Zukunftskommission Landwirtschaft So soll Nachhaltigkeit zum Geschäftsmodell werden

Um Höfe zukunftsfähig zu machen, fordern Experten Reformen bei der Verteilung von Agrargeldern, bei der Mehrwertsteuer, beim Pestizideinsatz oder der Kennzeichnung. Das hätte auch Folgen für Verbraucher.
Kartoffeleinkauf (Symbolbild): Zusammenarbeit zwischen Bauern und Naturschützern soll gestärkt werden

Kartoffeleinkauf (Symbolbild): Zusammenarbeit zwischen Bauern und Naturschützern soll gestärkt werden

Foto: Cavan Images / imago images/Cavan Images

»Wachse oder weiche«: Viele Bäuerinnen und Bauern in Deutschland leiden seit Jahren unter diesem harten Verdrängungswettbewerb , der oft zulasten der Umwelt geht. Die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) mit Vertreterinnen und Vertretern von 30 Organisationen aus Landwirtschaft, Umwelt- und Tierschutz, Wissenschaft, Wirtschaft und Verbraucherschutz haben nun monatelang daran gearbeitet, wie sich dieser Zyklus durchbrechen – und die Landwirtschaft ökologisch und ökonomisch tragfähig gestalten lässt.

Um Ziele wie mehr Klimaschutz, mehr Artenvielfalt, mehr Tierwohl und eine gesündere Ernährung zu erreichen, müsse Nachhaltigkeit zum »erfolgreichen Geschäftsmodell« für die Landwirtschaft gemacht werden. Verbraucherinnen und Verbraucher werden dabei aber auch mehr für ihre Lebensmittel ausgeben müssen, schreibt die Kommission zu ihrem Abschlussbericht – diese Mehrkosten müssten »sozialpolitisch flankiert« werden. Die Kommission sieht in ihren Empfehlungen eine Richtschnur für Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl im Herbst.

Harte Vorschriften lehnt die Kommission ab

»Immer billiger« sei angesichts der vielfältigen Wechselwirkungen der Landwirtschaft mit Klima, Umwelt, Biodiversität und Tierwohl längst zu teuer, erklärte der Vorsitzende der Kommission, Peter Strohschneider. Nicht oder zu langsam zu handeln werde unbezahlbar.

Die ZKL schlägt ein Spektrum von Maßnahmen vor, die alle dem Prinzip folgen, dass sie »betriebswirtschaftlich attraktiv und volkswirtschaftlich vorteilhaft« seien, sagte Strohschneider. Ein System von Vorschriften lehnt die Kommission ab.

So sollen etwa alle öffentlichen Förderungen der Landwirtschaft künftig vollständig an Umwelt- und Gemeinwohlleistungen gebunden werden – auch die Zahlungen der EU. Das EU-Ziel, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 um 50 Prozent zu senken, soll engagiert umgesetzt werden.

Die Politik soll die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Naturschutzorganisationen auf regionaler Ebene fördern. Verbindliche Kennzeichnung der Lebensmittel soll Auskunft geben über Tierwohl, Herkunft und Nachhaltigkeit, die Preise sollen ehrlicher werden – etwa durch Absenkung der Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse oder vegetarische Produkte.

Ernährung künftig stärker pflanzenbasiert

»Ein Teil der Lebensmittel wird durch höhere Anforderungen an Tierwohl und Nachhaltigkeit teurer werden«, sagte der Chef des Verbraucherzentrale-Bundesverbands, Klaus Müller. »Aber das ist eine gute Investition.« Ein »Weiter so« koste die Gesellschaft Milliarden und führe zu irreparablen Schäden für Umwelt, Klima und Gesundheit. Wichtig sei, dass alle Verbraucher die Chance haben müssen, eine gesunde und nachhaltige Ernährung zu bezahlen.

Die ZKL geht davon aus, dass die Ernährungsgewohnheiten sich ändern müssen und werden – die Ernährung werde künftig mehr auf Pflanzen basiert sein, sagte der Vizepräsident des Bauernverbandes, Werner Schwarz. Der Umfang der Tierhaltung werde daher stark zurückgehen. Die Lasten dieser Entwicklung müssten gesamtgesellschaftlich verteilt werden.

Bei den umstrittenen neuen Gentechnikverfahren spricht sich die Kommission für das Vorsorgeprinzip und eine daran ausgerichtete Regulierung aus. »Nur mit gesetzlich festgeschriebener Zulassung, Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit lässt sich Wahlfreiheit für Verbraucherinnen und Verbraucher, Landwirtschaft sowie die Lebensmittelbranche sicherstellen«, sagte der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt.

Die ZKL hatte im September ihre Arbeit begonnen. In der Nacht zum Mittwoch unterschrieben alle den rund 170 Seiten dicken Bericht – er wird kommende Woche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) überreicht. Der Vorsitzende Strohschneider sagte, es sei nach »teilweise jahrzehntelangen intensiven und emotionalen Auseinandersetzungen in Politik und Zivilgesellschaft« gelungen, einen »gesamtgesellschaftlichen Aufbruch in die Zukunft der Landwirtschaft zu beschreiben«.

Der Vorsitzende des Deutschen Naturschutzrings, Kai Niebert, lobte, in der Kommission habe ein Miteinander statt ein Gegeneinander geherrscht. Der Abschlussbericht stehe im Zeichen des Interessenausgleichs. Der Bericht sei nicht als Ende, sondern als Auftakt zu verstehen, erklärten zahlreiche Teilnehmer.

apr/AFP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.