US-Autokrise GM und Chrysler droht Blitz-Insolvenz

Der Absturz ist beispiellos: Angesichts horrender Verluste und mangelhafter Sanierungskonzepte greift die US-Regierung rigoros bei General Motors und Chrysler durch. Eine staatlich gesteuerte Insolvenz im Schnelldurchgang erscheint nun als letzter Ausweg für die Krisenkonzerne.

New York - Kündigungsfristen sind in den USA selten. Wer hier gefeuert wird, hat meist nur noch Zeit, seine Habseligkeiten zu packen und fluchtartig das Büro zu verlassen. Manch ein Manager wurde schon von Wachbeamten vor die Tür eskortiert.

Produktion bei GM: "Wir landen in der Insolvenz"

Produktion bei GM: "Wir landen in der Insolvenz"

Foto: AP

Rick Wagoner, dem vom Weißen Haus geschassten Chef des US-Autobauers General Motors (GM), blieb solche Schmach erspart. Er erschien am Montag einfach nicht mehr am Arbeitsplatz. Sein kommissarischer Nachfolger Fritz Henderson verlor freilich keine Zeit: Er sprach der Belegschaft und per Videokonferenz auch den GM-Händlern Mut zu - und machte Druck. Wenn man sich nicht beeile, wurde er hinterher zitiert, werde es keinen Ausweg geben: "Wir landen in der Insolvenz."

Was Henderson verschwieg: Hinter den Kulissen wird dieser Schritt längst vorbereitet - für GM und ebenso für den nicht minder angeschlagenen Wettbewerber Chrysler. Daran konnten auch all die wortreichen Debatten um Sanierungspläne und Strukturwandel wenig ändern, die den Wochenstart prägten.

Wagoners Zwangspensionierung auf Druck Washingtons ist nur der erste Schritt dieser staatlich verschriebenen Radikalkur. Aus der Gesundschrumpfung - so der Plan der Regierung - sollen GM und Chrysler als zwei deutlich kleinere, schlankere und nicht mehr unbedingt unabhängige Unternehmen wiederauferstehen.

Gerichtlicher Gläubigerschutz, so erfuhr das "Wall Street Journal" aus Regierungskreisen, sei dabei der "führende Plan" des Weißen Hauses. GM - das schon vor Monaten Konkursanwälte angeheuert hat - beharrte in einer Erklärung zwar auf seiner "starken Präferenz" für eine außergerichtliche Umstrukturierung. Doch sei das Unternehmen zu allem bereit, auch zu einem "gerichtlich überwachten Verfahren". Der neue GM-Chef Henderson selbst bezeichnete eine Insolvenz später im Gespräch mit Reportern als "wahrscheinlichere" Option.

Dass das Weiße Haus das Schicksal einer ganzen Industrie derartig kontrolliert, ist beispiellos und erntete sofort scharfe Kritik, vor allem aus konservativen Kreisen. In der Tat hat Washington nie zuvor so in die Privatwirtschaft hineinregiert wie jetzt. Vergleichbar war allenfalls der Versuch im Jahr 1952, die Stahlbranche zu nationalisieren, der aber vom Obersten US-Bundesgericht gestoppt wurde.

Der republikanische Senator Bob Corker - eines der wenigen Kongressmitglieder, die Präsident Barack Obama am Sonntagabend vorab über die Pläne informieren ließ - sprach mit Blick auf die aktuellen Auto-Maßnahmen von einer "Machtergreifung durch das Weiße Haus": Eine solche Einmischung in die freie Marktwirtschaft sei "wahrhaft atemberaubend".

Obama selbst versuchte dagegen, der Nation die Insolvenz-Option mit seiner scharfen, öffentlichen Abstrafung des GM- und Chrysler-Managements schmackhaft zu machen. In seiner TV-Rede widmete er der Gläubigerschutz-Variante drei volle Absätze.

Dabei mühte der US-Präsident sich vor allem, den Konzernen und den Arbeitnehmern die Angst zu nehmen: Insolvenz sei keine Schande. Sie bedeute nicht das Ende eines Unternehmens, sondern eine Art Beginn eines Neubeginns: Ein Insolvenzverfahren könne ein "Mechanismus" sein, um den Konzernen zu helfen, "sich schnell zu restrukturieren und stärker daraus hervorzugehen". Die Regierung würde diesen Prozess begleiten, damit sich GM und Chrysler "wieder aufrappeln" könnten.

"Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass nicht noch mehr Schwierigkeiten kommen", sagte Obama an die Adresse der Auto-Arbeiter. Es war eine seltene Abweichung von seinem Manuskript, in dem nicht "Schwierigkeiten" stand, sondern "Schmerzen" - als wollte er den Schlag zumindest sprachlich etwas abmildern.

