Rückstellungen für Rechtsrisiken Zweifelhafte Geschäfte belasten Deutsche Bank

Die Anleger sind entsetzt, die Aktie fällt: Die Deutsche Bank hat ihren Gewinn im zweiten Quartal halbiert. Hauptgrund für die schlechten Zahlen sind die Verfehlungen im Investmentbanking. Sie haben der Bank milliardenschwere Rechtsrisiken eingebrockt.
Zentrale der Deutschen Bank: "Beim Kulturwandel in der ersten Reihe"

Zentrale der Deutschen Bank: "Beim Kulturwandel in der ersten Reihe"

Foto: RALPH ORLOWSKI/ Reuters

Frankfurt - Die Deutsche Bank kann derzeit nicht mit der Konkurrenz aus den USA mithalten. Das ist die bittere Erkenntnis aus den am Dienstag vorgelegten Quartalszahlen. Während Rivalen wie JP Morgan oder Goldman Sachs schon wieder Milliardengewinne machen, muss sich Deutschlands größtes Geldhaus mit einem Mini-Überschuss von 335 Millionen Euro begnügen.

Die Aktionäre reagierten entsprechend enttäuscht: Der Kurs der Aktie fiel zeitweise um fast fünf Prozent. "Die Zahlen sind schlecht", sagt Dieter Hein vom unabhängigen Analysehaus Fairesearch.

Hauptbelastung für die Bank sind ihre Sünden aus der Vergangenheit. Da ist zum einen die hauseigene Bad Bank, in die der Konzern all die Geschäfte abgeschoben hat, die er loswerden will. Dieser Bereich fuhr allein im zweiten Quartal knapp 700 Millionen Euro Verlust ein.

Noch schlimmer aber wiegen die Rechtsstreitigkeiten, für die die Bank erneut mehr Geld zurücklegen musste. Insgesamt hat sie nun drei Milliarden Euro dafür reserviert - eine Zahl, die selbst Kenner schockiert. "Dass die Bank nochmals Geld für Rechtsstreitigkeiten in die Rückstellungen packen musste - damit hatte niemand gerechnet", sagt Heino Ruland von Ruland Research. Es sehe auch nicht so aus, als gäbe es im zweiten Halbjahr eine Entlastung.

Auch Analyst Hein sieht kein schnelles Ende der Horrornachrichten. "Die Rückstellungen werden in jedem Quartal höher", kritisiert der Experte. Für ihn ist klar, wo die Schuldigen für das Desaster sitzen: "Die Belastungen kommen fast ausschließlich aus dem Investmentbanking. Die Deutsche Bank hat dort offenbar jahrelang Geschäfte außerhalb der Regeln gemacht und muss nun dafür zahlen."

"Wir rechnen mit einer Zunahme von Vergleichen"

In der Tat ist die Bank in eine ganze Reihe von Rechtsstreitigkeiten verwickelt. An erster Stelle steht dabei der Skandal um mutmaßliche Manipulationen von Referenzzinssätzen wie Libor oder Euribor. Hier ermitteln mehrere Behörden weltweit gegen ein Dutzend Banken. Die UBS  , Barclays   und die Royal Bank of Scotland   haben bereits Strafen in jeweils dreistelliger Millionenhöhe gezahlt. Auch die Deutsche Bank  strebt einen Vergleich mit den Ermittlungsbehörden an.

Im jahrelangen Streit mit dem inzwischen verstorbenen Medienunternehmer Leo Kirch wurde die Bank bereits zur Zahlung von Schadensersatz verurteilt. Nur die Höhe steht noch nicht fest.

Hinzu kommen mögliche Belastungen aus diversen Zivilklagen im Zusammenhang mit dem US-Hypothekenmarkt und umstrittenen Zinsgeschäften. Außerdem ermittelt die deutsche Staatsanwaltschaft wegen möglichem Umsatzsteuerbetrug. Die Bank weist die Vorwürfe zurück.

Die beiden Konzernchefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen wollen nun möglichste viele Risiken loswerden - und streben deshalb Vergleiche an - also vertragliche Einigungen mit Klägern ohne Gerichtsurteil. "Wir rechnen in den nächsten Quartalen mit einer Zunahme von Vergleichen", sagte Jain.

Jain und Fitschen hatten nach ihrem Amtsantritt im vergangenen Jahr einen Kulturwandel in der Bank ausgerufen. Inzwischen haben sie den rund 100.000 Mitarbeitern dazu einen neuen Wertekanon vorgestellt. "Wir tun das, was nicht nur rechtlich erlaubt, sondern auch richtig ist", steht dort zum Beispiel drin. Am Dienstag ließen die beiden Chefs mitteilen, man habe damit "einen wichtigen Schritt auf dem Weg gemacht, die Deutsche Bank beim Kulturwandel in der ersten Reihe zu positionieren".

Analyst Hein sieht die Ankündigungen kritisch: "Ein wirklicher Kulturwandel würde ein unbelastetes Spitzenpersonal erfordern, doch bei der Deutschen Bank stehen ausgerechnet jene Leute an der Spitze, die die Skandale der Vergangenheit zu verantworten haben." Er glaubt auch nicht, dass sich die Geschäftspraktiken der Bank mittlerweile verändert haben: "Diesen Beweis sind Jain und Fitschen bisher schuldig geblieben."

Mit Material von Reuters
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