Geldpolitik Acht Mythen über Zinsen - und was wirklich stimmt

Sparer werden enteignet, Baugeld ist billig, Banken zocken ihre Kunden ab - über die aktuellen Mini-Zinsen kursieren viele Behauptungen, doch nicht alle sind wahr. Acht Thesen im Faktencheck.
Von Christian Kirchner

Mythos 1: Die EZB verschärft mit der jüngsten Leitzinssenkung die Enteignung deutscher Sparer

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Tatsache ist: Die "Enteignung" deutscher Sparer über Guthabenzinsen unterhalb der Teuerungsrate - auch finanzielle Repression genannt - hat sich in den vergangenen Wochen nicht verschärft. Das Gegenteil ist richtig: Die Situation hat sich entspannt, weil die Inflation deutlich gesunken ist, die Anleihezinsen aber leicht gestiegen sind. So können Sparer mit Tagesgeldkonten und zehnjährigen Bundesanleihen erstmals seit mehr als zwei Jahren wieder positive Realrenditen erzielen, also eine Verzinsung oberhalb der Inflation: Eine zehnjährige Bundesanleihe rentiert derzeit mit 1,7 Prozent, Spitzenanbieter von Tages- und Festgeldkonten zahlen - wenngleich teils nur bis zu bestimmten Summen und nur an Neukunden - 1,5 bis 2 Prozent Zinsen. Die Inflation lag in Deutschland zuletzt bei nur noch 1,2 Prozent und in der Euro-Zone bei 0,7 Prozent.

Mythos 2: Die deutschen Sparer verzweifeln wegen der Niedrigzinsen

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Tatsache ist: Die deutschen Sparer sind schlicht zu faul, sich um eine attraktive Verzinsung ihres Guthabens zu kümmern. Sie horten derzeit laut Bundesbank-Daten  knapp 1,1 Billionen Euro in gar nicht oder annähernd unverzinsten Bar- und Sichteinlagen (etwa Girokonten) - das ist doppelt so viel, wie sie an festverzinslichen Wertpapieren und Aktien zusammen halten. Hinzu kommen nochmals 600 Milliarden Euro auf Sparbüchern zu Minizinsen. Und wie hoch oder wie tief die Zinsen sind, spielt beim Management des Guthabens offenbar kaum eine Rolle - vor 20 Jahren, als die langfristigen Zinsen in Deutschland bei rund sieben Prozent lagen, stellten die unverzinsten Bar- und Sichteinlagen 19 Prozent am Gesamtvermögen privater Haushalte, heute ist der Anteil mit 17 Prozent kaum verändert.

Mythos 3: Die niedrigen Zinsen Deutschlands und in den USA sind eine historische absolute Ausnahmesituation

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Tatsache ist: Für die nominalen Zinsen stimmt das. Die noch zu erzielende Realverzinsung von Staatsanleihen sehr guter Bonität etwa aus Deutschland oder den USA liegt aber bei der aktuellen Teuerungsrate ungefähr im langjährigen Schnitt. Seit 1900 - soweit reichen verlässliche Daten der London Business School zurück  - haben Anleihen weltweit eine reale, also inflationsbereinigte Rendite von im Schnitt gerade einmal einem Prozent pro Jahr eingebracht. Dass es sich dabei nicht um eine von zahllosen Ausfällen und Hyperinflationen verzerrte Ziffer handelt, zeigt ein Blick in die USA: Auch dort brachten kurzlaufende Anleihen seit 1900 im Schnitt real nur ein Prozent pro Jahr ein, mit langlaufenden waren immerhin 1,8 Prozent pro Jahr zu verdienen. Und in Deutschland? Stehen wegen der katastrophal verlaufenen ersten Jahrhunderthälfte real knapp zwei Prozent Miese pro Jahr mit Anleihen zu Buche, und das selbst unter Ausklammerung der Hyperinflation von 1922/1923.

Mythos 4: Die Leitzinssenkung verbilligt Immobilienkredite

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Tatsache ist: Leitzinsen beeinflussen die Konditionen von Immobilienkredite nur mittelbar. Die Europäische Zentralbank kann, wie die meisten Notenbanken, vor allem die kurzfristigen Zinsen steuern. Die Konditionen von Baugeld sind indes von den längerfristigen Anleihezinsen und hier vor allem von den sogenannten Pfandbriefen abhängig (hier  deren Konditionen und Entwicklung). Gut abzulesen ist das etwa am durchschnittlichen Zinssatz für Baugeld mit 15-jähriger Zinsbindung: Er liegt derzeit laut Daten der FMH Finanzberatung  trotz der jüngsten Leitzinssenkung bereits wieder knapp einen halben Prozentpunkt über seinem Tiefststand im Frühjahr, weil er den längerfristigen Kapitalmarktzinsen nach oben gefolgt ist.

