SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

07. Dezember 2008, 10:22 Uhr

US-Autoindustrie

Streit um "Auto-Zar" verzögert Rettungsgespräche

Die Verhandlungen über den Rettungsplan für die angeschlagenen US-Autobauer sind ins Stocken geraten. Der Kongress und das Weiße Haus streiten über die Einführung eines staatlichen Kontrolleurs: Ein "Auto-Zar" soll künftig die Sanierung der Autokonzerne überwachen.

Washington - Die Einigung schien schon nah, doch wenn es um die Details geht, wird es kompliziert: Die Verhandlungen um die Rettung der drei großen US-Autokonzerne General Motors (GM), Ford und Chrysler haben sich am Samstag wieder verzögert. Laut dem "Wall Street Journal" streiten sich Kongress und das Weiße Haus derzeit über die Frage, welche Rolle ein sogenannter Auto-Zar spielen soll - eine Art Chef-Kontrolleur, der die Sanierung der Autoindustrie von staatlicher Seite aus überwachen soll.

GM-Zentrale in Detroit: Rettung zur Not auf durch Fusion
AP

GM-Zentrale in Detroit: Rettung zur Not auf durch Fusion

Ein Vorschlag des Weißen Hauses sieht der Zeitung zufolge vor, einen "Financial Viability Advisor" zu schaffen, der im Handelsministerium angesiedelt sein soll. Dieser soll möglichst sofort mit den Unternehmen Sanierungspläne ausarbeiten, um die Konzerne möglichst schnell wieder überlebensfähig zu machen. Er soll außerdem über die Verwendung der kurzfristigen Rettungsgelder bestimmen können, die aus einem bereits existierenden Programm kommen, das eigentlich zur Förderung spritsparender Autos vorgesehen war.

Demokraten: Obama soll "Auto-Zar" bestimmen

Diese Konstruktion erlaube Noch-Präsident George W. Bush ein weitreichendes Mitspracherecht bei dem Rettungsplan - und die Möglichkeit, der Autoindustrie auch in seinen letzten Tagen Zugeständnisse abzuringen, schreibt das "Wall Street Journal" weiter.

Auch führende Demokraten im Kongress wollen einen Aufseher schaffen. Allerdings bestehen sie darauf, dass Steuergelder nur dann zum Einsatz kommen, wenn der designierte Präsident Barack Obama den künftigen "Auto-Zar" auswählt. Außerdem solle dieser zwar die Möglichkeiten bekommen, Forderungen an die Autoindustrie stellen zu können. Druck müsse aber auch aus der Debatte um den langfristigen Finanzbedarf der Industrie entstehen. Momentan wird laut "Wall Street Journal" über mögliche Kandidaten gesprochen, um zu einem Kompromiss zu kommen.

Die Demokraten wollen bis Dienstag zu einem Ergebnis kommen, um den Zusammenbruch der Konzerne zu verhindern, die als grundlegend für die amerikanische Wirtschaft gelten. Sowohl das Weiße Haus als auch die demokratischen Kongressmitglieder konzentrieren sich derzeit auf ein 15-Milliarden-Dollar-Paket, das die Finanzengpässe kurzfristig überbrücken soll - und die Konzerne mit März nächsten Jahres sichern soll.

Zur Not auch Fusion

Das ist weitaus weniger als die 34 Milliarden Dollar, die GM, Ford und Chrysler gefordert haben, um die wegbrechenden Verkäufe und die Folgen der weltweiten Finanzkrise ausgleichen zu können. GM und Chrysler hatten bereits gesagt, dass sie bis spätestens zum Jahresende eine Geldspritze bräuchten, weil sie ansonsten bankrott gingen. In ihrem Werben um Unterstützung stellten GM und Chrysler in Washington sogar eine Fusion in Aussicht, wenn dies zur Bedingung gemacht werden sollte.

Tatsächlich hatten die neuesten Daten zum Arbeitsmarkt die Debatte um das Rettungspaket für die Automobilindustrie noch mal verschärft. Am Freitag war bekanntgeworden, dass die Zahl der Arbeitslosen im November um 533.000 gestiegen ist - und damit weitaus mehr als ohnehin befürchtet. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosenrate auf den höchsten Stand seit 15 Jahren.

sam

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung