US-Börsenjahr 2007 Hitparade des Wall-Street-Wahnsinns

Kreditkrise, Managerskandale, Milliardengeschäfte - und vor allem viel Hype: Die Wall Street hat ein besonders lautes Jahr hinter sich. Eine nicht ganz so ernst gemeinte Hitparade der Sieger und Verlierer von 2007.

New York - Es war eines der aufregendsten Jahre seit langem an der Wall Street. Die Kreditkrise rüttelte an den Kursen und an den Nerven von Anlegern wie Brokern. Die Börse vollführte wilde Bocksprünge, Vorstandschefs verloren ihre Millionenjobs (doch nicht ihre Millionabfindungen), Investoren verloren ihre Einlagen.

Alte Stars verblassten, neue Stars erstrahlten. SPIEGEL ONLINE blickt zurück - mit einer nicht ganz so ernst gemeinten und völlig unvollständigen Wall-Street-Hitparade.

Bester Freiwildjäger: Rupert Murdoch, Medienmogul

Zeitungen sind tot, unken die Medienprofis. Zeitungen leben, sagt Rupert Murdoch und fing sich für schlappe fünf Milliarden Dollar Dow Jones, den waidwunden Verlag des "Wall Street Journals". Jahrelang hatte der Tycoon diese Trophäe begehrt, drei Monate brauchte er, bis er sie erlegt hatte, mit konspirativen Treffen, Schmeichelbriefen und vor allem, wie Pate Don Corleone gesagt hätte, einem "Angebot, das sie nicht ablehnen können".

Die Medienwächter schrien Zeter und Mordio, doch der bräsige Verlegerclan der Bancrofts erlag dem Duft des Mammons. Das "WSJ" lebt derweil weiter - frischer, flotter und wahrscheinlich Murdoch-freundlicher. Der Ex-Australier erwies sich damit als letzter, wahrer Zeitungsmann der USA - ein Triumph, den auch sein neuer, greller und zugleich fader TV-Kabelsender Fox Business nicht schmälert.

Größter Aufschneider: Stephen Schwartzman, Private-Equity-Fürst

Noch im Februar feierte er seinen 60. Geburtstag wie Louis XIV., mit 1500 VIP-Gästen in einem Ex-Zeughaus an der Park Avenue. Sich selbst schenkte er dazu für 39 Milliarden Dollar den größten US-Immobilienkonzern Equity Office, den seine Beteiligungsgesellschaft Blackstone prompt in Stückchen wieder verscherbelte. Doch dann wurde der treue Bush-Mäzen, der in einem 1900-Quadratmeter-Palast auf der Upper East Side residiert und sich gerne "König der Wall Street" titulieren lässt, übermütig.

Der Blackstone-Börsengang erlitt im Juni in den ersten Wogen der Finanzkrise Schiffbruch, der Kurs ist seither von 31 auf 22 Dollar geschrumpft, der Marktwert seines Unternehmens von fast acht auf 5,6 Milliarden Dollar. Schwartzman selbst litt darunter wenig: Die IPO katapultierte ihn auf Platz 40 der "Forbes"-Reichenliste, mit einem Privatvermögen von 7,8 Milliarden Dollar. Dafür schämt er sich kein bisschen: Seine Milliardengeschäfte, sprach er, seien indirekt "ein Geschenk an den kleinen Mann".

Überbewertester Berufsstand: Wall-Street-Analysten

Kaum einer von ihnen hat es kommen sehen - doch nun nicken sie alle besserwissend und senken strafend die Ratings der Brokerhäuser: "Sell!" Die Kreditkrise erwischte das hochbezahlte Analystenheer ebenso auf dem falschen Fuß wie die Top-Manager in ihren wankenden Geldtürmen. Geblendet von deren Jubel-Optimismus, ließen sich selbst Top-Experten einlullen - ungeachtet der Brülltiraden des TV-Cholerikers Jim Cramer, der den US-Notenbankchef Ben Bernanke auf CNBC in einem selbst für Cramer bemerkenswerten Ausbruch durchs Dorf trieb ("Er hat keine Ahnung! Er! Hat! Keine! Ahnung!!!").

Seltene Ausnahme im Chor der Wirren - eine Frau: Susan Troll von T. Rowe Price, die das Ramschkredit-Gewitter schon 2006 vorausahnte. Inzwischen haben sich ihr alle artig angeschlossen: Für 2008 lesen selbige, blamierte Analysten nun sogar noch Schlimmeres im Wall-Street-Kaffeesatz.

Intuitivster Spekulant: Lloyd Blankfein, Vorstandvorsitzender von Goldman Sachs

Die erfolgreichste Wall-Street-Bank schiffte bisher unbeschadet durchs Hypo-Drama. Mehr noch: Indem sie schon früh gegen den Suprime-Trend spekulierte, vermied sie nicht nur die Rekordverluste der Konkurrenz, sondern fuhr im annus horribilis 2007 sogar den höchsten Jahresgewinn ihrer Geschichte ein (11,6 Milliarden Dollar). Kritiker vermuteten wie immer faulen Zauber; Boss Blankfein, ein Blackberry-süchtiger Postlersohn, blieb jedenfalls als Sieger in der Arena stehen, während CEO-Rivalen wie Stan O'Neal (Merrill Lynch) und Charles Prince (Citigroup) k.o. gingen und in den Zwangsruhestand geschickt wurden.

