US-Börsenwerbung Aktien als Waffen

Seit den Terroranschlägen vom 11. September hat die Wall Street wacklige Knie. Eine amerikanische Werbeagentur will die Börsianer jetzt mit patriotischen Slogans in einen Kaufrausch versetzen.


New York - Der Werbespot kommt martialisch daher. "Dies ist das Schlachtfeld", sagt eine sonore Männerstimme, während die Kamera auf die New Yorker Börse zufährt. "Wir sind die Soldaten." Unterlegt ist der Kurzfilm mit Paukenschlägen und heroisch anmutenden Streichereinlagen. "Unsere Investments", beschwört der Sprecher die Zuschauer, "sind unsere Waffen".





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Nach den terroristischen Anschlägen auf New York und Washington D.C. ist die ohnehin schon geschwächte US-Wirtschaft "von der Klippe gestürzt", wie David Jones, Chefökonom bei Aubrey G. Lanston, es ausdrückt. Die Börse stürzte mit. Der ganze Markt wurde von Panik erfasst, verunsicherte Investoren warfen ihre Aktien gleich waschkörbeweise auf den Markt: In den ersten zwei Wochen nach dem 11. September verloren die wichtigsten amerikanischen Indizes etwa 20 Prozent. Der ökonomische Schaden solch eines Crashs ist erheblich. Allein der Absturz der in den beiden Leitindizes Standard & Poor's 500 und Nasdaq 100 enthaltenen Aktien vernichtete ein Vermögen in Höhe von mehreren Billionen Dollar.

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Selbst zwei Monate nach den Anschlägen, der Markt hat sich inzwischen einigermaßen erholt, reagieren die Börsianer noch panisch auf vermeintliche Katastrophenmeldungen. Als am vergangenen Montag ein Passagierflugzeug über dem New Yorker Stadtteil Queens abstürzte, gerieten die Märkte sogleich ins Taumeln - die Wall Street vermutete eine weitere Terrorattacke.

Propaganda für die Wall Street

Danny Gregory, Kreativdirektor bei der New Yorker Werbeagentur Doremus, wollte dem Klima der Verunsicherung etwas entgegensetzen. Deshalb ließ er seine Leute die Kampagne "Invest in US" entwerfen, welche die Anleger davon überzeugen soll, weiter in US-Aktien zu investieren. Das Motto der Aktion: "Holt den Bullen zurück".

"Wir wollten etwas sehr Direktes machen", erklärt Frauke Tiemann, Art Direktorin bei Doremus, "es sollte 'right in your face' sein". Das zumindest ist gelungen. Eines der Poster zeigt einen stilisierten Osama Bin Laden, der wie eine Art Anti-Che-Guevara wirkt. Die Unterzeile lautet: "Er will, dass ihr verkauft." Ein weiteres Motiv zeigt hemdsärmelige Arbeiter und erinnert an sowjetische oder deutsche Agitprop-Plakate aus den dreißiger und vierziger Jahren. Die Ähnlichkeit ist laut Tiemann durchaus beabsichtigt: "Der Ursprung des Advertising ist Propaganda."

Die umfangreiche Kampagne wäre für Doremus aus eigener Tasche nicht zu finanzieren gewesen. Neben dem kämpferischen Fernsehspot versucht die Agentur, mit 1000 Postern, 80.000 Gratispostkarten, 50 Taxiaufbauten, Radiowerbung und Aufklebern, Stimmung für den Bullenmarkt zu machen. Außerdem hat Doremus Printanzeigen und Internetbanner bei solch feinen Adressen wie dem Finanzmagazin "Barron's", der "New York Times" oder dem "Economist" geschaltet.



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