Modeversender Zalando wächst - bis Amazon kommt

Der Internet-Modehändler Zalando will den europäischen Markt dominieren. Doch die deutsche Start-up-Erfolgsgeschichte gerät ins Visier eines gefährlichen Konkurrenten.
Zalando-Chefs Gentz, Ritter und Schneider (v.l.n.r.)

Zalando-Chefs Gentz, Ritter und Schneider (v.l.n.r.)

Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS

Die Geschichte von Zalando   ist eng mit dem Namen Samwer verbunden: Das legendäre Brüdertrio gab David Schneider und Robert Gentz 2007 das Startkapital, um den erfolgreichsten deutschen Internetkonzern der vergangenen Jahre zu gründen.

Mittlerweile ist von dieser Herkunft bei Zalando nicht mehr viel zu spüren, vieles unterscheidet das Berliner Unternehmen von Rocket Internet  , der von Oliver Samwer geführten Start-up-Schmiede.

  • Nach ihrem fast zeitgleichen Börsengang im Oktober entwickelten sich die Kurse der beiden Internet-Unternehmen weit auseinander: Die Zalando-Aktie stieg 2015 um 40 Prozent, die von Rocket ist derzeit nur noch halb so viel wert wie am ersten Handelstag.

  • Rockets Beteiligungen fahren Millionenverluste ein. Zalandos Co-Chef Rubin Ritter kann auf seine 107,5 Millionen Euro Gewinn vor Steuern verweisen. "Viele hatten sich gefragt, wie wir jemals profitabel werden wollen", sagt Ritter stolz.

  • Während Oliver Samwer ein fast undurchdringliches Geflecht von Start-up-Beteiligungen regiert, will Zalando auf Dauer Modeversender bleiben.

Noch funktioniert Zalandos Spezialisierung weit besser als Rockets Bauchladen von Internet-Geschäften. Trotz hoher Bekanntheit schafft die "Schrei vor Glück"-Marke noch immer atemberaubendes Wachstum: Um rund ein Drittel steigerte Zalando seinen Umsatz im vergangenen Jahr, auf fast drei Milliarden Euro.

Im laufenden Jahr werde er noch zwischen 20 und 25 Prozent wachsen. Vom gesamten europäischen Modemarkt mache Zalando aktuell ein Prozent aus, sagt Ritter. Langfristig peile man den fünffachen Marktanteil an.

Amazon drängt auf den Kernmarkt von Zalando

Das klingt ambitioniert - und ist trotzdem ein Visiönchen im Vergleich zu dem, was Zalandos gefährlichster Konkurrent vorhat: Jeff Bezos will sein Amazon zum "Everything Store" ausbauen.

Vom Taschenbuch über die Massivholzkommode bis zum gefrorenen Fischfilet sollen Kunden bald alles bei Amazon, dem Urahnen der Internethändler, bestellen können.

Und Kleidung, Schuhe, Handtaschen: Amazon hat Zalandos Kernmarkt voll im Visier. Allein im vergangenen Jahr sponserte der Konzern aus Seattle eine New Yorker Modemesse, produzierte eine Modeserie für seinen Streaming-Kanal und warb eine "Vogue"-Journalistin ab, die auf Amazon.com die neuesten Trends in Szene setzen soll.

Aktuell führt das Unternehmen in den USA eigene Modelabels ein, die in absehbarer Zeit auch nach Deutschland kommen könnten. In dem margenträchtigen Geschäft ist Zalando mit Zign, Mint and Berry und anderen bereits seit 2010 aktiv.

Amazons Begeisterung für Prêt-á-Porter und Haute Couture ist zahlengetrieben: 2015 verdoppelte Amazon die Zahl der abgesetzten Modeartikel beinahe.

Das Zalando-Vorbild wurde geschluckt - von Amazon

Auf den Angriff von Amazon angesprochen, gibt sich Zalando-Chef Ritter gelassen: "Mode ist ein emotionales Geschäft und unterscheidet sich stark vom Verkauf von Büchern und DVDs." Überhaupt sei der Modemarkt groß genug für verschiedene Spieler.

Das dachte man auch beim US-Schuhversender Zappos, den die Zalando-Gründer einst kopierten. 2009 wurde ihr Vorbild dann für eine knappe Milliarde Dollar geschluckt - von Amazon.

Für eine solche Übernahme wäre Zalando wohl zu teuer - doch der Trend spricht aktuell gegen Europas größten Modeversender. Seit Jahreswechsel verlor die Aktie knapp 20 Prozent ihres Werts. Schon bald könnte es gefährlich werden, wenn Amazon mit Macht in Zalandos Nische drängt.

Groß wäre die Versuchung für Onlineshopper, mit dem Buch und der Flasche Wein zum Geburtstag gleich noch das Kleid für die Party zu bestellen. Im Wettrennen um immer kürzere Lieferzeiten kann Amazon seine Lieferrouten viel besser auslasten als der deutlich kleinere Konkurrent. Zalando denke über eine Lieferkooperation mit Uber und lokalen Anbietern nach, sagt Ritter. Amazon baut derweil eine eigene Lieferflotte auf.

Nicht umsonst ist "Go Big or Go Home" ein beliebtes Credo im Silicon Valley. Zalando stellt "Schuhverkäufer, bleib bei deinen Leisten" dagegen.

Auf dem europäischen Markt allein könnte sich Zalando durchaus behaupten. Das 10.000-Leute-Unternehmen bleibt erstaunlich innovativ, schlägt seinen Kunden inzwischen ganze Outfits vor und testet die kostenlose Abholung unerwünschter Kleidungsstücke an der Haustür.

Wird der Wettbewerb härter, könnten Zalando für eine Wachstumsstory aber die Argumente ausgehen. Eine Expansion außerhalb Europas ist keine echte Option. In den Schwellenländern hat Rocket, Zalandos eigener Geburtshelfer, einen Modeversender-Klon nach dem anderen hochgezogen.

Ist Zalandos Spezialisierung also Fluch oder Segen? Offenbar sind nicht einmal die eigenen Anleger ganz sicher. Direkt nach Präsentation der Jahreszahlen für 2015 sank der Aktienkurs um drei Prozent. Wenige Stunden später hatte sich schon wieder der Optimismus durchgesetzt: Die Aktie drehte wieder deutlich ins Plus.


Zusammengefasst: Der Online-Modehändler Zalando legt starke Zahlen für 2015 vor. Dank der Konzentration auf den Modemarkt in Europa gelingt es dem Berliner Unternehmen, Umsatz und Gewinn klar zu steigern. Doch Amazon will auf Zalandos Kernmarkt eine größere Rolle spielen und könnte dabei von seiner Größe profitieren. Gleichzeitig hat der einstige Zalando-Investor Rocket Internet Märkte außerhalb Europas besetzt. Die Fokussierung könnte am Ende sogar zum Fluch für Zalando werden.