US-Abschwung Ben Bernanke und das Rezessionsphantom

Kräftig, aber zu spät: Die amerikanische Notenbank hat den Leitzins erneut deutlich gesenkt - eine Rezession kann sie damit wohl nicht mehr verhindern, analysiert Volkswirt Willi Semmler. Einiges spricht aber dafür, dass die Wirtschaftskrise moderat verlaufen könnte.

New York - Es war noch einmal ein Schritt, der Entschlossenheit demonstrieren sollte: Nur rund eine Woche nach ihrer Eil-Zinssenkung um 0,75 Prozentpunkte hat die amerikanische Federal Reserve den Leitzins am Mittwoch abermals abgesenkt. Dieses Mal verringerten die Geldpolitiker um Fed-Chef Ben Bernanke die Zinsrate um 0,5 Prozentpunkte.

Fed-Chef Bernanke (Archivbild): Ist die Rezession schon da?

Fed-Chef Bernanke (Archivbild): Ist die Rezession schon da?

Foto: AFP

Das neuerliche Eingreifen der Fed hat einen psychologischen Effekt, wirkt vertrauensbildend und stimuliert direkt den Aktienmarkt. Die mittelfristigen Wirkungen dürften dennoch moderat sein. Denn an den Finanzmärkten war die Zinssenkung teilweise schon in den vergangenen Tagen vorweggenommen worden.

Gleichzeitig zeichnet sich auf den Märkten ab, dass die Renditen auf private Firmenanleihen nicht fallen, sondern steigen. Investoren scheuen weiterhin das Risiko. Kredite könnten daher eher teurer werden, Banken dürften sich trotz der Fed-Maßnahmen bei der Kreditvergabe zurückhalten.

Wie ernst ist der Konjunkturabschwung in den USA?

Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in den USA liege bei "mindestens 50 Prozent", sagte denn auch Bernankes Amtsvorgänger Alan Greenspan in einem Interview kurz vor der Entscheidung. Nach Meinung vieler Forschungsinstitute und Wirtschaftswissenschaftler hat die Rezession sogar bereits begonnen.

Das Ausmaß der Krise belegen mehrere Indizien. So hat sich Arbeitslosenrate nach Zahlen der US-Regierung im Dezember von 4,5 auf 5 Prozent erhöht. Die Konsumausgaben der Bürger stagnieren, die Einzelhandelsverkäufe im Weihnachtsgeschäft lagen so niedrig wie seit sieben Jahren nicht mehr. Im vierten Quartal 2007 legte die US-Wirtschaft nur noch um 0,6 Prozent zu – die niedrigste Rate in fünf Jahren.

Nach der Definition des National Bureau of Economic Research (NBER) in Boston ist eine Rezession dann eingetreten, wenn die Wachstumsraten für mindestens zwei Quartale negativ sind. Die letzten Rezessionsperioden haben die Vereinigten Staaten 1980/1, dann 1990/1 und im Zusammenhang mit dem 11. September 2001 erlebt. Der exakte Verlauf kann mithin immer nur ex post, im Nachhinein, festgestellt werden.

Klar ist: Die subprime-Krise, die den Banken und Investmentfirmen schon ungefähr 100 Milliarden Verluste eintrug, setzt sich in den verschiedensten Bereichen fort – durch die Verteuerung von Kreditaufnahmen. Selbst der Großimmobilienbesitzer Harry Macklowe musste jüngst erfahren, wie schwer es ist, neue Kredite zu erhalten, um Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen. Macklowe besitzt zwölf Hochhäuser in New York City und muss Schuldenzahlungen von 6,4 Milliarden aufbringen. Trotz der Immobiliensicherheiten sträuben sich die Kreditinstitute, darunter die Deutsche Bank, ihm einen weiteren Kredit einzuräumen.

Die tieferen Ursachen der Rezession

Die nächsten Schwierigkeiten könnten im Kreditkartengeschäft auftreten. Die gesamte Kreditkartenverschuldung in den USA summierte sich Ende 2007 auf über 940 Milliarden Dollar – rund acht Prozent mehr als Ende 2006. Nun werden Rückzahlungen verschoben, und schon 2007 mussten 820.000 Haushalte Insolvenz anmelden. Ein weiteres Indiz für die Notlage der privaten Haushalte: Die Autokäufe - lange Zeit vom Kreditboom angeheizt – beginnen zu stagnieren.

