US-Christfest Frohe Weihnachten - sonst setzt es was!

Amerikas Einzelhändler stehen vor dem Weihnachtsfest unter Beschuss. Christliche Aktivisten fordern zum Boykott von Ladenketten auf, die ihren Kunden nicht "Merry Christmas" wünschen, sondern - ganz religionsneutral - "Happy Holidays".

New York - Bill O'Reilly, Star-Anchorman beim konservativen US-Nachrichtensender Fox News, wird seine Weihnachtsgeschenke in diesem Jahr nicht beim Einzelhändler Kmart kaufen. Auch nicht bei der Konkurrenz von Kohl's. Home Depot und das Warenhaus Nordstrom bleiben ebenfalls außen vor, wenn Mr. O'Reilly shoppen geht.

Besagte Handelshäuser, wetterte der TV-Mann jüngst in seiner täglichen Schimpfsendung "The O'Reilly Factor" und auf seiner Website, seien Hochburgen der "Christenhasser" und "professionellen Atheisten", die einen "Krieg gegen Weihnachten" angezettelt hätten, um das ganze US-Christentum zu "unterdrücken". Will heißen: Achtung, Shopper - am Wühltisch ist das Abendland in Gefahr!

Kmart, Kohl's, Nordstrom, Home Depot, Office Max, Staples, Best Buy - alles Weihnachtsschänder, jedenfalls in der Welt christlicher Kreuzritter wie O'Reilly & Co. Grund für die Stimmungsmache: Die Ladenketten wünschen ihren Kunden nicht wie bisher üblich "Merry Christmas" (frohe Weihnachten), sondern "Happy Holidays" (frohe Feiertage). Da dürfen sich dann auch jene angesprochen fühlen, die lieber zum jüdischen Chanukka-Fest die Menora aufstellen oder, wie hier gerade sehr populär, das afrikanische Kwaanza begehen.

"Rettet Weihnachten!"

Dahinter steckt aus Sicht der Einzelhändler kaufmännisches Kalkül: Je mehr US-Bürger zum Konsumieren animiert werden, desto höher die Umsätze. O'Reilly und mit ihm die gesamte christlich-konservative Grantlerlobby sehen das aber nicht ganz so locker. Für sie ist der Verlust von "Christmas" eine bewusste Verleugnung, ein Affront, eine säkulare "Belagerung" ihres christlichen Glaubens.

So argumentiert O'Reillys TV-Kollege John Gibson in seinem neuen Brandbuch "The War on Christmas", dies sei eine "liberale Verschwörung", um Weihnachten durch das Hintertürchen abzuschaffen. An der Spitze der Anti-Christfest-Fraktion stehe gottloses Volk wie der Investor George Soros und die US-Bürgerrechtsorganisation ACLU, die "die Religion ausrotten wollen". In die gleiche Kerbe schlägt auch der nimmermüde Fernsehevangelist Jerry Falwell, der sogar von "Christenverfolgung" spricht. Sie alle fahren eine bitterernste Kampagne, der sich inzwischen Hunderttausende amerikanische Verbraucher angeschlossen haben. Ihr Schlachtruf: "Rettet Weihnachten!"

Shopping-Boykott für das Christkind

Es ist das erste Mal, dass der gesamte US-Einzelhandel in solch heftigem Kreuzfeuer steht. Schon in früheren Jahren zogen sich einige Akteure den Ingrimm der Weihnachtsverfechter zu. So kritisierten die Fundamentalisten etwa politisch korrekte Weihnachtskrippen mit - Gott bewahre! - Symbolen anderer Religionen, obwohl diese vom Obersten Gerichtshof ausdrücklich als Verfassungsrecht abgesegnet sind. Auch New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg (ein Republikaner, wohlgemerkt) machte sich wenig Freunde, als er den Monsterbaum am Rockefeller Center demonstrativ als "Holiday Tree" anknipste.

Doch jetzt rufen die Weihnachtskrieger zu christlich-korrektem Shopping auf. Neben der Fernsehprominenz etablieren sich dabei ein paar gut finanzierte, erzkonservative Lobbygruppen wie der Family Research Council (FRC) und die American Family Association (AFA) - dieselben Leute, die auch für die Aufstellung der zehn Gebote in Rathäusern und Gerichtsgebäuden sowie für das obligatorische Schulgebet "kämpfen". Mit einem landesweiten Shopping-Boykott wollen sie allen im US-Business nun ein für allemal zeigen, wer in dieser "Nation unter Gott" das Sagen hat.

"Seien Sie hart, aber höflich"

"96 Prozent der Amerikaner feiern Weihnachten!", jubiliert der FCR. Ein beachtliches Druckpotential also, denn die Kasse ist des Einzelhändlers Achillesferse. Stimmt der Umsatz nicht, werden die Aktionäre nervös.

