Urteil gegen Pharma-Mogul Waksals "Netz aus Lügen"

Der erste Prozess gegen einen US-Wirtschaftskriminellen ist mit einem unerwartet harten Urteilsspruch zu Ende gegangen. Wegen Insider-Handels und Betrugs wurde Samuel Waksal, Gründer des Pharmakonzerns ImClone, zu einer Haftstrafe von mehr als sieben Jahren verurteilt.

New York - "Der Schaden, den Sie angerichtet haben, ist wahrhaft unermesslich", leitete Richter William Pauley seine Urteilsbegründung ein. "Diese Vergehen symbolisieren Gesetzlosigkeit und Arroganz." Waksal, der sich tags zuvor mit tränenerstickter Stimme bei all denen entschuldigt hatte, deren Vertrauen er verraten hatte, starrte ins Leere, sein Gesicht wie eine wächserne Maske. Nur ein leises Schluchzen aus der ersten Zuschauerbank, wo seine Tochter und sein Vater saßen, durchschnitt die Stille im schwülen, überfüllten Verhandlungssaal 11D.

So klischeehaft-banal endete gestern im Courthouse von Lower Manhattan die Karriere und - bis auf weiteres - das schillernde, schöne Luxusleben des Samuel Waksal. Sieben Jahre und drei Monate Gefängnis wegen Insider-Handels, Aktienbetrugs und Eidbruchs, Hausarrest bis zum Haftantritt, drei Millionen Dollar Strafe, 1,2 Millionen Dollar Steuernachzahlung: Der tiefe Sturz des 55-jährigen Pharma-Multimillionärs war ebenso filmreif wie sein Aufstieg.

Hollywood hätte Freude an dieser Geschichte. Nicht nur, weil Waksal eine der prominentesten Figuren des New Yorker Börsenadels war: Selfmade-Krösus und Biotech-Wunderkind, Kunstsammler und Philanthrop, Partylöwe und Busenfreund von Rockstars und Medienmogulen. Der Fall "USA gegen Samuel Waksal" (Aktenzeichen: S1-02-Cr.1041) ist vor allem auch ein Lehrstück über Ruhm und Reichtum, über Gier und Großmannssucht und die in diesen Sphären oft nicht mehr leicht erkennbare Grenze zwischen Recht und Unrecht - eine Grenze, die das Gericht nun mit der Verhängung der Höchststrafe unerwartet und unmissverständlich scharf zog.

Reif für eine Hollywoodgeschichte

Waksal ist der erste Präzedenzfall in der jüngsten Prozesswelle gegen US-Wirtschaftskriminelle. Eine typisch amerikanische Affäre, die aber bis nach Deutschland Kreise zieht, wo die Darmstädter Merck KG die Europarechte an Erbitux hält. Merck will das Krebsmittel, mit dem Waksals Erfolgsstory einst begann, alsbald auf den Markt bringen - und erfüllt damit wenigstens noch einen Teil des Lebensziels von Waksal. Der wird das wohl vom Gefängnis aus verfolgen.

Waksals Marsch von den anonymen Universitätslabors in die Salons Manhattans und Southhamptons und von dort in den Gerichtssaal dauerte zwei Jahrzehnte. 1984 gründete er gemeinsam mit seinem Bruder Harlan im New Yorker Szene-Viertel Tribeca die Firma ImClone Systems Incorporated. Die beiden Mediziner wollten ihrer Arbeit in der Krebsforschung eine lukrativ-kommerzielle Plattform geben. Doch erst 1993 stieß ImClone auf das erhoffte Wundermittel: das Molekül C225, das vom kalifornischen Krebsforscher John Mendelsohn entdeckt worden war, doch auf dem Markt wegen bis dahin ungetesteter Toxizität keinen Abnehmer fand.

Die Waksals ergatterten sich die Lizenz für C225, nannten es Erbitux, und ImClone hatte sein erstes und einziges Zukunftsprodukt. Finanziert wurde das aufwendige Unterfangen von einem windigen Geflecht aus Immobiliendeals, Internet-Ventures und Bankdarlehen.

Gleichzeitig fand Waksal den Einstieg in die feine Gesellschaft. Er lernte Alexis Stewart kennen, Tochter der Haushalts- und Society-Queen Martha Stewart. Er investierte mit der Schauspielerin Mariel Hemingway in mehrere Restaurants. Er kaufte sich ein 600-Quadratmeter-Loft in Soho und ließ es zu einem Party-Palast ausbauen, an dessen Wände bald Originale von Picasso, Rothko, Lichtenstein und de Kooning hingen - Gesamtwert mindestens 15 Millionen Dollar. Prominente aller Couleur gingen ein und aus: Mick Jagger, der Milliardär Carl Icahn, der Paläontologe Stephen Jay Gould.

