Unternehmensflucht aus Berlin Die missverstandene Hauptstadt

Bahnchef Mehdorn will Berlin den Rücken kehren. Horrormeldungen von Betriebsschließungen füllen regelmäßig die Hauptstadt-Zeitungen. Von Neuansiedlungen hört man selten. Dabei hat der Standort einiges zu bieten. Das Problem ist: Davon wissen die wenigsten.


Hamburg - Verglichen mit der Hiobsbotschaft, dass die Bahn ihren Sitz von Berlin nach Hamburg verlegen will, war es eine vergleichsweise unspektakuläre Nachricht. Die Berliner Fiat-Tochter CNH Baumaschinen will bis Mitte des nächsten Jahres ihre Berliner Niederlassung dichtmachen. Rund 500 Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Doch im Berliner Senat schrillten sofort die Alarmglocken. Wieder ein Betrieb, der in der Hauptstadt seine Pforten schließt oder die Kapazitäten vor Ort zumindest tüchtig eindampft.

Baukräne am Brandenburger Tor: Verheerende Signale
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Der Bildröhrenhersteller Samsung will sein Werk im Berliner Stadtteil Oberschöneweide schließen, beim Videogeräte-Hersteller JVC in Spandau sollen rund 220 Mitarbeiter gehen. Der Zigarettenhersteller Reemtsma will 200 der 550 Jobs in Berlin streichen. Bei Bosch-Siemens-Hausgeräte sind Medienberichten zufolge rund 700, beim Autozulieferer Visteon etwa 600 Jobs in Gefahr.

So geht es seit Jahren. Nur selten mischen sich positive Schlagzeilen unter die schlechten Nachrichten in den Berliner Zeitungen. Etwa als Sony neulich ankündigte, seine Deutschlandzentrale von Köln nach Berlin zu verlegen.

Falsches Image: "Berlin ist Pop, mehr nicht"

Die Vorstellung, dass jetzt auch noch die Bahn - der größte Arbeitgeber der Region - die Flucht aus der Hauptstadt antritt, ist für viele ein Horrorszenario. "Das wäre schon ein verheerendes Signal", sagt Holger Lunau von der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Andere Unternehmen könnten dem Konzern folgen. Potentielle Investoren könnten misstrauisch fragen, was das Staatsunternehmen wohl aus Berlin vertrieben hat.

Dabei ist das Image des Standorts Berlin schon jetzt ziemlich schlecht, sagt Oliver Haase, Leiter der Berliner Niederlassung der Kommunikationsagentur Heller und Partner. Ausländische Unternehmer wüssten so gut wie nichts über die Vorteile der Stadt, das merke er immer wieder, erklärt der Marketingprofi, der das internationale Geschäft der Firma betreut. "Berlin hat ein Kommunikationsproblem. Fragt man in internationalen Unternehmen nach der Stadt, heißt es: Berlin ist Pop, Berlin ist lustig. Mehr kommt da nicht."

Die rot-rote Berliner Regierung betreibe zu wenig Marketing, findet Haase. "Der Standortpolitik fehlt es an Konstanz und auch an Bissigkeit." Statt aktiv zu werden, ruhe man sich im Berliner Senat auf dem Metropolenbonus aus und reibe sich dann verwundert die Augen, wenn die Stadt im Standortwettbewerb unterliegt.

Berlin kann Hamburgern wenig entgegensetzen

Auch Karl Brenke, der Berlin-Experte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), äußert sich kritisch zum Kommunikationsverhalten des Berliner Senats. "Bei der Ansiedlungspolitik gibt es noch einiges zu verbessern", sagt der Ökonom. Bisher gebe es noch keinen zentralen Ansprechpartner für Investoren, dieses Problem werde erst jetzt langsam angegangen. Auch die Zusammenarbeit mit dem benachbarten Bundesland Brandenburg müsse in puncto Firmenanwerbung wesentlich enger werden. Und immer noch gebe es viel zu viele Stellen, die bei Investitionsentscheidungen mitreden dürften: "Ich würde zum Beispiel die Widerspruchsmöglichkeiten der Bezirke stark einschränken", sagt Brenke.

