US-Airlines Bruchlandung mit Ansage

Durch steigende Kerosinpreise und sinkende Passagierzahlen stecken die amerikanischen Fluggesellschaften tief in der Krise. Der Beginn des Irak-Krieges könnte für einige das endgültige Aus bedeuten.


Hamburg – "Unsere Industrie wird mit am frühesten und mit am schwersten betroffen sein“, sagte Glenn Tilton, CEO des United-Airline-Mutterkonzerns UAL Corp. am Mittwoch. Sogar den totalen Zusammenbruch der Gesellschaft wollte der Konzernchef nicht mehr ausschließen.

United-Airlines-Flugzeuge: Bemühungen um Regierungshilfen
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United-Airlines-Flugzeuge: Bemühungen um Regierungshilfen

Fast gleichzeitig kündigte Continental Airlines an, bis zum Jahresende 1200 Mitarbeiter nach Hause zu schicken. Betroffen sind Piloten, Reservierungsmitarbeiter und Flughafenangestellte. Nebenbei wurden auch vier Spitzenmanager in den Ruhestand geschickt. Bereits zuvor hatte Continental 4300 Mitarbeiter gefeuert. Zudem strichen die Verantwortlichen Kapazitäten auf den transatlantischen und transpazifischen Routen.

Schwache Umsätze, gestiegene Steuern, höhere Aufwendungen für Treibstoff, Sicherheit und Versicherung: Die Kosten laufen Continental auch ohne Krieg schon davon. Damit reiht sich der fünftgrößte US-Anbieter in den Klagechor der amerikanischen Linien ein.

Die Aussichten sind finster. Durch den Konflikt am Persischen Golf müssen die Gesellschaften mit weiter sinkenden Passagierzahlen rechnen. Terri Shank, Sprecher des Reisedienstes Orbiz, sieht bereits einen dramatischen Einbruch bei den Buchungen für internationale Flüge. Gleichzeitig drohen steigende Kerosinpreise. Treibstoff ist ohnehin der größte Kostenfaktor für die Konzerne.

Bis zu 70.000 Arbeitsplätze sind nach Schätzung des Branchenverbandes Air Transport Association (ATA) durch den Krieg direkt gefährdet. Ein 90 Tage dauernder Konflikt würde demnach Einnahmeverluste in Höhe von vier Milliarden Dollar nach sich ziehen.

Die drohende Doppelbelastung trifft die Branche zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die Anschläge vom 11. September haben die meisten Anbieter ins Trudeln gebracht. Seit den Terrorattacken häuften sich Milliarden-Verluste in den Büchern an. Obwohl die Bush-Administration den Fliegern mit einem großzügigen finanziellen Hilfspaket zur Seite sprang, wurden seit September 2001 100.000 Arbeitsplätze abgebaut und 2200 regelmäßige Flugverbindungen gestrichen.

Schon jetzt fliegen mit United Airlines und US Airways zwei der größten Konzerne des Landes unter Gläubigerschutz. Besonders bei United liegen die Nerven blank. UAL Corp. rechnet im laufenden ersten Geschäftsquartal mit einem operativen Verlust in Höhe von 877 Millionen US-Dollar. Wie jetzt bekannt wurde liegen die Buchungen für internationale Flüge 40 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

In einer Anhörung vor einem Chicagoer Insolvenzgericht wiederholte ein UAL-Sprecher Mitte der Woche, dass die Airline liquidiert werden müsse, falls man mit den Gewerkschaften keine dauerhafte Änderung der Tarifverträge vereinbaren könne. Im Rahmen des laufenden Insolvenzverfahrens will UAL alte Lohnverträge aus Kostengründen für null und nichtig erklären zu lassen.

Mitte März hatte mit Delta Airlines die drittgrößte US-Fluggesellschaft Alarm geschlagen. Delta kündigte an, dass der Cashflow im ersten Quartal voraussichtlich wegen des Passagierrückgangs negativ sein werde. Damit nicht genug: Auch bei American Airlines scheint die Insolvenz immer wahrscheinlicher. Die größte Fluglinie der Welt versucht noch Kreditzusagen für den Fall eines Antrags auf Insolvenzschutz zu erhalten.

United Airlines bemüht sich nun um Regierungshilfen, um den drohenden Zusammenbruch doch noch abzuwenden. Scheinbar mit Erfolg. Im Rahmen des Luftfahrtstabilisierungs-Gesetzes sollen die Fluggesellschaften drei Milliarden Dollar erhalten, berichtete die "New York Times". Ein kurzer Krieg ließe sich mit dieser Finanzspritze wohl noch überbrücken. Wenn sich der Konflikt jedoch in die Länge zieht, ist mit zahlreichen Bruchlandungen zu rechnen.

Trotz der in Aussicht gestellten Finanzspritze geben sich Branchenbeobachter pessimistisch. "Wenn sich nichts ändert, werden American, Continental, Northwest und Delta in den nächsten zwei Jahren bankrott sein", prognostiziert UBS-Warburg-Analyst Sam Buttrick.



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