Freikonzert der Doobie Brothers

Im Mai 2000 legte ImClone der American Society of Clinical Oncology erste Forschungsergebnisse zu Erbitux vor. Waksal garnierte den "Durchbruch" mit einem Freikonzert der Doobie Brothers, das er für die Kollegenschaft organisierte. Eineinhalb Jahre später erwarb der Branchenriese Bristol-Myers Squibb für zwei Milliarden Dollar einen 20-Prozent-Anteil an ImClone und das US-Vertriebsrecht für Erbitux. Es war der größte Biotech-Deal der Geschichte. Alles sah rosig aus für Waksal, der dank Aktienoptionen nun hundertfacher Millionär war.

Dann kam der 26. Dezember 2001. Nach wochenlangen Gerüchten, Erbitux sei nicht ganz koscher, erhielt Waksal von seinem Bruder einen düsteren Tipp: Die Aufsichtsbehörde FDA werde den Antrag auf Zulassung von Erbitux ablehnen. Waksal wusste: Für ImClone wäre das der Todesstoß. Sofort versuchte er fast 80.000 ImClone-Aktien abzustoßen. Tags darauf trennten sich seine Tochter Alizia sowie seine Freundin Martha Stewart hastig von ihren ImClone-Anteilen im Wert von insgesamt drei Millionen Dollar - über 24 Stunden bevor die FDA-Ablehnung offiziell wurde und der ImClone-Kurs, zum Entsetzen der ahnungslosen Aktionäre, an der Wall Street in den Abgrund stürzte.

Erst kamen Aktionärsklagen. Dann leiteten das US-Justizministerium, die Börsenkontrolle SEC und der Energieausschuss im Repräsentantenhaus, der gleichzeitig im Enron-Skandal ermittelte, Insider-Verfahren gegen Waksal und Stewart ein. Die soll im Privatjet, auf dem Weg in den Weihnachtsurlaub in die Karibik, telefonisch von ihrem Broker über die FDA-Abfuhr vorgewarnt worden sein.

Steuerhinterziehung im großen Stil

Die Fahnder förderten einen wahren Sumpf zu Tage. So hatte Waksal seit 1992 allein 50 Aktientransaktionen der SEC verschwiegen. Bei der Anhäufung seiner Gemäldesammlung umging er 1,2 Millionen Dollar Steuern, indem er sich die Kunst als Firmenanschaffungen quittieren, doch nach Soho liefern ließ. Die Bilder landeten jetzt auf dem Auktionsblock von Sotheby's, um Waksals Anwaltskosten zu decken. Auch hinterzog er 23,3 Millionen Dollar Einkommensteuern und fälschte die Unterschrift eines Bankbeamten für ein 44-Millionen-Dollar-Darlehen. "Ein Netz aus Lügen", so Staatsanwalt Michael Schachter.

Im Mai 2002 trat Waksal von seinem Posten als ImClone-CEO zurück, nicht mal drei Wochen später wurde er verhaftet. Über die folgenden Wochen und Monate bekannte sich Waksel in den meisten Punkten schuldig, um eine lange Haft zu vermeiden. Stattdessen nutzte die Staatsanwaltschaft seine Geständnisse aber, um ihre Ermittlungen auszuweiten - ohne Rücksicht auf die Prominenz der Beschuldigten: Sie erhob Anklage gegen Waksals Kunsthändler, den New Yorker Galeriekönig Larry Gagosian, und vorige Woche dann auch gegen Martha Stewart.

Einen letzten, sichtlich verzweifelten Versuch zur Strafmilderung unternahm Waksals Anwalt Mark Pomerantz gestern, indem er 120 Empfehlungsschreiben von VIP-Freunden vorlegte, die Waksals wohltätige Taten und Verdienste um die Krebsforschung beschworen, jenen Sinn seines Lebens. Denn: "Nur zwei Dinge sind für mich noch wichtig", hatte Waksal selbst kurz vor dem Prozess gesagt. "Meine Familie - und die Zulassung unseres Krebsmittels."

Im letzten Fall ist ihm das Schicksal denn auch geneigt. Vor zehn Tagen legte Merck auf einem Ärztekongress in Chicago jüngste, viel versprechende Ergebnisse zu Erbitux vor. Die FDA tat daraufhin kund, das Genehmigungsverfahren in den USA noch einmal zu überprüfen.