Zigarettenschachteln Tabakindustrie hält Schockbilder für unwirksam

Schockierende Fotos sollen Raucher seit Mai vor den Risiken des Konsums warnen. Die Tabakindustrie hat die Bilder lange verhindern wollen, nun behauptet sie: Alles gar nicht so schlimm - und greift zu Tricks.
Zigarettenschachtel mit Schockbild

Zigarettenschachtel mit Schockbild

Foto: Daniel Bockwoldt/ dpa

Kindersärge, abgefaulte Zähne, kranke Lungen - seit Mai zeigen Fotos auf Zigarettenschachteln, welche Folgen Tabakkonsum haben kann. Die Bilder sollen die Raucher abschrecken. Kein Wunder also, dass Tabakindustrie und Lobbyverbände lange Zeit alles versuchten, um die Fotos auf den Packungen zu verhindern. Ohne Erfolg.

Knapp fünf Monate nach Inkrafttreten der EU-Richtlinie gibt sich die Branche betont gelassen. "Das hat sich bei uns schlichtweg nicht ausgewirkt", sagt Rainer von Bötticher vom Bundesverband des Tabakwaren-Einzelhandels (BTWE). Es habe keine Protestwelle von Kunden gegeben. Zu den Aufdruck verdeckenden Schachtelschiebern oder Etuis hätte bisher nur ein kleiner Teil der Raucher gegriffen.

Der Absatz und Umsatz des Tabakwareneinzelhandels entwickelt sich stabil. Im zweiten Quartal 2016 lag der Zigarettenumsatz, der über Steuerzeichen errechnet wird, laut dem Statistischen Bundesamt bei 4,8 Milliarden Euro.

Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind das zwar 11,6 Prozent weniger. Das liegt jedoch vor allem daran, dass die Tabakbranche in den ersten vier Monaten dieses Jahres die Produktion und damit den Kauf von Steuerzeichen noch einmal ausgeweitet hatte, um noch möglichst viele Schachteln vor der Umstellung zu produzieren. Nach Mai wurden dann weniger Steuerzeichen bezogen.

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EU-Richtlinie: Schockbilder auf Zigarettenpackungen

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

Der Umsatz von Feinschnitt stieg im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 6,6 Prozent auf gut eine Milliarde Euro. Gerade beim Feinschnitt, also Tabak der in einer Dose verkauft und dann zur Zigarette gedreht oder gestopft wird, steige der Absatz, sagt der Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Rauchtabakindustrie, Michael von Foerster. Auch er zeigt sich wenig beeindruckt von den vorgeschriebenen Aufdrucken. (Lesen Sie hier den Faktencheck zur EU-Tabakrichtlinie.)

"Die Bilder wirken schon sehr abschreckend"

Also alles umsonst? Nicht wirklich, sagen Nichtraucherverbände und ärgern sich über die Haltung der Tabakindustrie. Es zeige sich sehr wohl in anderen Ländern, dass die Bildwarnhinweise etwas bewirken, sagt Ute Mons, Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg.

"Die Bilder erregen einfach mehr Aufmerksamkeit", sagt die Ärztin. Dass einige Raucher zu Etuis greifen, sei ein Beweis dafür, dass die Warnhinweise die Menschen emotional erreichten. Und das sei der erste Schritt, um mit dem Rauchen aufzuhören.

Auch die bundesweite Organisation Forum Rauchfrei hört die Beschwichtigungen der Tabakbranche nicht gern. "Gerade bei Kindern und Jugendlichen wirken die Bilder schon sehr abschreckend", sagt Johannes Spatz, Sprecher der Initiative. Verdeckaktionen der Tabakbranche zeigen Spatz' Ansicht nach klar, dass der Industrie die Warnhinweise gar nicht schmecken.

Denn die Hersteller haben aus seiner Sicht längst eine neue Taktik gefunden, sich gegen die Fotos zu wehren. Seitdem es die Schockbilder auf den Packungen gibt, versenden sie nun Blenden und Banderolen, die in Verkaufsstellen vor der Glasleiste des Zigarettenregals angebracht werden können, wie Spatz sagt. "Die Schockbilder sind dann im Regal nicht mehr zu sehen."

Die Kunden würden sie erst erkennen, wenn die Schachtel schon in der Hand liege. Mit Verdecken habe das nichts zu tun, sagt der Deutsche Zigarettenverband (DZV). "Die Hersteller geben Orientierungshilfen", sagt DZV-Geschäftsführer Jan Mücke. Wegen der großflächigen Warnaufdrucke könnten die Kunden die Marke nicht mehr erkennen und die Produkte nicht mehr so gut unterscheiden. Deshalb gebe es nun die Banderolen.

brk/Amelie Richter, dpa
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