Zum Tod von Anshu Jain Der zaudernde Banker

Er formte das Investmentbanking zur Gewinnmaschine der Deutschen Bank, später wurde es zum Epizentrum unzähliger Skandale. Nun ist Anshu Jain gestorben.
Anshu Jain (rechts) mit Co-Chef Jürgen Fitschen im Jahr 2015

Anshu Jain (rechts) mit Co-Chef Jürgen Fitschen im Jahr 2015

Foto: Kai Pfaffenbach / REUTERS

Für eine kurze Zeit führte Anshu Jain als Co-Chef die Deutsche Bank, nun ist der einstige Manager nach schwerer Krankheit im Alter von 59 Jahren gestorben. Das teilte das Geldhaus am Samstagnachmittag mit.

Jain hatte 1995 bei der Deutschen Bank angefangen, stieg dort rasch auf und leitete viele Jahre das äußerst ertragreiche Investmentbanking. Er verantwortete etwa den Bereich »Global Markets«, den er laut »Handelsblatt« zu einem »Juwel des Instituts« formte. Mit der weltweiten Finanzkrise riss Jains lange Erfolgsserie indes: 2008 wies die Deutsche Bank erstmals in ihrer Geschichte einen Verlust in Höhe von rund vier Milliarden Euro aus – wobei Jains Investmentbanking-Sparte die Bilanz mit einem Defizit von fast neun Milliarden Euro belastete.

Trotzdem beerbte er zusammen mit Co-Chef Jürgen Fitschen den scheidenden Bankchef Josef Ackermann. Doch schon kurz nach Amtsantritt kam die Frage nach Jains persönlicher Verantwortung bei den Manipulationen der Libor-Zinssätze auf. Schließlich gelang eine Einigung mit britischen und amerikanischen Behörden. Die Deutsche Bank zahlte 2,3 Milliarden Euro Strafe. Die Bafin stellte fest, Jain habe von den Manipulationen nichts gewusst, er habe aber jene Kultur geschaffen, die solche Manipulationen erst ermöglicht habe.

Mathematisch versiert, aber unsicher

Jains Persönlichkeit wich stark ab von dem Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hatte. Er wurde als knallharter Trader porträtiert, der skrupellos jedes Geschäft einging. Tatsächlich war Jain zwar mathematisch versiert, er konnte blitzschnell Risikokalkulationen machen, um die Ausfall-Wahrscheinlichkeiten komplexer Finanzprodukte abzuschätzen.

Zugleich aber galt er intern als unsicher und latent entscheidungsschwach. »Ich muss erst einmal Paul fragen« war einer seiner Standardsätze, wenn er als Vorstandschef harte Entscheidungen fällen musste – etwa, ob die Deutsche Bank ihre ungeliebte Tochter Postbank zum Verkauf stellt (was Jain tat, später aber wieder abblies). Paul, das war Paul Achleitner, sein Aufsichtsratschef und in dieser Zeit wichtigster Ansprechpartner.

Im persönlichen Gespräch wirkte Jain auffallend zurückhaltend, beinahe scheu; konfrontative Fragen waren ihm äußerst unangenehm. Mit der deutschen Öffentlichkeit fremdelte er von Beginn an, frühzeitig gestreute Gerüchte, er lerne Deutsch, dementierte er – dafür fehle ihm schlichtweg die Zeit.

»Der beste Mann für den Job«

Dass Jain Vorstandschef wurde, begründeten die nie um eine kreative Kommunikationsvolte verlegenen Büchsenspanner des Konzerns unter anderem damit, dass er der beste Mann für den Job sei, eben weil er genau wisse, wo die größten Risiken der Bank lägen. Schließlich habe er selbst ja lange genug im Investmentbanking gearbeitet, dem Epizentrum all der Skandale, die die Bank einen zweistelligen Milliardenbetrag an Bußgeldern gekostet haben.

Nach seinem Ende bei der Deutschen Bank arbeite Jain zunächst in der Fintech-Branche und heuerte beim kalifornischen Start-up Social Finance an. Danach wechselte er zurück in die klassische Finanzindustrie: Er wurde Präsident bei Cantor Fitzgerald, einem New Yorker Investmenthaus.

Noch im Januar 2020 besuchte Jain das Weltwirtschaftsforum in Davos, wo er einen erholten Eindruck machte und seine schwere Erkrankung überwunden zu haben schien. Personen, die ihm nahestanden, berichten indes, er habe seither konstant unter starken Schmerzen gelitten.

Den zuletzt diagnostizierten Rückfall sollte er nicht überleben. Jain starb in der Nacht auf Samstag.

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