Wie schwer sich der rot-rote Senat schon bei der Pflege der ansässigen Unternehmen tue, zeige sich daran, wie sehr man dort von den Umzugsplänen der Bahn überrascht war, fügt Kommunikationsprofi Haase hinzu. "Wenn ich einen so tollen, renommierten Kunden habe, da bin ich doch dran, da rufe ich doch jeden Tag an."

Im Vergleich zu den Unternehmensbeteiligungen bei der Hochbahn und dem Hafenbetreiber, mit denen die Hamburger das Staatsunternehmen locken, scheint das wirtschaftlich vor sich hin dümpelnde Berlin der Bahn auch einfach wenig anbieten zu können. "Ein finanzielles Paket für die Bahn werden wir nicht schnüren können. Auch ein Verkauf der Berliner Verkehrsbetriebe steht nicht an", erklärte der Wirtschaftsstaatssekretär Volkmar Strauch (SPD) dem "Tagesspiegel" kleinlaut. "Aber es ist ja viel wert, wenn wir alle planungsrechtlichen Hürden für einen neuen Konzernsitz aus dem Weg räumen."

"Im Grunde ein guter Standort"

Die Reaktion auf die Krise findet Haase schlicht "unprofessionell". Statt selbst um das Unternehmen zu kämpfen, rief der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit beleidigt Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Hilfe. Die Bahnzentrale soll im Interesse des Aufbau Ost durch das Veto der Bundesregierung zwangsweise in der Stadt gehalten werden, argumentiert Wowereit.

DIW-Experte Brenke sagt zu dem Krisenmanagement des Berliner Senats nur: "Ich weiß nicht, was da los war." Wie viele andere Ökonomen verteidigt aber auch er die Haupstadt vor ihren Kritikern. Die Standortbedingungen in Berlin seien eigentlich sehr gut, urteilt er. In kreativen Branchen und nicht zuletzt im Tourismusbereich biete die Stadt etwa durchaus Wachstumspotential. "Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres hatten wir zwölf Prozent mehr Übernachtungen, als im letzten Jahr. Das ist schon eine ganze Menge."

Dass Unternehmen wie CNH und JVC Arbeitsplätze abbauen, liege am betriebsinternen Missmanagement und an der allgemein schlechten wirtschaftlichen Lage, betont Brenke. In solchen Zeiten verlagerten auch Unternehmen ihren Sitz nicht so einfach nach Berlin. Ähnlich sieht es Holger Lunau von der IHK. Die Mietpreise in Berlin seien unerhört günstig, genügend Bürofläche vorhanden, "und der Senat bemüht sich durchaus, Bürokratie abzubauen", lobt er. Allerdings entstünden vor allem kleine Betriebe mit höchstens zehn Mitarbeitern, etwa im Biotech-Bereich oder in der Gesundheitswirtschaft. "Man muss sich einfach davon verabschieden, dass Berlin ein klassischer Industriestandort ist."

Die Zahlen scheinen Lunau Recht zu geben. Allein zwischen 1994 und 2004 verschwanden in der ohnehin schwachen Berliner Industrie rund 163.000 Arbeitsplätze. Im Dienstleistungsbereich entstanden derweil nur 76.000 neue Jobs.

Trotzdem muss man auch Marketingfachmann Oliver Haase von den Vorteilen der Stadt nicht erst groß überzeugen. "Grundsätzlich halte ich den Wirtschaftsstandort Berlin für gut", erklärt er. Das Angebot an Personal sei etwa im Biotech- oder im Kommunikationsbereich herausragend. Und sollte sich ein Unternehmen letztendlich doch dazu entschließen, in die Hauptstadt zu ziehen, zögen die Mitarbeiter meist mit Freuden mit. Denn dass es sich in Berlin gut leben lässt - das zumindest ist bis weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt.



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