US-Autobauer in der Krise Modell-Blues in Motown

Ehemals waren die US-Autobauer General Motors und Ford der Stolz von Corporate America. Heute taumeln die Konzerne von einer Krise in die nächste. Vor der Detroit Motor Show zeigt sich, dass die Autogiganten den Wechsel zu sparsamen Modellen verschlafen haben.

Hamburg - 2006 wird die Autobranche wieder ihr Dauerthema pflegen: Verliert General Motors   den Titel als größter Autobauer der Welt an Toyota  ? Oder können die Amerikaner die Spitzenposition, die sie seit über 70 Jahren innehaben, erneut verteidigen? Als ob es für GM darauf ankäme. 2006 muss der Autogigant vor allem eines verhindern: den eigenen Zusammenbruch.

Da dürfte es General Motors kaum trösten, dass mit Ford   ein alter Rivale derzeit ebenfalls tief in der Krise steckt. Entsprechend profitieren beide US-Autobauer kaum vom Heimvorteil, wenn morgen mit der North American International Autoshow in Detroit die größte Pkw-Messe für den wichtigen amerikanischen Markt eröffnet wird.

Tatsächlich sind es die Ausländer, die vor der Branchenschau die Erfolge in Nordamerika vermelden. BMW  , Porsche  , Audi und vor allem Toyota steigerten ihre US-Absätze im Dezember gegenüber dem Vormonat mitunter deutlich. General Motors dagegen verkaufte zehn Prozent weniger Autos und weitete das Minus im Vergleich zu November sogar noch aus. Ford dämmte die Absatzverluste zwar ein. Dafür senkte jüngst die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) den Daumen und stufte einmal mehr die Kreditwürdigkeit herab. Man zweifle an der Kehrtwende im nordamerikanischen Auto-Geschäft des Konzerns, begründete S&P den Schritt.

Der Handlungsdruck auf Ford und GM wächst stetig. Die Produktion beider Konzerne ist angesichts hoher Personalkosten zu teuer. Gleichzeitig verkaufen sie weniger Autos. Um die Fahrzeuge dennoch abzusetzen, liefern sich die Hersteller wilde Rabattschlachten. Die Verluste gehen in die Milliarden. "Die Kombination von sinkenden Marktanteilen und hohen Kosten in Detroit hat einen Punkt erreicht, an dem die Situation kaum noch zu ertragen ist", sagte Fondsmanager Sasha Kamper gegenüber dem Wirtschaftsmagazin "Bloomberg Markets".

"Abstieg ist nicht aufzuhalten"

General Motors hat deswegen bereits den Abbau von 30.000 Jobs in den USA angekündigt, mehrere Werke stehen vor der Schließung. Auch hat das Unternehmen die Kosten beim Gesundheitsprogramm für seine Mitarbeiter um 15 Milliarden Dollar gedrückt. "Nichts davon wird die Strukturprobleme von GM lösen oder den langfristigen Abstieg aufhalten", urteilte jedoch Peter Morici, Wirtschaftsprofessor an der Universität Maryland.

Keine guten Vorzeichen für Ford, wo die Verantwortlichen mit ähnlichen Methoden auf die gleichen Probleme reagieren. Konzernchef Bill Ford will am 23. Januar das Rettungsprogramm vorstellen. Es gilt als ausgemacht, dass er ebenfalls mehrere Produktionsstätten schließen und Zehntausende Jobs abbauen will.

Tatsächlich reicht die Kahlschlagstrategie kaum aus, um das Grundproblem zu lösen. Denn die Notlage von GM und Ford ist eigentlich eine Modell-Misere. Teuer produziert haben die Unternehmen auch in den Vorjahren. Nur haben die Verkaufserfolge von großen Pick-Up-Trucks und schweren Geländewagen, sogenannte SUVs, die Verluste überdeckt. Beispiel GM: Noch vor zwei Jahren verdiente der Konzern bei jedem verkauften Monstergeländewagen vor Steuern 10.000 Dollar. Entsprechend setzte General Motors vor allem auf schwergewichtige Fahrzeuge, ebenso Ford. Das Geschäft mit Limousinen oder gar Kleinwagen überließen die Konzerne der vornehmlich ausländischen Konkurrenz.

Chrysler koppelt sich ab

Doch die SUV-Profite sind Vergangenheit. Schwere Geländewagen haben sich zum Ladenhüter entwickelt - eine direkte Folge steigender Benzinpreise in den USA. Wenn die Gallone Sprit mehr als drei Dollar kostet, fangen selbst die autovernarrten Amerikaner an zu rechnen, ob sich der Kauf eines Benzinfressers noch lohnt. Manche Trucks wie der Hummer von GM verbrauchen mehr als 20 Liter auf 100 Kilometern. Schon vermeldet die "New York Times" das Comeback des ganz normalen Autos. Der Marktanteil der Geländewagen sank demnach auf den niedrigsten Stand seit 1998.

Ford und GM haben die veränderten Kundenansprüche schlicht verschlafen. Dass es anders geht, zeigt der dritte große amerikanische Hersteller. Die Chrysler-Group, der US-Arm des deutschen DaimlerChrysler-Konzerns  , koppelt sich vom Negativtrend ab. Zwar verkaufte das Unternehmen im Dezember gegenüber dem Vormonat fünf Prozent weniger Fahrzeuge. Für das Gesamtjahr verbucht der Autobauer aber ein Plus fünf Prozent. Davon können GM und Ford derzeit nur träumen.

Chrysler hat die Sanierung schon hinter sich. Der heutige Chef der Konzernmutter, Dieter Zetsche, hat in seiner Zeit an der Spitze der US-Tochter ebenfalls Fabriken stillgelegt und Mitarbeiter entlassen. Im vergangenen Jahr profitierte das Unternehmen von den weiterhin beliebten Modellen der Marke Jeep und von dem Luxusboliden Chrysler 300.

Entscheidender aber ist, dass Chrysler 2006 mit den Modellen Dodge Caliber und Chrysler Sebring zur richtigen Zeit zwei sparsame Fahrzeuge auf den Markt bringen wird. Der neue Konzernchef Tom LaSorda. gibt sich entsprechend selbstbewusst und kündigte eine Produktionsoffensive an. "Nach der Aufrüstung unserer Fabriken werden wir eine jährliche Kapazität von 3,5 bis vier Millionen Fahrzeugen haben", sagte der Manager der "Financial Times Deutschland".

SUVs auf der Autoshow

Sparsame Modelle werden GM und Ford so schnell nicht bieten können. Bei der Autoshow in Detroit stellt General Motors das 345-PS-Monstrum Cadillac Escalade vor. Ford präsentiert die Neuauflage des Explorer, fast schon ein Klassiker unter den SUVs.

GMs Erzrivale Toyota dagegen wird eine neue Version des Camry mit Hybrid-Motor vorstellen. Fahrzeuge, die mit der Kombination aus Benzin- und Elektromotor ausgestattet sind, gelten als besonders sparsam. Der Camry war schon vorher das am besten verkaufte Auto in den Vereinigten Staaten. Angesichts des weiterhin hohen Benzinpreises dürfte die Hybrid-Version den Absatz noch einmal ankurbeln.

Es sieht finster aus für General Motors. Weltgrößter Autobauer wird der Konzern unter diesen Umständen kaum bleiben, darin sind sich die Analysten einig. Möglicherweise ist das aber auch das kleinere Übel. Ohne neue Modellpalette könnte die Krise für GM wie auch für Ford existenzbedrohende Züge annehmen.

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