Einigung zwischen Deutscher Bank und Kirch-Erben 900 Millionen Euro Schutzgeld

Mit viel Geld arbeitet die Deutsche Bank ihre Altlasten ab: Für den Vergleich mit den Erben des Medienunternehmers Leo Kirch zahlt die Bank fast eine Milliarde Euro. Mit der späten Einigung will sie auch einen ihrer Vorstandschefs schützen.
Leo Kirch (l.) kurz vor seinem Tod 2011: "Erschossen hat mich der Rolf"

Leo Kirch (l.) kurz vor seinem Tod 2011: "Erschossen hat mich der Rolf"

Foto: MICHAEL DALDER/ REUTERS

Hamburg - Zwölf Jahre und 16 Tage sind vergangen seit jenem verhängnisvollen Interview von Rolf Breuer, das als das vermutlich teuerste in die Wirtschaftsgeschichte eingehen wird.

Damals, am 4. Februar 2002, stand es nicht gut um den Medienkonzern von Leo Kirch. Hohe Schulden belasteten das Unternehmen, in Wirtschaftskreisen wurde schon über eine drohende Pleite spekuliert. Und dann kam Breuer, der Chef der Deutschen Bank, und sagte dem Fernsehsender Bloomberg TV diesen fatalen Satz:

"Was man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen."

Wenige Wochen später stellte der Konzern Insolvenzantrag. Und für Leo Kirch war klar, wer Schuld daran war: Breuer habe mit dem Interview das Signal für die anderen Investoren gegeben, die Kirch-Gruppe in die Pleite zu schicken. "Erschossen hat mich der Rolf", sagte er einmal. Und der Wunsch nach Rache begleitete ihn bis zu seinem Tod im Sommer 2011. Auch deshalb führten seinen Erben die Prozesse fort, die Kirch in seiner Wut angestoßen hatte.

Nun sieht es so aus, als käme das Drama endlich zu einem Ende. Im wichtigsten Prozess um Schadensersatz hat die Deutsche Bank einem außergerichtlichen Vergleich zugestimmt: Sie zahlt 775 Millionen Euro plus Zinsen und weitere Kosten - zusammen dürften so mehr als 900 Millionen Euro zusammenkommen. Im Gegenzug zieht die Kirch-Seite ihre Klage zurück. "Wir begrüßen die Einigung, auch wenn wir uns gewünscht hätten, dass Leo Kirch dies noch erlebt hätte", sagte ein Sprecher.

Schon 2011 hatte Ackermann einen Vergleich verhandelt

Doch der posthum erfüllte Rachewunsch des Leo Kirch ist nur eine Seite dieses Dramas - die zweite ist die Art und Weise, wie die Deutsche Bank mit den Lasten aus ihrer Vergangenheit umgeht. Lange hat sie sich verbissen gegen einen Vergleich mit der Kirch-Seite gewehrt. Erst als es kaum mehr anders ging, stimmte sie zu. Ein Muster, das sich auch bei anderen Fällen beobachten lässt, in die die Bank verwickelt ist. Ob beim Libor-Skandal um mutmaßliche Zinsmanipulationen oder beim Verkauf dubioser Hypothekenpapiere in den USA: Die Deutsche Bank zahlt zwar irgendwann, aber sie lässt sich Zeit mit der Aufarbeitung.

Dieses Verzögern ist nicht immer die beste Strategie - wie die Causa Kirch zeigt. Hätte die Bank den Fall früher beendet, hätte sie ihren Aktionären nicht nur quälend lange Hauptversammlungen mit unzähligen Störmanövern der Kirch-Anwälte erspart, sondern sich selbst auch viele negative Schlagzeilen im schmutzigen Gefecht der Anwälte und Spin-Doktoren.

Es ist ja nicht so, als hätte es vorher keine Chancen zur Einigung gegeben. 2011 etwa hatte der damalige Bankchef Josef Ackermann mit der Kirch-Witwe Ruth einen Vergleich verhandelt, doch seine Gremien verweigerten ihm die Gefolgschaft. Dabei ging es damals um eine ähnliche Summe wie jetzt, gut 800 Millionen Euro.

Dass dieselben Gremien, die damals einen Vergleich ablehnten, nun zugestimmt haben, liegt vor allem daran, dass sich die juristische Lage für die Bank seitdem deutlich verschlechtert hat: Ende 2012 hatte das Oberlandesgericht München die Bank sogar schon zu Schadensersatz verurteilt - lediglich die Höhe war noch offen und sollte mit Hilfe von Gutachtern festgelegt werden.

Noch schlimmer für die Bank war aber, dass sie nicht nur den Prozess, sondern auch einen ihrer beiden Vorstandschefs zu verlieren drohte: Denn die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen Jürgen Fitschen wegen des Verdachts auf Prozessbetrug. Fitschen soll ehemalige Deutsche-Bank-Manager wie Ackermann gedeckt haben, als diese sich ihre eigene Version des Kirch-Dramas für ihre Aussagen vor Gericht zusammenbastelten. Demnach hat die Deutsche Bank nie vorgehabt, den Kirch-Konzern zu zerschlagen.

Doch diese Version wurde zuletzt arg in Zweifel gezogen. Immer wieder drangen Details aus den Ermittlungsakten an die Öffentlichkeit, wonach die Investmentbanker der Deutschen Bank vor der Kirch-Pleite schon durchspielten, was man mit dem Konzern oder dessen Einzelteilen so anfangen könnte.

Der nun geschlossene Vergleich ist also auch ein Versuch, Fitschen aus der Schusslinie zu nehmen - und eine Anklage gegen ihn doch noch zu vermeiden. Hätte die Bank den Fall Kirch schon vor zwei Jahren beendet, müsste sie nun wahrscheinlich nicht mehr zittern.

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