ZEW-Studie Deutschland rutscht in Standortranking ab – nur noch knapp vor Ungarn

Der Wirtschaftsstandort Deutschland verliert an Wettbewerbsfähigkeit und landet in einer ZEW-Studie nur noch auf den hinteren Plätzen. Gründe sind die Energiekrise, aber vor allem strukturelle Versäumnisse.
Bahn-Baustelle in Leverkusen: Deutschland hat großen Reformbedarf

Bahn-Baustelle in Leverkusen: Deutschland hat großen Reformbedarf

Foto: Henning Kaiser / dpa

Deutschland ist in der Rangliste attraktiver Wirtschaftsstandorte auf einen der letzten Plätze abgerutscht. In der neuen Ausgabe des »Länderindex Familienunternehmen«  belegt die Bundesrepublik den 18. Platz unter den 21 Industrieländern. Damit schneidet Deutschland vier Plätze schlechter ab als 2020. Spitzenreiter sind die USA, gefolgt von Kanada und Schweden. Hinter Deutschland liegen nur Ungarn, Spanien und Italien.

Neben zu viel Bürokratie, hoher Steuerbelastung und langsamer Innovationsbereitschaft verschlechterten nun zusätzlich hohe Energiekosten und Arbeitskräftemangel die Standortqualität hierzulande, heißt es in der Studie des Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW.

Auftraggeber war die Stiftung Familienunternehmen in München. »Der Industriestandort Deutschland hat dramatisch an Qualität verloren«, kritisierte Rainer Kirchdörfer, der Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. »Im internationalen Vergleich auf den hintersten Plätzen, das ist nicht das Feld, in das wir gehören.«

Auch im Vergleich der direkten Nachbarländer sieht die Bundesrepublik nicht gut aus: Die Schweiz belegt den vierten Platz, Österreich ist auf Rang 13. Polen schafft es auf Rang zehn und ist damit stärkster Aufsteiger. Frankreich liegt mit Rang 17 knapp vor Deutschland.

Keine Zeichen für Fortschritte

Die Studienautoren um den Ökonomen Friedrich Heinemann bewerten in jedem Land sechs Standortfaktoren für Familienunternehmen: Steuerlast, Arbeitskosten und Produktivität, Aufwand und Kosten staatlicher Regulierung, die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen, die Qualität der Infrastruktur und der öffentlichen Verwaltung sowie Energieversorgung und -kosten.

Zwar liegen die Länder auf den Plätzen 14 bis 19 mit ihren Punktwerten sehr nah beieinander, schreiben die Autoren. Es gebe für Deutschland aber keinerlei Anzeichen für eine Aufwärtsbewegung.

Heinemann schreibt von einem »ernüchternden Bild«. Der Befund zur Position Deutschlands biete »erheblichen Anlass zur Sorge«. Der Energiepreisschock seit Beginn des Ukrainekriegs bedeutet laut der Studie einen Nachteil für die Wettbewerbsfähigkeit mehrerer europäischer Länder. Doch kann Deutschland dies nach Einschätzung der Ökonomen nicht durch Vorteile in anderer Hinsicht ausgleichen.

Vom Mittelfeld ins Schlussfeld

»Im Vergleich aller 21 betrachteten Standorte bietet Deutschland nur für den Bereich Finanzierung noch erstklassige Standortbedingungen«, heißt es in dem Papier. »In keinem der anderen betrachteten Themenfelder kann Deutschland hingegen noch mit den Spitzenstandorten in Nordamerika, Westeuropa oder Skandinavien mithalten.« In den Bereichen Steuerlast, Energie, Arbeit und Regulierung sehen die Autoren Deutschland unter den Schlusslichtern.

Seit dem ersten Länderindex 2006 lag Deutschland noch nie in der Spitzengruppe, aber anfänglich zumindest noch im Mittelfeld. Die Analyse erscheint alle zwei Jahre. Seit 2006 ist Deutschland um sechs Rangplätze abgerutscht.

Heinemann und sein Team sehen Reformbedarf in Deutschland vor allem bei Steuerlast und Bürokratie. Während andere Staaten in Infrastruktur investierten oder ihr Steuersystem reformierten, komme Deutschland nicht voran, kritisieren die Experten. »Der einzige klare Aktivposten ist die vergleichsweise geringe Verschuldung des Staates und der privaten Haushalte: Deutschland als relativ solides Land kann es sich leisten, auf Krisen zu reagieren.«

»Chance zur Umkehr« nutzen

Großen Verbesserungsbedarf sehen die Autoren auch im Bildungswesen und verweisen auf Schwächen in den Schlüsselfächern Deutsch und Mathematik. Mit Blick auf den Fachkräftemangel sei eine echte Wende in der Bildungspolitik nötig.

»Die gegenwärtige Krise sollte als Chance zur Umkehr begriffen werden, vor allem zum Abbau lähmender Regulierungslasten«, schreiben die Studienautoren.

mmq/dpa/Reuters
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