Unternehmengründungen Die Stimmung hat gedreht

Die Gründerwelle in Deutschland ebbt ab, die Zahl der neugegründeten Firmen sinkt. Gewinner sind die Konzerne.


Hamburg - Die Zeiten, sie haben sich geändert. Mit den Börsenkursen ihrer Unternehmen sind Deutschlands Entrepreneure, die Superhelden von einst, ins Trudeln geraten. Schlimmer noch: Viele smarte Surfer der großen Gründerwelle sind abgesoffen - Sanierungsfälle wie Schambachs Intershop, aus dem eigenen Unternehmen geflüchtet wie Thomas Haffa (EMTV) oder schlicht pleite wie Peter Kabel (Kabel New Media).

Die große Welle droht zu brechen. Bereits im vorigen Jahr sank die Zahl der Betriebsgründungen um 6,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. 2001 geht es weiter abwärts: Die Deutsche Ausgleichsbank (DtA), wichtigster Gründungsfinanzierer, vergab im ersten Halbjahr 17 Prozent weniger Kredite ­ nach einem Einbruch um 22,3 Prozent im Jahr 2000. Es wollen einfach weniger Gründer Kredite haben.

Bei der TBG, der Hightech-Beteiligungstochter der DtA, sank die Zahl der Neuengagements im ersten Halbjahr gar um 50 Prozent. Tendenz: freier Fall.

"Die Stimmung in der Gründerszene hat sich deutlich verschlechtert", sagt der Gründerforscher Rolf Sternberg, Professor an der Uni Köln.

Im öffentlichen Bewusstsein ist diese Trendwende noch nicht angekommen. Nach wie vor glauben viele, die Deutschen hätten sich zu einem Volk von wagemutigen Selfmademen gewandelt.

So frohlockt Gerhard Schröder immer noch, die Bundesrepublik habe sich "wirklich zu einem Gründerland" entwickelt. Wahrhaft neue Zeiten seien angebrochen, jubilierte der Kanzler kürzlich, in denen "immer mehr Menschen nicht nur kreative Ideen haben", sondern auch "ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen".

Wunschdenken. Die Zahlen erzählen eine weniger heitere Geschichte: Noch lebt die Gründerszene - aber die Lage ist ernst.

Lange Zeit war es einfacher, Kapital an der Börse zu beschaffen als einen Kleinkredit für die neue Couch zu bekommen. So beschrieb Bundeswirtschaftsminister Werner Müller unlängst die Euphorie der vergangenen Jahre. Vorbei? Kommt drauf an.

Kapital an der Börse zu beschaffen ist in der Tat ziemlich aussichtslos geworden, aber Geld zum Gründen gibt's immer noch genug. Bund und Länder bieten eine unübersehbare Anzahl von Zuschüssen, Krediten und Bürgschaften an.

Auch die Venture-Capitalists, wichtigste Geldgeber für die Unternehmen der neuen Wirtschaft, sitzen auf prallgefüllten Geldsäcken. Nach Erhebungen des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften stieg das Kapital der inzwischen über 220 Venture-Capital-Unternehmen im vergangenen Jahr auf 36,4 Milliarden Mark an.

Das Problem ist nur, wie Falk Strascheg, einer der Väter der deutschen VC-Szene es ausdrückt, dass die Geldleute zwar immer noch die Taschen voll haben, gleichzeitig aber auch die Hosen.

Kapital gibt es jetzt vornehmlich für echte Innovationen. Besonders gern gesehen: wirklich neuartige Technologien, am liebsten abgesichert mit ein paar Patenten. Diverse Flops mit vermeintlich bahnbrechenden Internet-Firmen wie Online-Drogerien (Vitago) und Webshops (Letsbuyit.com) haben die Investitionsneigung deutlich gesenkt.

Zudem sehen die Schreibtische der Fondsmanager plötzlich wieder recht übersichtlich aus. Die Zahl der eingereichten Businesspläne ist rapide gesunken. Werner Dreesbach von Atlas Venture bekommt heute weniger als die Hälfte neuer Geschäftskonzepte auf den Tisch als noch vor einem Jahr.

Die Szene hat sich beruhigt, auf beiden Seiten. Jugendlich forsche Ex-Berater, die eine schnelle Mark machen wollten, in der Branche als "Boygroups" verhöhnt, stehen nicht mehr auf der Matte und bitten um Millionen. Heute bemühen sich typischerweise Naturwissenschaftler, die aus der Hochschule heraus gründen wollen, oder erfahrene Konzernmanager um VC-Gelder. Von Gründern wird heute mehr erwartet als noch vor einem Jahr.

Als Folge dieser Entwicklung klafft in der Frühphasenfinanzierung wachstumsträchtiger Start-ups eine große Lücke. Vermögende Business Angels können sie nur bedingt schließen. Sie verfügen insgesamt gesehen über zu wenig Kapitalkraft, um eine neue Gründerbewegung in Gang zu setzen. Zudem haben die meisten viel Lehrgeld bezahlt und sind vorsichtiger geworden. Gelder sind vorhanden - aber nicht für alle.

Henrik Müller / Christian Rickens / Claus G. Schmalholz, manager magazin



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