Die AFA hat im Kampf gegen unchristliche Krämer eine praktische Sünderliste zusammengestellt, die gläubige Käufer meiden mögen. Darauf finden sich nicht nur Nordstrom ("Die Kataloge erwähnen 'Weihnachten' mit keinem Wort"), Kmart ("Wirbt mit 'Holiday-Angeboten'") oder Staples ("Eine Suche ihrer Website nach 'Christmas' ergab nur drei Treffer"). Sondern auch zahllose andere, die das Wort "Christmas" aus "ihrer TV-Werbung verbannt" hätten, darunter Wal-Mart, Lexus, Old Navy, Cingular, Pier 1 Imports, Office Depot, Gillette und Dell.

Von insgesamt 116 Fernseh-Spots, klagt die AFA, die offenbar ganz genau nachgezählt hat, hätten überhaupt nur 11 das Wort "Christmas" enthalten. Die anderen Konzerne müsse man nicht nur boykottieren, sondern auch mit Protestanrufen überfluten, fordert die Organisation. "Bitte nehmen Sie sich die Zeit, sie wissen zu lassen, dass Sie dies als persönliche Beleidigung empfinden", rät die Gruppe. "Seien Sie hart, aber höflich."

Der FRC (Motto: "Familie, Glauben und Freiheit verteidigen") verkauft zur moralischen Aufrüstung seiner Aktivisten derweil, angelehnt an Nancy Reagans einstige Anti-Drogen-Losung "Just Say No", Armreifen mit der Aufschrift "Just Say 'Merry Christmas'" (2,50 Dollar, inkl. Versand). Die Gruppe sieht großen Handlungsbedarf und klagt: "Wir haben in unserer Nation einen neuen Tiefpunkt erreicht."

Im Fadenkreuz der Weihnachtslobby

Frohe Weihnachten, sonst setzt es was: Schon knicken die ersten Christfestverleugner ein. Der Versand- und Kaufhauskonzern Sears, eine Kmart-Tochter, war von den militanten Nikoläusen geziehen worden, weil er "Holiday Trees" statt "Christmas Trees" verkaufte. Aufgrund der Proteste versicherte Sears den Gruppen schnell, es werde ab sofort Schilder mit der Aufschrift "Merry Christmas" an allen Kaufhaus-Eingängen aufstellen. Die AFA strich Sears darob gnädig von der Boykott-Liste. Auch die Heimwerkerbedarf-Kette Lowe's setzte sich mit Christbäumen in die Nesseln. Die Annoncen für "Holiday Trees" tauschte das Unternehmen nach den Protesten der Konservativen schnell gegen "Christmas Trees" aus. Die erste Bezeichnung, so Lowe's eilfertig, sei ein "Versehen" gewesen.

Das Handelshaus Target stand ebenfalls im Fadenkreuz der Weihnachtslobby. "Target weigert sich, das Wort 'Christmas' in seiner Firmenwerbung zu benutzen", zeterte die AFA. In einer 36-seitigen Target-Anzeigenbeilage sei 31-mal von "Holiday" die Rede gewesen. Prompt erklärte Target, es werde fortan "in Werbung, Marketing und Merchandising direkten Bezug" zu "Festen wie Weihnachten" nehmen. "Wir sind erfreut, dass Target unseren Bedenken Rechnung getragen hat", triumphierte AFA-Chef Donald Wildmon. Christen könnten dort nun wieder einkaufen.

Andere Firmen lassen sich jedoch nicht so schnell einschüchtern. Der Baumarkt Home Depot beispielsweise besteht auf "Holiday" statt "Christmas", egal in welcher Form. "Um zu vermeiden, nur eine bestimmte Glaubensrichtung gutzuheißen, und um die Meinungsvielfalt zu fördern", erklärte der Konzern, "haben wir beschlossen, diese Jahreszeit als 'Holiday Season' zu bezeichnen."

Christenhasser Fox News?

Kein Wunder, dass Bill O'Reilly - der das ganze Brimborium als seinen persönlichen "dritten Weltkrieg" bezeichnet - nicht mehr bei Home Depot einkauft. Die tollsten Geschenke gibt es sowieso auf O'Reillys eigener Website zu erstehen: winterfeste Flieswesten (35,95 Dollar), T-Shirts mit dem US-Sternenbanner (15,95 Dollar) oder ein Jigsaw-Puzzle mit O'Reillys Konterfei (1000 Teile, 17,95 Dollar).

Ein paar Mausklicks weiter bietet der Online-Store des O'Reilly-Haussenders Fox News Weihnachtsbaumkugeln mit dem Fox-Logo feil - und zwar noch bis vor kurzem ganz schamlos-unchristlich als "Holiday Ornaments". Fox News, eine Hochburg der Christenhasser? Als die Bloggerszene das hämisch anmerkte, änderte Fox News die Produktbezeichnung stillschweigend zu "Christmas Ornaments".

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