Börsenumfrage Finanzexperten sehen düsterere Aussichten für die Konjunktur

Es sei völlig unklar, »wo eine Konjunkturwende herkommen soll«: Börsenprofis sind laut einer Umfrage pessimistisch. Und auch bei den Firmen trüben sich die Erwartungen ein.
Aktienhändlerin in Frankfurt: Sorge um Konjunktur

Aktienhändlerin in Frankfurt: Sorge um Konjunktur

Foto: Arne Dedert / dpa

Bei Anlegern, Analysten, aber auch in den Firmen selbst steigt die Sorge vor einer Rezession in Deutschland. So fiel der ZEW-Index, ein Barometer für die Einschätzung zur deutschen Konjunktur in den nächsten sechs Monaten, im Juli überraschend kräftig. Und laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) erwartet ein Viertel der Unternehmen mittlerweile eine sinkende Produktion.

»Wegen ernster Rezessionsgründe hat die Angst das Ruder übernommen«, interpretierte Alexander Krüger, Chefvolkswirt der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe, die Ergebnisse der Umfragen. »Solange ein Gaslieferstopp akut ist, werden Rezessionsängste eher noch zunehmen. Derzeit ist völlig unklar, wo eine Konjunkturwende herkommen soll.«

Das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) befragt monatlich 179 Analysten und Anleger zu ihren Konjunkturerwartungen. Im Mai und Juni war der Index noch zweimal gestiegen. Im Juli fiel er gegenüber dem Vormonat um 25,8 Punkte auf minus 53,8 Zähler. So bewerteten die Fachleute nun auch die aktuelle Lage viel pessimistischer. Lageeinschätzung und Erwartungen sind damit sogar etwas unter den Werten von März 2020 zu Beginn der Coronakrise.

»Die aktuell großen Sorgen über die Energieversorgung in Deutschland, der angekündigte Zinsanstieg der EZB sowie weitere coronabedingte Einschränkungen in China führen zu einer erheblichen Verschlechterung des Konjunkturausblicks«, kommentierte ZEW-Präsident Achim Wambach die Entwicklung. Besonders stark gingen die Erwartungen für energieintensive und exportorientierte Wirtschaftssektoren zurück. Aber auch der private Konsum werde deutlich schwächer eingeschätzt.

Der Ukrainekrieg und die Sanktionen des Westens gegen Russland sorgen für steigende Preise bei Energie, Rohstoffen und Lebensmitteln. Dies wiederum belastet Firmen und Verbraucher und bremst die Konjunktur. Sollte Russland den Gashahn zudrehen, droht Deutschland und dem Euroraum wegen Produktionseinschränkungen eine Rezession.

Firmen geben Hoffnung auf Nach-Corona-Boom auf

Auch die deutschen Firmen blicken wegen der Folgen des Ukrainekriegs deutlich skeptischer nach vorn. Die Erwartungen in puncto Produktion, Beschäftigung und Investitionen trübten sich für das laufende Jahr 2022 immer stärker ein, wie aus einer Studie des IW-Instituts unter rund 2300 Unternehmen hervorgeht. Demnach rechnen zwar 37 Prozent mit einem Produktionsplus im Vergleich zu 2021 und ein Viertel mit einem Minus. Allerdings lag der Saldo aus positiven und negativen Geschäftserwartungen im Juni damit nur noch bei zwölf Prozentpunkten, nach 34 im Spätherbst 2021 und 15 im Frühjahr 2022.

Vor allem am Bau drohe eine Rezession. »Hier bremsen Materialengpässe, hohe Kostensteigerungen und fehlende Mitarbeiter die wirtschaftlichen Aktivitäten.«

Im Frühjahr hatten die Unternehmen noch auf einen Nachholeffekt bei Auslaufen der Coronaeinschränkungen gesetzt. Dieses Potenzial werde durch die zuletzt hohe Inflation von sieben bis acht Prozent jedoch »mehr als aufgerieben«, schrieben die IW-Experten.

Immerhin sind die Aussichten für den Arbeitsmarkt positiv. Ein Drittel der Unternehmen erwartet demnach für das laufende Jahr eine höhere Anzahl an Mitarbeitern als im Vorjahr, ein Fünftel dagegen rechnet mit weniger Personal. Trotz des Gegenwinds durch den Ukrainekrieg drohe in Deutschland damit kein Rückgang bei der Beschäftigung, hieß es. Es gebe zwar »keinen Beschäftigungsschock, aber eine anhaltende Investitionsschwäche«.

Das Fazit der Fachleute: »Die Investitionserwartungen haben sich empfindlich zurückgebildet.« Zwar sei das Investitionsklima trotz der hohen Verunsicherungen infolge des Krieges weiterhin positiv, »aber erheblich abgekühlt«. Derzeit erwarteten 36 Prozent der Betriebe höhere Investitionen als 2021, ein Viertel der Firmen jedoch rechnet hier mit weniger Ausgaben. »Damit wird die im Gefolge der Coronapandemie entstandene Investitionslücke im Jahr 2022 wohl nicht geschlossen werden.«

Sowohl bei der Industrie, die unter den Lieferproblemen leidet, als auch bei den Dienstleistern wachse die Ernüchterung. Dem verarbeitenden Gewerbe drohe ein Jahr der Stagnation. Die Servicebranche hat der Umfrage zufolge zudem Schwierigkeiten, geeignetes Personal für offene Stellen zu finden.

mmq/Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.