Bezeichnende Ironie: Neals Nachfolger John Thain und der neue Citi-Chairman Robert Rubin sind beide Goldman-Alumni. Dabei reicht Goldmans Schatten längst weit über die Wall Street hinaus: Finanzminister Henry Paulson, New Jerseys Gouverneur Jon Corzine, Bushs Stabschef Joshua Bolton - alle Ex-Goldmänner. Auch der nächste Präsident dürfte Goldman-gesponsort sein: Mit bisher 2,1 Millionen Dollar ist die Firma der aktivste Wahlkampfspender der Wall Street - und Top-Finanzier für Demokraten (Hillary Clinton, Barack Obama) wie Republikaner (Mitt Romney, Rudy Giuliani, John McCain).

Erfolgreichster Marketing-Hype: das iPhone

Es surft, mailt, simst, dudelt und kann nebenher auch telefonieren. Wiewohl mit Vorbehalt: Die Einführung des Apple-Handys - der größte Pauken-und-Trompetenschlag der Tech-Branche seit, nun ja, dem letzten Apple-Produkt - entpuppte sich als Revolution mit Fußnoten. In den USA dämpften das behäbige AT&T-Netz, Softwaremacken, Abzock-Preise und 300-Seiten-Telefonrechnungen die Laune der Fanatiker, in Deutschland klagte Vodafone gegen die T-Mobile-Exklusivität (erfolglos).

Nichts konnte dem Apple-Kult etwas anhaben: Apple brauchte gerade mal 74 Tage, um in den USA die erste Million iPhones zu verkaufen. Die Apple-Aktie ist seit Januar um fast 150 Prozent explodiert, von 82 auf 203 Dollar. Inzwischen dudelt in den meisten US-Filialen von Starbucks - dem Apple der Koffeinsüchtigen - Apples iTunes-Musik, die man per iPhone live downloaden kann. Bald, so ein brandneues Apple-Patent, kann man seinen Venti Skim Chai Latte per iPhone direkt vorab bestellen, um die elenden Warteschlange an den Starbucks-Tresen zu meiden. Und eines Tages wird das iPhone den Latte sogar selbst trinken.

Dümmste Bruchpiloten: die US-Airlines

Endlos-Verspätungen, Flughafen-Chaos, gestrandete Jets, entnervte Passagiere: Amerikas Luftfahrtindustrie erlebte 2006 ihre härtesten Tage seit dem 11. September 2001. Der Juni war der schlimmste Monat überhaupt in der Geschichte des US-Luftverkehrs - mehr als 20.000 Flüge storniert, jeder dritte verspätet. Nicht ohne eigenes Zutun: Der bis zur Insolvenz geführte Preiskrieg und falsche Sparmaßnahmen ebneten den Weg; explodierende Passagierzahlen, der Ölpreis und Wetterkapriolen brachten das fragile System dann vollends aus den Fugen. Die Passagiere muckten auf, wahlweise mit Demos in Washington oder Randale an Bord.

Der Dow Jones Airline Index verlor übers Jahr fast 38 Prozent; am schwersten traf es US Airways, die weltgrößte Fluggesellschaft American Airlines und den einstigen Billig-Überflieger JetBlue. Der blamierte sich im Februar ganz besonders, als ein Eissturm seinen gesamten Flugplan eine Woche lang aus den Fugen brachte: 130.000 Passagiere saßen fest, oft stundenlang auf der Rollbahn. JetBlue-Gründer und CEO David Neeleman, ein Ex-Missionar, kroch brav nach Canossa, mit Briefen, Emails und selbstkasteienden TV-Auftritten. Umsonst: Drei Monate später war er seinen Job los.

Abgedroschenstes Modewort: Grün

Nach Al Gores Nobelpreis kapierte auch die Wall Street: Mit der Umwelt lässt sich Geld machen. Solar-Aktien schossen hoch, etwa die der Firma Suntech Power Holdings, die sich allein seit September mehr als verdoppelte. Bio-Supermarkt Whole Foods, in dessen klimatisierten Megahallen sich Großstadtbürger ihr Öko-Gewissen reinkaufen können, schluckte den Rivalen Wild Oats und wurde so zur größten Marktmacht; Whole-Foods-Chef John Mackey pries seine Ware derweil unter Pseudonym auf einem Finanzblog, was ihm die Börsenaufsicht SEC auf den Hals hetzte.

Der Öko-Hype erfasste auch die Fondsbranche, mit neuen, "klimabewussten" Spezialfonds wie dem Global Climate Change Equity Fund des Hauses Schroder (der bei näherem Hinsehen etablierte Namen wie Siemens und Philips umfasst). Die New York Mercantile Exchange kündigte eine Börse für Emissionshandel und Umwelt-Futures an, die "Green Exchange". Nur der Ethanol-Trend zeigte erste Fehlzündungen - immer mehr Kritiker machten den Öl-Ersatz nieder: Er verderbe die Agrarpreise und sein Umweltnutzen sei fraglich.

Die OECD rügte Ethanol gar als "Heilmittel, das schlimmer ist als die Krankheit". Größter Bilanzgewinner war trotz aller Öko-Manie erneut der Lieblingsfeind aller Umweltschützer, der Ölriese Exxon Mobil, dessen CEO Rex Tillerson den Treibhauseffekt weiter als "offene Frage" sieht: Der Gigant aus Texas bleibt renitent - und der reichste Konzern der Welt.

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