Untreuevorwurf gegen Middelhoff Absturz eines Manager-Stars

Schillernd, selbstbewusst - und manchmal erfolgreich: Thomas Middelhoff galt als Popstar unter Deutschlands Konzernchefs. Doch bei der Arcandor-Sanierung scheiterte er grandios. Das Unternehmen ist insolvent - und gegen Middelhoff ermittelt der Staatsanwalt.

Von , Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Thomas Middelhoff stellt wie so oft Selbstgewissheit zur Schau, spielt den Überlegenen, dem niemand etwas anhaben kann. Er unterstütze den Vorstoß von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, erklärte er der "Welt am Sonntag" am vergangenen Wochenende, "weil die darin angeregte Untersuchung" den Angriffen gegen ihn "den Boden entziehen wird".

Arcandor-Ex-Chef Middelhoff: "Wir haben das Unternehmen gerettet"
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Arcandor-Ex-Chef Middelhoff: "Wir haben das Unternehmen gerettet"

Die SPD-Politikerin hatte ihre nordrhein-westfälische Ressortkollegin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) zuvor in einem Schreiben gebeten, Ermittlungen gegen Middelhoff zu prüfen. Zypries hatte sich besorgt über einen SPIEGEL-Bericht geäußert, in dem es um die Beteiligung von Middelhoff und seiner Ehefrau an Karstadt-Immobilien geht.

Infolge des Briefes der Justizministerin, den die Staatsanwaltschaft als "Strafverfolgungsbegehren" bewertet, wurden schließlich an diesem Freitag förmliche Ermittlungen gegen Middelhoff eingeleitet.

Selbst wenn das Verfahren am Ende ergebnislos bleiben sollte - das öffentliche Urteil über Middelhoff ist mit dieser Nachricht wohl endgültig gefällt. Eigentlich war es schon mit dem Insolvenzantrag der Karstadt-Mutter Arcandor, die er bis März leitete, besiegelt. Middelhoff wird vielen als einer der Miss-Manager der deutschen Wirtschaft im Gedächtnis bleiben, als großspuriger Poster-Boy, der sich selbst komplett überschätzte und die Traditions-Warenhauskette samt Mutterkonzern ins Verderben führte.

Keine Frage, der stets braun gebrannte Konzernlenker, dem man seine 56 Jahre kaum glauben mag, ist in großen Teilen selbst verantwortlich für sein ramponiertes Image.

Selbst im Februar rühmte er bei seinem Abschied aus dem Konzern noch reichlich selbstzufrieden die eigene Leistung. Er übergebe Arcandor vielleicht nicht ganz "besenrein" sagte Middelhoff. Trotzdem gelte: "Wir haben das Unternehmen gerettet."

Showtalent unter Deutschlands Managern

Polarisiert hat Middelhoff schon immer. Dabei hat der fünffache Vater eines ganz sicher: ein Showtalent, das in der deutschen Managerriege seinesgleichen sucht. Er betörte selbst eine Ver.di-Funktionärin und KarstadtQuelle-Aufsichtsrätin so sehr, dass die ihn öffentlich als "großen Visionär" pries. Als "Macher, der seine Visionen schnell umsetzt und sich davon nicht abbringen lässt".

Jetzt führten diese "Visionen" in die Insolvenz. Allerdings ist das Scheitern bei Arcandor nicht der erste Absturz, den Middelhoff erlebt hat.

Der gebürtige Düsseldorfer ist Sohn eines Textilunternehmers, schon als Assistent an der Uni Münster übernimmt er seine ersten Führungsaufgaben im familiären Betrieb. Nach seiner Promotion startet der Betriebswirt 1986 die Laufbahn im Bertelsmann-Konzern - und ist nach 12 Jahren der Chef des Medienkolosses. Zunächst sieht es nach dem Anfang einer glorreichen Karriere aus: Middelhoff dreht, berauscht vom Boom der New Economy, das ganz große Rad. Er fährt einen aggressiven Wachstumskurs, ein Deal jagt den nächsten - Middelhoff sammelt sagenhafte Erfolge.

Im Frühjahr 2001 erlangt Bertelsmann die Kontrolle über Europas größte private TV-Sendergruppe RTL, die im Geschäftsjahr 2000/2001 für 20 Prozent des Konzernumsatzes und über 40 Prozent des Ergebnisses sorgt. Durch Firmenverkäufe, vor allem durch die Veräußerung der billig eingekauften AOL-Beteiligung, füllt er die Konzernkasse. Im Dezember 2001 belohnt der Aufsichtsrat den schillernden Vorstandschef mit einer Sondergratifikation, die auf 20 Millionen Euro geschätzt wird.

