Zum Tode Leo Kirchs Aufbauen, pleitegehen, weiterkämpfen

Für Frauen oder Yachten wollte er sein Geld nicht verpulvern: Leo Kirch baute einen mächtigen Medienkonzern auf, galt als gewiefter Strippenzieher, war ein Vertrauter Helmut Kohls. Dann legte er eine der größten Pleiten der deutschen Geschichte hin. Für sein Lebenswerk kämpfte er bis zuletzt.

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Hamburg - Als sein Lebenswerk zugrunde ging, war Leo Kirch längst im Rentenalter. Er hatte sich finanziell abgesichert, er hätte sich ins Privatleben zurückziehen können. Doch Kirch machte weiter. Und investierte erneut ins Mediengeschäft.

Trotzdem bleibt sein Name vor allem mit einer Sache verbunden: einer der größten Pleiten der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Schon seinen ersten großen Coup als Filmrechtehändler musste Kirch auf Schulden begründen. 25.000 Mark habe er von seiner Frau "erbettelt", um 1956 die deutschen Rechte für Federico Fellinis Film "La Strada" zu kaufen, schilderte der Unternehmer seine Gründerlegende. Aber er habe alles zurückgezahlt - samt Zinsen.

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Leo Kirch: Vom Medienzar zum Pleitier
Fast fünf Jahrzehnte später blieben seine Gläubiger auf ihren Forderungen sitzen: Über Jahre hinweg hatte Kirch mit seinem Medienimperium einen so riesigen Schuldenberg angehäuft, dass eine Tilgung aussichtslos wurde. 2002 legte die Kirch-Gruppe mit fast 10.000 Mitarbeitern und mehr als sechs Milliarden Euro Schulden die bis dahin größte Pleite in der Bundesrepublik hin.

75 Jahre war der Unternehmer damals schon - geschlagen gab er sich aber nicht: Fast blind und an den Rollstuhl gefesselt kämpfte er vor Gericht über Jahre hinweg gegen die Deutsche Bank und deren Ex-Chef Rolf Breuer um Schadensersatz. Parallel dazu fädelte er sein Comeback als Medienunternehmer ein. "Für etwas richtig Großes ist die Zeit noch nicht reif", sagte er 2005. "Aber hungrig bin ich immer noch." Es gelang Kirch dann sogar, die Branche durch spektakuläre Deals erneut aufzumischen.

2007 verkündete die Deutsche Fußball-Liga (DFL), sie werde Kirchs Firma Sirius die Vermarktung der Bundesliga-Fernsehrechte überlassen. Noch fünf Jahre zuvor hatte die Pleite des Kirch-Konzerns die Liga in eine finanzielle Krise gestürzt. Kirch schaffte es dann 2008 sogar, eine Bankbürgschaft über 500 Millionen Euro zu ergattern. Schließlich kippte das Bundeskartellamt die Pläne.

Mit Pomade-Frisur und Strickjacke in die Glitzerwelt

Kirch hielt über ein Firmengeflecht noch Beteiligungen an mehreren Medienunternehmen. Doch an alte Erfolge konnte der einst mächtige Medienzar nicht mehr anknüpfen.

So schillernd die Branche erscheint, in der Kirch Geld verdiente - der Unternehmer selbst verbreitete keineswegs Glamour. Als Sohn eines Klempners war er 1926 in Franken geboren. Die Tolle seiner nach hinten gekämmten Haare fiel mal kleiner, mal größer aus. Aber der Schnitt erinnerte stets an die Pomade-Frisuren der Nachkriegszeit. Statt Geschäftsjackett trug Kirch auch gerne Strickjacke oder Trachtenjanker.

Der schwerreiche Unternehmer, dessen Vermögen zu Hochzeiten auf mehrere Milliarden Euro geschätzt wurde, mied die Öffentlichkeit, Fotos waren rar. Zugleich war er bekannt für seine engen Kontakte zu Politikern wie Franz Josef Strauß und Helmut Kohl. Dem Altkanzler diente er bei dessen zweiter Hochzeit sogar als Trauzeuge.

Seine Geschäfte trieb Kirch gern im Verborgenen voran, engagierte Strohmänner und schuf verschachtelte Firmengebilde. Diese Mischung aus Gerissenheit und Machtstreben brachte ihm das Image des Strippenziehers und Monopolisten an der Grenze zur Legalität ein. Andererseits hatte er auch den Ruf eines Mäzens, der Museumsprojekte großzügig mitfinanzierte.

Sein Geschäftsmodell und Grundlage seines wirtschaftlichen Erfolges in den achtziger Jahren war die Kontrolle der kompletten Verwertungskette von Medieninhalten. Als beherrschende Figur im Privatfernsehen und Filmproduzent konnte er in praktisch jeder Stufe der Entstehung und Vermarktung eines Filmes Gewinne abschöpfen: Herstellung, Vertrieb, Senderechte, Synchronisation, Verleih, Video, Merchandising und Ausstrahlung - jeder dieser Schritte lag in seiner Hand.

Als Pionier des Privatfernsehens hat Kirch bis heute die deutsche Medienlandschaft geprägt. Kritikern erschien der Unternehmer deshalb so unheimlich, weil er in den neunziger Jahren Privatsender wie Pro Sieben, Sat.1, N24 und DSF aufbaute und damit einen Großteil des deutschen Medienmarktes beherrschte. Er habe sein Imperium wie ein Patriarch geführt, sagen Beobachter. Der Unternehmer hielt gut 40 Prozent am Axel Springer Verlag, machte Geschäfte mit großen Hollywood-Studios und dem australischen Medienmogul Rupert Murdoch, der derzeit um sein Erbe kämpft. Zudem sicherte er sich die Übertragungsrechte für große Sportereignisse wie Fußball-Weltmeisterschaften und die Formel 1.

Kein Geld für Frauen, Yachten und Immobilien verpulvern

Zu Kirchs größten Schätzen gehörte sein Filmarchiv: 11.000 bis 15.000 Spielfilme sowie Fernsehserien und anderes Material für 50.000 Sendestunden sollen zum Zeitpunkt der Insolvenz im Fundus der Kirch-Gruppe gelagert haben. Zeitweise stammte jeder zweite im deutschen Fernsehen ausgestrahlte Film aus dem Archiv des Medienimperiums.

Seinen Antrieb erklärte Kirch im SPIEGEL einst so: "Ich wollte mit einer wachsenden Zahl von Mitstreitern aus einem kleinen Kern organisch etwas entwickeln, statt mein Geld für Frauen, Yachten oder Immobilien zu verpulvern." Doch in entscheidenden Fragen verließ den Medien-Visionär sein Gespür für gute Geschäfte: So hielt er beharrlich am unrentablen Bezahlsender Premiere fest.

Als sein Imperium dann 2002 zusammenkrachte, suchte Kirch die Schuld bei anderen. Zu seinem Intimfeind avancierte der Ex-Chef der Deutschen Bank, Rolf Breuer. Der Banker sagte Anfang Februar 2002 in einem Fernsehinterview mit Blick auf den Kirch-Konzern: "Was alles man darüber hören und lesen kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis Fremd- oder Eigenmittel zur Verfügung zu stellen." Diesen verqueren Satz machte Kirch für den Untergang seines Imperiums verantwortlich: Dadurch, dass Breuer seine Zahlungsfähigkeit öffentlich angezweifelt habe, sei der Medienkonzern tatsächlich zahlungsunfähig geworden. "Das Interview war meine Schlachtung", sagte Kirch 2005. "Erschossen hat mich der Rolf."

