US-Aktienmarkt Duell der Indizes

Als der Dow Jones in der vergangenen Woche auf einem Rekordhoch schloss, machte das Schlagzeilen - denn er ist der bekannteste Aktienindex der Welt. Viele Finanzmarkt-Experten aber finden, dass der S&P-500-Index das Börsengeschehen besser abbildet. Ein Vergleich der beiden Aktienbarometer.

Von Sabine Groth


Im Mai feierte er seinen 110. Geburtstag. Eine Umfrage zu seinem Ehrentag offenbarte, dass ihn 78 Prozent der Amerikaner kennen: den Dow Jones Industrial Average, kurz The Dow oder Dow Jones Chart zeigen, wie die Europäer sagen. Charles Dow entwarf den heute bekanntesten Index der Welt am 26. Mai 1896. Unterstützt wurde er dabei vom Statistiker und zweiten Namensgeber Edward David Jones und dem "Wall Street Journal".

Damals enthielt der Index, der eigentlich noch gar keiner war, sondern lediglich ein Durchschnittswert (Average, englisch für Durchschnitt), zwölf Unternehmen. Zur Berechnung des Dow Jones wurden die Preise der zwölf Aktien einfach summiert und anschließend durch zwölf geteilt.

Dow-Jones- und S&P 500-Kurven: Während der S&P 500 rund 20 Werte pro Jahr tauscht, wurden im Dow seit 2001 gerade mal drei Firmen ersetzt
Alan Schein Photography / Corbis

Dow-Jones- und S&P 500-Kurven: Während der S&P 500 rund 20 Werte pro Jahr tauscht, wurden im Dow seit 2001 gerade mal drei Firmen ersetzt

Das änderte sich 1928, der Index wurde auf die heutige Zahl von 30 Unternehmen aufgestockt, und die Berechnung erfolgte fortan über einen bestimmten Divisor, der auch Aktiensplits berücksichtigt. Gleich geblieben ist jedoch bis heute die preisgewichtete Berechnung. Ein Grund, warum der Dow Jones trotz seiner Bekanntheit von Experten oft kritisiert wird. Denn schließlich sind nicht die Aktien mit dem höchsten Preis auch die größten. Und eine stärkere Gewichtung, nur weil eine Aktie teurer ist, scheint etwas willkürlich.

Dennoch will sich der Indexanbieter Dow Jones nicht von der Preisgewichtung lösen. Tatsächlich zeigt eine Rückrechnung, dass sich der Dow kapitalgewichtet nicht viel anders verhält. "Die Indexwerte sind etwas unterschiedlich, aber die Trends sind die gleichen", heißt es von Dow Jones.

Gewichtungsunterschiede

Die Kapitalgewichtung hat sich bei der Indexberechnung heute jedoch weitgehend durchgesetzt – auch der S&P 500 gewichtet die Unternehmen am stärksten, die die höchste Marktkapitalisierung (Aktienzahl mal Preis) haben. Standard & Poor’s führte dieses Verfahren in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein. Der Vorläufer des S&P 500 wurde bereits nach dieser Methode berechnet.

Den S&P 500 als Spiegel der Entwicklung der 500 größten amerikanischen Unternehmen gibt es allerdings erst seit dem 1. März 1957. Seitdem hat er sich als zweiter großer Index für den amerikanischen Aktienmarkt neben dem Dow Jones etabliert. Im vergangenen Jahr hat S&P die Gewichtungsmethode noch einmal in zwei Schritten modifiziert. Statt der gesamten Marktkapitalisierung zählt nur noch die des Streubesitzes – ein Trend, dem auch andere Indizes gefolgt sind.

Im Vergleich zum Dow Jones, der nur 30 Unternehmen enthält, ist der S&P 500 sehr viel breiter gestreut, er deckt rund drei Viertel des US-amerikanischen Aktienmarktes ab. Im Index befinden sich nur Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mehr als vier Milliarden US-Dollar, mindestens die Hälfte der Aktien muss im Streubesitz sein. Ziel ist es zudem, alle großen Branchen abzudecken und damit ein Abbild des gesamten Marktes zu bieten. Am stärksten gewichtet im S&P 500 sind mit 21 Prozent die Finanztitel, zweitstärkster Bereich ist mit zwölf Prozent der Gesundheitssektor. Auch der Dow Jones enthält Unternehmen aus allen wichtigen Branchen, mit Ausnahme von Versorgern. Die befinden sich im Dow Jones Utilities Average.

