Kommentar zum Zalando-Börsengang Ein Herz für Copycats

Die Samwer-Brüder gelten als dreiste Kopisten, die anderen ihre Geschäftsmodelle klauen. Zu Unrecht - denn jeder hat das Recht, aus einer frei verfügbaren Idee mehr zu machen als der Urheber selbst.
Rocket-Internet-Manager Bruder, Samwer, Kimpel, Kudlich: Zocken macht Spaß

Rocket-Internet-Manager Bruder, Samwer, Kimpel, Kudlich: Zocken macht Spaß

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Eins vorweg: Es gibt gute Gründe, warum normale Anleger um die Unternehmen der Samwer-Brüder einen großen Bogen machen sollten. Und zwar sowohl um den Klamotten-Versand Zalando, der am heutigen Mittwoch an die Börse geht, als auch um die Start-up-Holding Rocket Internet, die am Donnerstag folgt.

Es geht schon damit los, dass für Anleger Einzelaktien in der Regel generell nicht empfehlenswert sind. Mit preiswerten Indexfonds können sie ihr Risiko deutlich besser streuen. Wer trotzdem auf einen Kursanstieg von Zalando und Rocket wetten will - nur zu, Zocken macht schließlich Spaß. Die Chancen, dass die Wette aufgeht, stehen gar nicht mal schlecht. Nur sollte man auf das dafür eingesetzte Geld zur Not auch verzichten können.

Denn insbesondere bei Rocket Internet ist die Geschäftslage undurchsichtig: Die Beteiligungsgesellschaften der Holding, wie etwa der Möbel- und Klimbim-Versender Westwing, machen größtenteils Verluste. Offen ist, ob sich daran je etwas ändern wird.

Und schließlich ist da der Ruf von Oliver Samwer als schlitzohrigem Geschäftsmann, der es in der Vergangenheit immer wieder geschafft hat, Verluste bei Geschäftspartnern landen zu lassen und Gewinne bei sich und seinen zwei Brüdern. Warum sollten die Samwers mit Kleinaktionären rücksichtsvoller umgehen?

Zwar nicht cool, dennoch wertvoll

In einer Hinsicht aber wird den Samwers oft Unrecht getan: Sie werden als Copycats geschmäht, die ohne eigene kreative Leistung Geschäftsmodelle klauen. Alando war ein Ebay-Klon - und wurde an Ebay verkauft. Zalando war ursprünglich die deutsche Version des US-Schuhversands Zappo. Und so weiter und so fort.

Ein Unternehmen erfolgreich zu kopieren, mag nicht so cool sein, wie den Suchalgorithmus zu kreieren, aus dem dann Google wird. Aber es ist volkswirtschaftlich nicht weniger wertvoll. Die Innovationsleistung der Samwers liegt nicht in ihren Geschäftsideen. Sondern in den eigens ersonnenen Prozessen, mit denen sie Start-ups am Fließband gründen, mit Kapital, Technologie und Personal ausstatten und dann groß machen. Volkswirtschaftlich ausgedrückt erbringen die Samwers keine Produkt-, sondern eine Verfahrensinnovation.

Auf solchen Verfahrensinnovationen ruht die halbe deutsche Wirtschaft. Unsere Autoindustrie ist auch deshalb so erfolgreich, weil sie vor der Jahrtausendwende die damals neuen Methoden ihrer japanischen Konkurrenten zur Fertigung und Qualitätssicherung aufgesogen und weiterentwickelt hat. Selbst DER SPIEGEL ist eine Kopie - Rudolf Augstein nahm sich 1947 US-Nachrichtenmagazine wie "Time" und "Newsweek" zum Vorbild.

Aus gutem Grund gibt es in der Marktwirtschaft nur für eng umgrenzte technische und kreative Innovationen einen Patentschutz oder ein Copyright. Alles andere ist sozusagen open source - damit jeder Unternehmer die Chance hat, mehr aus einer Idee zu machen als derjenige, der sie ursprünglich hatte. Die Samwers haben es in dieser Disziplin zur Perfektion gebracht. Kein Grund, auf sie herabzuschauen. Aber auch noch lange kein Grund, ihre Aktien zu kaufen.