Doch das Platzen der New-Economy-Blase verschont auch Bertelsmann nicht - und obwohl das Unternehmen einigermaßen anständig durch die Krise kam, wird Middelhoffs Treiben der Eigentümerfamilie Mohn irgendwann zu bunt. Vor allem der Börsengang, den der Manager ungestüm vorantreibt, schreckt den Clan auf - im Sommer 2002 setzt sie den Star unsanft vor die Tür. Es war das erste Mal, dass Middelhoff mit seiner draufgängerischen Art nicht mehr in die Zeit zu passen schien. Sein Nachfolger bei Bertelsmann wurde der 60-jährige Gunter Thielen, ein älterer Herr und das krasse Gegenteil seines Vorgängers. Und Middelhoff flüchtete sich als Partner der Gesellschaft Investcorp ins Private-Equity-Geschäft nach London.

Charismatische Auftritte, gigantische Hoffnungen

Die Rückkehr aufs deutsche Wirtschafts-Parkett ließ nicht lange auf sich warten. Im Mai 2004 wurde Middelhoff in den Aufsichtsrat von KarstadtQuelle gewählt, ein Jahr später ist er der Chef im Haus und startet wie immer mit Volldampf. "Wir wollen KarstadtQuelle wieder zu dem machen, was es einmal war - zum Maßstab für alle Unternehmen der Branche", erklärt er zu seinem Amtsantritt. Vollmundig gibt er später das Ziel 40 Euro plus X für den Aktienkurs aus, als der Wert der Papiere nach seinem Dienststart hoffnungsvoll von sieben Euro auf 30 Euro steigt.

Doch die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Ähnlich wie bei Bertelsmann lässt Middelhoff kaum einen Stein auf dem anderen, schürt mit seinen charismatischen Auftritten gigantische Hoffnungen - und stürzt dann um so tiefer. Wo andere Manager akribisch im Operativen arbeiten, setzt Middelhoff auf die großen Deals.

Er versieht die Gruppe mit einem neuen Namen - "Arcandor" - und startet ein harsches Umbauprogramm. Er verkauft im Rekordtempo alles, was ihm entbehrlich erscheint, und das ist eine ganze Menge. Die Sportstudios von Karstadt Fitness, Runners Point, die Bekleidungsketten SinnLeffers und Wehmeyer, die Beteiligung an den deutschen Kaffeehäusern von Starbucks, die Versandlogistik, die IT-Tochter. Die Mehrheit an der defizitären Tochter Neckermann verschenkt Middelhoff praktisch. Und schließlich wird auch noch das riesige Immobilienportfolio auf den Markt geworfen, um Schulden zu begleichen. Im Gegenzug kauft Middelhoff im Tourismus zu, erwirbt von der Lufthansa Chart zeigen einen rund 50-prozentigen Anteil am britischen Reiseveranstalter Thomas Cook.

Eine ganze Zeit lang gelingt es, mit gut gerechneten Bilanzen den Eindruck von Erfolg zu erzeugen. Doch irgendwann beginnen Beobachter, genauer hinzuschauen, sich zu fragen, wie viel ein Konzern noch wert ist, dessen Unternehmensteile nicht so recht laufen und der keine Reserven mehr hat, die er noch verscherbeln könnte.

Der Aktienkurs beginnt zu fallen. Ins Bodenlose. Im Herbst 2008 gibt es Gerüchte über eine mögliche Schieflage bei Arcandor. Im Juni 2009 ist es dann endgültig soweit - auch der neue Vorstandschef Karl-Gerhard Eick, der Middelhoff im März ablöst, kann Arcandor nicht mehr retten. Die Bundesregierung verweigert Staatshilfe. Weil am Aus der Warenhausmutter auch das miese Management der Vorjahre Schuld sei. Middelhoffs Management.

Middelhoff erfüllt alle Klischees des arroganten Managers

In einem hat Middelhoff wohl recht: Ohne ihn wäre Arcandor vermutlich schon früher untergegangen. Abgestoßene Konzernteile wie SinnLeffers und Wehmeyer trudelten ihrerseits in die Insolvenz. Die Ära der Warenhäuser ist schlicht vorüber, vielleicht war auch Karstadt schon bei Middelhoffs Antritt nicht mehr zu retten. Umgekehrt ist das von Middelhoff erworbene Reiseunternehmen Thomas Cook der profitabelste Geschäftsbereich in der Insolvenzmasse.

Doch am Ende stehen bei Middelhoff großen Visionen allzu oft überschaubare Ergebnisse gegenüber. Ein gescheiterter Börsengang bei Bertelsmann, eine veritable Großpleite bei Arcandor. Dass Middelhoff bei dem Essener Handels- und Tourismuskonzern zum Abschied auch noch Boni von über zwei Millionen Euro kassierte, hat sein Image nicht eben gestärkt.

So ist er in der öffentlichen Wahrnehmung vom Visionär endgültig zum unbelehrbaren Windmacher geworden.