"Ich war nie ein Spieler"

Der Pleite folgte ein jahrelanges Hin- und Her vor Gericht. Kirch errang Teilsiege, bei Niederlagen ging er in Berufung. Viele Beobachter sprachen von einem Rachefeldzug. Kirch selbst sagte, er wolle "Kompensation für das, was Herr Breuer an unternehmerischer Leistung zerstört hat". Als der Banker 2011 erneut vor Gericht musste, schleppte sich auch Kirch im Rollstuhl zum Prozess. Durch eine Zuckererkrankung war er halbblind, sein Fuß musste amputiert werden, der damals 84-Jährige war kaum zu verstehen. Nach 90 Minuten erklärte ihn sein Arzt für nicht mehr vernehmungsfähig. Was nun nach Kirchs Tod aus dem Prozess wird, ist offen.

Warum Kirch sich das antat? Wie sehr er unter der Pleite seines Imperiums gelitten hat, gab er nicht preis. "Ich war nie ein Spieler, sondern allenfalls ein Unternehmer mit Sportsgeist", sagte er 2002 wenige Monate vor der Insolvenz seines Konzerns. "Mich leitete kein Größenwahn, sondern die Idee, maximales Eigentum zu erwerben, um Maximales zu bewegen." So spricht keiner, der den Niedergang einfach hinnimmt. Oder doch? Der bekennende Katholik hatte für seinen Abstieg auch einen lapidaren Kommentar parat: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen."

insgesamt 8 Beiträge
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wolfi7777 14.07.2011
1. Medien und Machtkonzentration - das geht nicht!
Kirch, Springer, Berlusconi, Maxwell und Murdoch sind alles Beispiele dafür wie eine Person mit Macht Medien korrumpiert und zuletzt zerstört und oft sich selbst ...
GSYBE 14.07.2011
2. suchte Kirch die Schuld bei anderen
Dieser vom Schreiberling benutzte Terminus impliziert Unlauteres. Ohne unbedingte Partei für Kirch ergreifen zu wollen, so bleibt doch festzuhalten, daß von Seiten der Richter die Kirch-Klage gegen die DB und Breuer zumindest als nicht völlig substanzlos erachtet wird. Zumindest meine ich Derartiges gelesen zu haben.
Oceandrive 14.07.2011
3. Medien und Demokratie
Für eine funktionierende Demokratie braucht man unabhängige Medien, keine Konzentration von Fernsehsendern und Zeitungen in wenigen Händen. Was die Banken für die Wirtschaft sind, sind Medien für das politische System. Diese Geschäfte gehören beide strengstens reguliert, da sonst das demokratische und wirtschaftliche System Schaden nimmt. Nur die Politik tut so, als ob dies eine Geschäft wie jedes andere ist. Perversion nennt man das.
meando 14.07.2011
4. Zahlungsunfähigkeit angezweifelt
"Dadurch, dass Breuer seine Zahlungsunfähigkeit öffentlich angezweifelt habe, sei der Medienkonzern tatsächlich zahlungsunfähig geworden." Arrgh, liest das auch mal jemand Korrektur? Könnte Breuer evtl. die ZahlungsFÄHIGKEIT angezweifelt haben?
amonn 14.07.2011
5. .
Leo Kirchs Lebenswerk mag seine dunklen Seiten gehabt haben und er hat mit harten Bandagen gekämpft, wobei er oft am Rande der Legalität und Moral agiert hat (manchmal vielleicht sogar jenseits der Grenze dazu). Sein Gesamtwerk war von vielen Aufs und Abs gekennzeichnet, er selbst war immer eine strittige Persönlichkeit, zB als größter Geldgeber in der Kohl-Spendenaffäre. Trotzdem wird sein Name in der Filmwelt für immer unvergessen bleiben, denn er hat für viele künstlerisch wertvolle Filme überhaupt erst eine Verleihmöglichkeit geschaffen. Zudem hat sein Unternehmen etliche Filme aufwendig restaurieren lassen, um diese für die Nachwelt zu erhalten und sie in bestmöglicher Qualität wiederzuveröffentlichen, beispielsweise die Dick-und-Doof-Reihe und alle Teile von Sissi. Um diese Herzensangelegenheit hat er nie viel Aufhebens gemacht, was ihm zumindest bei mir einige Sympathie-Punkte eingebracht hat.
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