Dabei ist die Immobilienkrise nur der unmittelbare Auslöser der Wirtschaftskrise. Der größere Kontext wird in den Medien meist übersehen. Die gegenwärtige US-Wirtschaftskrise folgt einem typischen Verlauf für Wirtschaftsabschwünge, der durch die Liberalisierung des Finanzmarktes seit den achtziger Jahren noch ausgeprägter wurde. Ähnliche Phasen von Krise und Ernüchterung sind auch in anderen Ländern – zuletzt meist Schwellenländern - aufgetreten, die eine Lockerung staatlicher Regulierungen und in der Folge zunächst einen euphorischen Aufschwung mit Übertreibungen und Spekulationsblasen erlebt haben.

Überaus typisch ist auch, dass ein Aktienmarktboom Hand in Hand mit einer Überexpansion des Kreditmarktes und des Immobiliensektors ging. Eine ganz ähnliche Abfolge von Boom and bust, wie jetzt in den USA, war 1991 in den USA und in Schweden und ab 1992 in Japan zu beobachten – dort währte die Wirtschaftskrise ein ganzes Jahrzehnt lang. Die Überexpansion im Immobilienbereich brachte den Banken enorme Verluste.

Insofern war der US-Abschwung absehbar und ist tatsächlich auch seit Jahren vorhergesagt worden. Er ist aber ein paar Jahre später eingetreten als von vielen Beobachtern erwartet – unter anderem aus folgenden Gründen:

  • Die Fed konnte die US-Leitzinsrate aufgrund des niedrigen Inflationsdrucks lange Zeit ungewöhnlich niedrig halten. Und noch Ende vergangenen Jahres hat die Federal Reserve die private Wirtschaft, insbesondere die Investmentbanken, massiv mit Liquidität versorgt.
  • Das Wirtschaftswachstum seit 2003 wurde maßgeblich durch Schwellenländer wie China und Indien gestützt – die asiatischen Volkswirtschaften wuchsen im Schnitt um sieben Prozent im Jahr, die der fortgeschrittenen Industrieländer nur um zwei Prozent.

Anders als in früheren Konjunkturzyklen kam also dieses Mal die Dritte Welt der ersten zur Hilfe. Dieser Effekt dauert an – und könnte dazu beitragen, dass die drohende US-Rezession vergleichsweise milde ausfallen könnte.

  • So stehen die Ölländer und andere Wachstumsregionen bereit, in den USA zu investieren. Die Citigroup erhielt Ende vergangenen Jahres 7,5 Milliarden Dollar von der Regierung in Abu Dhabi, auch Morgan Stanley, Merrill Lynch und Bear Stearns verzeichneten milliardenschwere Investitionen von Staatsfonds. Diese Beteiligungen von öl- und ressourcenreichen Ländern wird noch zu heftigen Diskussionen innerhalb der USA führen – kurzfristig ist der "bail out" den US-Unternehmen und –Politikern durchaus willkommen.
  • Auch die laufende Abwertung des Dollars und der Abbau der großen Handelsbilanzdefizite mildern den Abschwung. Im letzten Quartal des vergangenen Jahres stiegen die Exporte bereits wieder an, die Importe sanken. Der frühere Bush-Wirtschaftsberater Martin Feldstein schreibt diesem Rettungsanker eine große Bedeutung zu.

So könnte die drohende Rezession dieses Mal anders verlaufen als bei früheren Zyklen. Dennoch wird die Krise von der Politik - auch vor dem Hintergrund des laufenden Wahlkampfes - sehr ernst genommen. Das sieht man nicht zuletzt an der Diskussion über staatliche Konjunkturprogramme.

Kommentatoren bemerken, dass sich Finanzkreise, Wirtschaftsexperten, der Kongress, die Präsidentschaftskandidaten und die Regierung niemals in den vergangenen 30 Jahren so einig waren ihrer in gemeinsamen Anstrengung, in kurzer Zeit wirksame Programme auf den Weg zu bringen. Präsident George Bush hat ein Ausgabenprogramm angekündigt, das Steuerrückzahlungen von 600 Dollar pro Person beziehungsweise 1200 Dollar für Haushalte mit bis zu 150.000 Dollar Jahreseinkommen vorsieht.

Kritiker wie der Ökonom und "New York Times"-Kolumnist Paul Krugman warnen jedoch, dass dieses Programm trotz hoher Kosten nur begrenzte Wirkung entfalten dürfte. Sein Argument: Eine Förderung vor allem für die unteren Einkommensschichten würde die gesamtwirtschaftliche Nachfrage viel wirksamer steigern als das Bush-Programm. Verschuldete Mittelklassehaushalte werden die Einmalzahlung vermutlich nur benutzen, um Schulden abzutragen – der konjunkturstimulierende Effekt wäre minimal.

Falls sich die Dynamik des Abschwungs fortsetzt, kommt das Programm trotz der Mühen der Politik wohl zu spät. Denn die Schecks dürften die amerikanischen Haushalte nicht vor Mai oder Juni erreichen.

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