Auch in den vergangenen Tagen ist der Eindruck entstanden, dass Middelhoffs wichtigstes Anliegen der öffentliche Auftritt ist. "Ich werde die Arbeit der zuständigen Stellen vollumfänglich unterstützen", verkündete der gefallene Managerstar vergangenes Wochenende über die "Welt am Sonntag" zu möglichen Untersuchungen über seine Immobilien-Beteiligung. Die angekündigte Stellungnahme lag der Staatsanwaltschaft nach Aussage der Ermittler allerdings am Freitag noch nicht vor.



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yupii 09.06.2009
1. Spiegel-Online hat DIE Macht
Das sich Spiegel-online damit brüstet, dass sie, durch das Vermelden der Entscheidung des Vorstands, den Antrag auf einen staatlichen Notkredit nicht zu verbessern, den Kurs um 30 % fallen sinken lassen haben finde ich überheblich und beängstigend. Wer sich so mit seiner vermeintlichen macht rühmt und auch noch so leichtfertig damit umgeht, der kann einen ja nur Angst machen. Sich mit Dingen zurühmen , die nichts Gutes sind ist man eigentlich eher von der Bild-Zeitung gewohnt
bringtheheat, 09.06.2009
2. Faire Lösung
Die Insolvenz ist wohl die fairste Lösung für alle. All die Absolventen von Studium und Ausbildung bekommen momentan keine Chance zu zeigen was sie können. Arcandor hatte seine Chance, hat sie aber nicht genutzt. Nun sind andere an der Reihe. Neben den offensichtlichen Fehlern des Big-Business-Middelhoff, die Immobilien zu verkaufen tragen aber auch die Verkäufer in den Häusern eine gehörige Mitschuld. Ich kann zwar nicht beurteilen inwiefern der Verkauf der Immobilien damals alternativlos war, aber ich kann beurteilen, das ein Unternehmen ohne Werte immer am Abgrund steht, da man speziell bei den regelmäßigen Kreditverhandlungen im Handel nichts einbringen kann und keine Sicherheiten vorlegen kann. Man geht dort einkaufen, wo man sich wohl fühlt. Auf den Cent achtet man bei der Größenordnung nicht. Bei dumm und dreist in Gruppen rumstehenden Verkäuferinnen fühlt man sich nunmal nicht wohl. In kleineren Filialen trampeln einem die Verkäuferinnen überspitzt formuliert direkt auf die Füße sobald man den Laden betritt. Die schleppende Sanierung der Häuser tut ein übriges. In meiner Stadt (330tsd Einw.) fühlt man sich bei Karstadt eher wie auf nem türkischem Basar. Interessanterweise hat Arcandor durch den Verkauf der Immobilien Vertrauen bei den Kreditgebern verloren. Der Götze einer möglichst hohen Eigenkapitalrentabilität die ja gerade durch wenig Eigenkapital erreicht wird, also möglichst wenig Risiko einzugehen ist in diesem Fall wohl auch gescheitert. Die Entscheider vergessen heutzutage oftmals, das es Käufer und Verkäufer, Schuldner und Gläubiger usw. gibt. Das ganze nennt sich wohl modernes Unternehmertum...lol Ich möchte hier mal die These aufstellen, das die Insolvenz lange Zeit absehbar war und man daher alle Vermögenswerte schon vor längerer Zeit von Arcandor abgetrennt hat. Wer steigt mit ein?...:-D
idealist100 09.06.2009
3.
Zitat von sysopArcandor gibt auf: Der Handelskonzern hat Antrag auf Insolvenz gestellt. Betroffen sind die Tochterfirmen Karstadt, Quelle, Primondo, aber nicht Thomas Cook. Ist diese Insolvenz-Lösung die beste für den Konzern und seine Angestellten?
Wenn 50 % der Jobs erhalten werden zu marktüblichen Gehältern, kein Lohndumping wie bei Karstadt/Quelle, dann war es ein Erfolg. Vielleicht werden es ja auch mehr. Ich hoffe nur das kein müder Eurone für die Eigner Schicki-miki, Openeimer, Esch, middelh, Eick etc. übrigbleibt.
elwu, 09.06.2009
4. Klar
ist eine Insolvenz die beste Lösung, wäre es auch bei Opel gewesen... Zum Artikel: "Die Finanzkrise hat erstmals einen deutschen Großkonzern in die Insolvenz getrieben." Ah ja? Arcandor war schon seit Jahren siech! Auch ohne die Finanzkrise. Wenn doch wenigstens die Journalisgten aufhören würden, die Finanzkrise für jede Pleite als Begründung zu nennen. Statt richtigerweise das Versagen und/oder die Gier von Managern und Politikern.
D0nJuAn 09.06.2009
5.
Ein dank an die Regierung das sie es nicht zum kompletten Dammbruch hat kommen lassen.
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