Verizons Fünf-Milliarden-Kauf Yahoo + AOL = ziemlich mutig

Fast fünf Milliarden Dollar legt Verizon für den Internet-Dino Yahoo hin. Der US-Telekomkonzern will Facebook und Google Konkurrenz machen - und hat eine kleine Chance.

Yahoo-Chefin Mayer
AP

Yahoo-Chefin Mayer

Von manager-magazin.de-Redakteurin


Mit der Übernahme von Yahoo durch Verizon geht eine 20-jährige Ära zu Ende. Von 155 Milliarden Dollar Yahoo-Börsenwert ist ein Bruchteil geblieben. Die Reste werden nun von der einst als Retterin geholten Marissa Mayer für 4,8 Milliarden Dollar an den Telekomkonzern Verizon verkauft.

Warum das US-Unternehmen so viel Geld locker macht, um ein anderes Unternehmen zu kaufen, von dem es zuletzt nur schlechte Nachrichten gegeben hat und das im abgelaufenen Quartal 440 Millionen Dollar Verlust schrieb, ist fraglich. Dass Verizon keine Angst vor Tech-Dinosauriern hat, zeigte immerhin bereits der Kauf von AOL im Jahr 2015 für rund 4,4 Milliarden Dollar.

Aus Sicht von Verizon-Chef Lowell McAdam ist die Übernahme von Yahoo der nächste logische Schritt. Angesichts einer wachsenden Konkurrenz von Rivalen wie T-Mobile USA und schrumpfender Gewinne auf dem Telekommarkt sucht er dringend nach alternativen Erlösmodellen. Diese will McAdam in der digitalen Werbung gefunden haben. Der Verizon-Chef hofft, mit Hilfe von AOL und Yahoo einen Teil des Wachstums abzugreifen: Er schweißt die zwei Internetlegenden zu einer Einheit zusammen, um gegen die Platzhirsche Google und Facebook anzukommen.

Und das soll so funktionieren: Sowohl AOL als auch Yahoo haben - unter anderem dank Portalen wie der Huffington Post, den Yahoo News und der Yahoo-Suche - einen Fuß im Online-Werbegeschäft. Der ist zwar nicht gerade riesig. Mit Erlösen von 2,7 Milliarden Dollar im Online-Werbegeschäft schaffte es AOL 2015 laut "Wall Street Journal" nicht einmal in die US-Top 10.

Und auch bei Yahoo ist das digitale Werbegeschäft rückläufig. 2016 dürfte es dem Konzern laut Schätzungen der Marktforscher von eMarketer noch 2,83 Milliarden Dollar einspielen - ein geschätzter Rückgang um rund 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Wachstum erzielt Yahoo immerhin im Mobilsektor.

Dennoch: Das sind sehr bescheidene Werte, wenn man sich anschaut, wo Google und Facebook stehen. Die beiden Player haben den Großteil des Onlinewerbemarktes unter sich aufgeteilt. So wuchs das Marktvolumen im vergangenen Jahr um 20 Prozent auf knapp 60 Milliarden Dollar. Davon entfallen laut Brian Wieser von Pivotal Research mehr als 60 Prozent auf die beiden Tech-Größen.

Schließlich weiß kaum ein Konzern mehr über seine Nutzer als Facebook und Google - und kann deren Surfverhalten über diverse Plattformen mitverfolgen. Alleine Facebook verdiente im ersten Quartal 2016 mit Werbung, die es an seine Nutzer ausspielte,stattliche 3,21 Dollar pro Kopf.

Ein großer Schatz des Telefonriesen

AOL-Chef Tim Armstrong
REUTERS

AOL-Chef Tim Armstrong

Das sind Zahlen, die Begehrlichkeiten wecken. Sowohl bei Verizon-Chef McAdam als auch bei AOL-Chef Tim Armstrong, der bereits als Nachfolger von Marissa Mayer und sogar als potenzieller künftiger Verizon-Chef gehandelt wird.

Das Marktforschungsunternehmen eMarketer rechnet damit, dass bereits 2017 in den USA die digitalen Werbeerlöse mehr als 77,3 Milliarden Dollar erreichen und damit sogar die TV-Werbung in der Bedeutung überholen werden. Davon will auch Verizon profitieren.

Und tatsächlich verfügt der Telefonriese über einen Schatz, um den ihn Google und Facebook beneiden dürften. Als Telekommunikationskonzern hat Verizon nämlich nicht nur die Namen und Anschriften seiner mehr als 100 Millionen Drahtloskunden, sondern meist auch zusätzlich noch deren Kreditkarteninformationen. Zudem kann der Telekom-Riese - wie seine Wettbewerber auch - als drahtloser Internetanbieter nachverfolgen, auf welchen Seiten sich seine Nutzer durchs Netz bewegen - und wo sie sich gerade befinden. Daten, die für Werbetreibende und Agenturen höchst interessant sind.

Und diese Daten, das "Öl der mobilen Wirtschaft", wie AOL-Chef Armstrong kürzlich sagte, will Verizon nun zu Geld machen.

Ein nettes Zusatzgeschäft - mit Risiken

Dabei bedient sich der Telekomkonzern Verizon nicht immer unbedingt lauterer Mittel. Seine erst kürzlich gegründete Videoplattform Go90, auf der Verizon für seine Kunden bereits eifrig Videowerbung ausspielt und auf der diese Live-Sportevents und andere TV-Angebote mitverfolgen können, schlägt sich nicht auf deren Datenverbrauch nieder. Was das Angebot gegenüber Netflix, YouTube & Co deutlich attraktiver machen dürfte.

Gegen die schiere Masse der mehr als 1,6 Milliarden Facebook-Nutzer und der Milliardenzahl an Google-Suchen dürfte aber selbst Verizon mit Yahoo wenig auszurichten haben. Zu groß ist die bereits bestehende Macht der Konzerne. Für ein nettes Zusatzgeschäft für Verizon könnte es - mit Hilfe der beiden Dinosaurier AOL und Yahoo - aber durchaus reichen.



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Seite 1
chilipalmer1911 25.07.2016
1.
Und passiert jetzt mit dem Rest Yahoo? Was mit den Gewinnen aus Alibaba und dem jetzigen Verkaufserlös? Was macht man mit Yahoo Aktien und gar Opionsscheinen? Da bin ich ja mal gespannt. ...
kreuzfahrer1776 26.07.2016
2.
Zitat von chilipalmer1911Und passiert jetzt mit dem Rest Yahoo? Was mit den Gewinnen aus Alibaba und dem jetzigen Verkaufserlös? Was macht man mit Yahoo Aktien und gar Opionsscheinen? Da bin ich ja mal gespannt. ...
Hier werden sie geholfen: https://investor.yahoo.net/ReleaseDetail.cfm?&ReleaseID=980871 Lesen und verstehen. Die Pressemitteilung beantwortet all ihre Fragen. Ich könnte sie auch einfach nennen, aber selber lesen macht doch so viel mehr Spass. Es gibt da so eine Geschichte mit einem Mann, einem Fisch und einer Angel.
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