Um eventuelle Änderungen im Index kümmert sich ein S&P-Indexkomitee, das den Index nach festen Kriterien überwacht und bei Bedarf Unternehmen austauscht. Beim Dow Jones hingegen kümmert sich darum das "Wall Street Journal", das den Index überprüft, "wenn es nötig ist".

Wenig Anpassung beim Dow

Im Vergleich zum S&P 500, bei dem schon aufgrund der Aktienanzahl häufiger Wechsel stattfinden, ist der Dow Jones in seiner Zusammensetzung ziemlich konstant. Während der S&P 500 rund 20 Werte pro Jahr tauscht, wurden im Dow seit 2001 gerade einmal drei Firmen ersetzt. "Unsere Grundregel lautet, wir tauschen nur Unternehmen aus, wenn es zwingend oder nicht zu vermeiden ist", heißt es in einer Dow-Jones-Erklärung. Als "zwingendes" Beispiel wird die Aufnahme von Intel und Microsoft 1999 genannt, um die Digitalisierung der Welt auch im Index abzubilden. Für Kritiker kam diese Entscheidung jedoch viel zu spät.

Im Aufschwung vorn: Der S&P 500 hängte seinen Rivalen zuletzt ab
Eurofonds

Im Aufschwung vorn: Der S&P 500 hängte seinen Rivalen zuletzt ab

Dass eine regelmäßige Anpassung an den Markt, damit der Index auch die sich ständig wandelnde Wirtschaft wirklich widerspiegelt, zu besseren Ergebnissen führt, ist jedoch noch nicht bewiesen. Eine Untersuchung von Jeremy Siegel, Finanzprofessor an der Wharton School der Universität von Pennsylvania, zeigt sogar das Gegenteil. Der "Wizard of Wharton" hat den S&P 500 mit den 500 Anfangswerten von 1957 berechnet. Tatsächlich hätten die 500 Werte bis Ende 2003 pro Jahr ein Plus von 11,4 Prozent gebracht, der angepasste S&P 500 jedoch nur 10,9 Prozent.

Auf die Performance muss sich eine konservative Anpassungspolitik also nicht unbedingt auswirken. Und der Zehn-Jahres-Vergleich zeigt auch, dass die beiden Indizes langfristig relativ gleich abschneiden. Die von Dow Jones berechneten Zehn-Jahres-Korrelationen, die seit 1960 zwischen 0,83 und 0,96 liegen, belegen das ebenfalls. Kurzfristig gibt es aber durchaus Unterschiede. Auch wenn der S&P 500 breiter gestreut ist, zeigt er in Auf- und Abwärtstrends oft mehr Dynamik. Das lässt sich sowohl im Langfrist-Chart gut erkennen als auch im Drei-Jahres-Vergleich (siehe Grafik). In der letzten Aufschwungphase hat der S&P 500 den Dow klar abgehängt. Und auch bei den jährlichen Korrelationen gibt es Ausreißer. So legte der S&P 500 im Jahr 2005 um 3 Prozent zu, während der Dow mit 0,6 Prozent sogar knapp ins Minus rutschte.

Beliebte Basis für Zertifikate

Trotz häufig geäußerter Kritik am Dow wird er ebenso wie der S&P 500 als Grundlage für viele Finanzprodukte genutzt. Rund 40 Milliarden Dollar sind über Produkte wie Investmentfonds, börsennotierte Indexfonds (ETFs), Futures, Optionen und Zertifikate an den Index gebunden. Auf den S&P 500 sind Schätzungen zufolge sogar eine Billion Dollar investiert.

Auf einen Blick: Die Indizes im Vergleich
Eurofonds

Auf einen Blick: Die Indizes im Vergleich

Auch die deutsche Zertifikatebranche bietet ein breites Spektrum an Papieren auf die beiden Indizes. Neben klassischen Indexzertifikaten gibt es auch Angebote mit Absicherung, wie Bonus- oder Discountzertifikate. Gemessen an der Anzahl liegt bei den Emittenten der S&P 500 in der Gunst leicht vorn. "Der S&P 500 wird oft lieber als der Dow Jones gewählt, da dort noch mehr Liquidität vorhanden ist", erklärt Mathias Schölzel von der Deutschen Bank, die auf beide Indizes Produkte anbietet.

Für Anleger gibt es keine direkten Vorteile, beide Indizes sind Kursindizes, das heißt, bei den Zertifikaten werden keine Dividenden berücksichtigt.



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