich wieder auf Erfolgskurs bringen. Schon jetzt munkelt mancher im Silicon Valley, Yahoo könnte übernommen oder gar zerschlagen werden. Interesse sollen unter anderem zwei Private-Equity-Firmen haben. Sie könnten einen 16-Milliarden-Kauf zwar kaum allein stemmen. Doch möglich wäre eine Übernahme bei gleichzeitigem Verkauf einzelner Unternehmensteile an Konkurrenten.



insgesamt 7 Beiträge
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Bre-Men, 09.09.2011
1. Diversity
Das klappt ja garnicht mit den Frauen in gehobenen Stellungen.
Bell412 09.09.2011
2. Und wen würde es wundern..
.. wenn auf einmal Léo Apotheker von HP und Carol Bartz einfach die Plätze tauschen würden. Natürlich gefolgt von der Meldung des jeweiligen Aufsichtsrates "We're so excited..!", plus einer Überweisung mehrerer Millionen als Antrittsgeld. Die Fähigkeiten und Möglichkeiten der Herrschaften sind jeweils dieselben, einzig und allein die Bankverbindungen und Visitenkarten ändern sich.
Oberleerer 09.09.2011
3. .
Solche Firman sind doch überflüssig wie ein Kropf. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, was yahoo außer dem yahoo-Toolbar eigentlich anbietet.
kfp 09.09.2011
4. Schon wieder so 'ne aus dem Kontext gerissene Übersetzung...
"Ding dong, the witch is dead" kommt aus dem "Wizard of Oz", ein Satz der dort drüben jedem Kind geläufig ist (wie "Spiel's nochmal, Sam" hier auch fast jeder Erwachsene kennt). Ist also ein bisschen Wortspiel mit doppeltem Boden und bei weitem nicht so kalt gehässig, wie die kontextlose Übersetzung vermuten lässt. ("Hasta la vista, baby" wäre vielleicht äquivalent...)
PeteLustig, 09.09.2011
5. no need for
Zitat von OberleererSolche Firman sind doch überflüssig wie ein Kropf. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, was yahoo außer dem yahoo-Toolbar eigentlich anbietet.
Yahoo habe ich glaube ich vor 10 Jahren das letzte Mal genutzt...
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