Mythos 5: Die Gelegenheit, eine Immobilie auf Kredit zu kaufen, war nie so günstig wie heute

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Tatsache ist: Die Bauzinsen sind tatsächlich historisch betrachtet niedrig. Das heißt, dass Käufer und Bauherren bei identischer Kaufsumme und monatlicher Rate eine weit höhere Tilgung als noch vor fünf oder zehn Jahren vereinbaren und den Kredit so schneller abbezahlen können - oder ihre zu leistenden Raten deutlich drücken können. Die Crux ist indes, dass dies längst nicht heißen muss, dass sich ein Kauf eher lohnt als eine Miete: In Großstädten und guten Lagen wird der Zinsvorteil von den deutlich gestiegenen Kaufpreisen quasi "aufgefressen". Auf dem Land wiederum müssen sich Käufer und Bauherren kritisch fragen, mit welcher angenommenen Wertentwicklung sie angesichts einer schrumpfenden Bevölkerung und des Drangs in die Städte kalkulieren. Gerade die angenommene Wertentwicklung ist der Dreh- und Angelpunkt in der Frage "Kaufen oder Mieten", kleine Veränderungen liefern hier dramatische Unterschiede (hier dazu eine Modellrechnung, hier  ein Excel-Rechner zum selbst ausprobieren).

Mythos 6: Die Banken betreiben bei den hohen Dispo-Zinsen keinen Wucher, sondern lassen sich das hohe Ausfallrisiko bezahlen

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Tatsache ist: Die Banken verdienen sehr gut an den Dispo-Zinsen und konnten ihre Bruttomargen im Zuge der sinkenden Zinsen sogar ausweiten. Alleine 2011 erwirtschafteten sie 3,7 Milliarden Euro Nettozinsertrag aus dem Dispo-Geschäft. Dass sie sich an diese Erträge klammern und die Margen ausweiten wollen, hat einen einfachen Grund: Immer weniger Kunden fragen den Dispo-Kredit nach, das Volumen ist über die Jahre kräftig gesunken. Den Rückgang im Volumen wollen sie über höhere Margen kompensieren.

Mythos 7: In Deutschland angelegtes Sparguthaben ist bombensicher

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Tatsache ist: Die Sicherungssysteme sind für Sparer nicht bombensicher, sondern vor allem unübersichtlich. Als einigermaßen sicher selbst im Fall einer echten Krise können bestenfalls Guthaben von bis zu 100.000 Euro bei einer Bank gelten, die der gesetzlichen deutschen Einlagensicherung unterliegen. Im Zinsmarkt tummeln sich indes auch viele Anbieter der Tages- und Festgeldvergleiche, die lediglich der gesetzlichen Einlagensicherung anderer Länder angehören. Für Kunden deutscher Banken kommen nochmals private Sicherungseinrichtungen ihrer jeweiligen Bankengruppe hinzu, die jedoch - je nach Institut - entweder mit fiktiven Zahlen hoher einstelliger Milliardensummen je Kunde arbeiten, keine genaue Auskunft über die Füllhöhe ihrer Sicherungstöpfe geben oder schlicht innerhalb ihres Bankenverbandes auf wechselseitige Stützungszusagen fußen (hier  eine Übersicht der Banken und ihrer Sicherungssysteme).

Mythos 8: Hinter den starken Kursanstiegen am Aktienmarkt stecken vor allem die Flut billigen Geldes und die Niedrigzinsen

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Tatsache ist: Selbst wenn man die Zinsen völlig außen vor lässt, sind die europäischen Aktienmärkte gemessen an ihrem aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 14 und ihren Dividendenrenditen von rund 3,3 Prozent nur etwas höher als im historischen Schnitt bewertet. Das gilt auch für den Deutschen Aktienindex Dax, der von Rekord zu Rekord eilt. Von einer wahren Geldflut kann in Europa zudem keine Rede sein, da die Geldmenge in der Euro-Zone zuletzt langsamer als im langfristigen Trend wuchs - und überdies auch langsamer, als es die EZB anstrebt.