In die gleiche Richtung zielte auch Washingtons Zusicherung, die Garantien für alle Autos zu übernehmen, die während einer Umstrukturierungsphase verkauft würden. Das soll die weit verbreitete Furcht mildern, dass Kunden die Produkte eines Unternehmens im Insolvenzverfahren nicht kaufen würden. Zudem versprach Obama für alle Autokäufe ab dem 16. Februar Steuererleichterungen und schlug Abwrackprämien nach europäischem Vorbild vor - einen Maßnahmen-Mix also, um den Insolvenz-Schock abzumildern.

Das ist auch nötig. Normalerweise quälen sich Insolvenzen gemäß "Chapter 11" - dem betreffenden Abschnitt des US-Konkursrechts - jahrelang durch die Gerichte und kosten Unsummen. Bei einer staatlich gestützten Variante dagegen würden die Konzerne mit Gewerkschaften, Gläubigern, Händlern und Zulieferern selbst Vereinbarungen zur Umstrukturierung treffen und dem Gericht dann das fertige Paket vorlegen. Dessen Finanzierung würde letztendlich Washington übernehmen.

Pläne für die "Schnellspülgang-Insolvenz"

Das Weiße Haus lancierte dafür sofort ein neues Schlagwort: "quick-rinse bankruptcy" ("Schnellspülgang-Insolvenz"). Dieses Verfahren würde den knappen Fristen für die neuen GM-und Chrysler-Sanierungspläne entsprechen und zugleich die kniffligsten Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, die einer Gesundung der Autobauer entgegenstehen. Darunter fallen in erster Linie Schulden (28 Milliarden Dollar allein bei GM) und die horrenden Sozialleistungen.

Die Ausgaben für Sozialleistungen stellen vor allem die Opel-Mutter GM vor schier unlösbare Probleme. Ihre Reduzierung wäre der beste Weg zur Kostensenkung - und zugleich das größte Problem in den Gesprächen mit der mächtigen Auto-Gewerkschaft UAW. Die Kfz-Industrie ist in den USA die einzige Branche, die Pensionären die Krankenversicherung ebenso zahlt wie Angestellten. In ihrem jüngsten Bericht schätzte Obamas Auto-Arbeitsgruppe, dass diese Kosten für GM bis 2013 auf rund sechs Milliarden Dollar im Jahr anschwellen werden. Um die Ausgaben zu decken, müsste der Konzern pro Jahr sage und schreibe 900.000 zusätzliche Autos verkaufen.

Das hält Obamas Auto-Arbeitsgruppe für völlig unrealistisch - wie die meisten Vorschläge, mit denen die Konzerne ihre Sanierungspläne vom Februar versehen hatten. Zwar räumte der Präsident "bedeutsame Fortschritte" ein. Doch der vernichtende Report seiner Experten liest sich anders: So herrsche "bei den Verbrauchern die Meinung, dass GM Autos von geringerer Qualität baut". Auch das neue GM-Elektroauto Chevy Volt sei trotz aller Vorschusslorbeeren "wahrscheinlich zu teuer, um kurzfristig kommerziell erfolgreich zu sein". So bereiten sie dem "Chapter 11"-Insolvenzverfahren den Weg.

Die US-Regierung hat nach Informationen des "Wall Street Journals" schon sehr konkrete Pläne: Demnach sollen GM und die frühere Daimler-Tochter Chrysler in je eine "gute" und eine "schlechte" Firma geteilt werden, ähnlich wie bei den maroden Banken.

Im "schlechten" GM-Bereich würden alle Lasten gebündelt, etwa die Sozialkosten und unprofitable Marken wie Hummer und Saturn. Das "gute" GM - inklusive Chevy und Cadillac - könnte selbständig bleiben, womöglich mit einer Beteiligung von Gewerkschaften und Gläubigern. "Das ist der Plan", zitierte das "Journal" einen der Verhandlungsbeteiligten.

Chrysler bekam vom Weißen Haus dabei wesentlich schlechtere Chancen eingeräumt. Das "gute" Chrysler soll demnach an den italienischen Fiat-Konzern gehen, mit dem Chrysler bereits ein Rahmenabkommen getroffen hat.

Fiat-Chef Sergio Marchionne erklärte, eine Allianz würde aus "Chrysler nicht nur finanziell ein stärkeres Unternehmen machen, sondern auch dabei helfen, amerikanische Arbeitsplätze zu erhalten". Vorgesehen ist offenbar, dass Fiat zunächst einen bis zu 35-prozentigen Anteil übernimmt und nach Tilgung der Schulden dann zum Mehrheitseigner wird.

Nicht alle Branchenexperten begrüßten allerdings die Insolvenz-Option. "Schnellspülgang klingt gut", sagte der Konkursfachmann Brad Coulter der "Detroit Free Press". "Ich weiß nur nicht, ob das wirklich funktionieren würde." Den Begriff habe er am Montag zum ersten Mal gehört.

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