US-Energiepläne Neo-Öko George W. Bush

Leere Rhetorik oder Wende in der amerikanischen Energiepolitik? Wegen der horrenden Preise droht US-Präsident George W. Bush dem Nahen Osten, die Ölimporte drastisch zu reduzieren - und erklärt, künftig auf alternative Energien zu setzen.

Von


Hamburg - Irak-Krieg, Atomstreit mit Iran, Anschläge auf Ölanlagen in Nigeria - nichts davon dürfte die schlechte Laune von Autofahrern an Tankstellen aufheitern. In den USA, dem Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Erdölverbrauch in der Welt, verderben solche Nachrichten erst recht die Stimmung. Da nützt auch der Hinweis nichts, dass Benzin in den USA mit etwa 2,50 Dollar pro US-Gallone, also umgerechnet 66 Cent (0,55 Euro) pro Liter, für deutsche Verhältnisse noch immer spottbillig ist.

US-Präsident Bush: Autofahren mit Ethanol und Wasserstoff.
REUTERS

US-Präsident Bush: Autofahren mit Ethanol und Wasserstoff.

Für die US-Bevölkerung scheint klar zu sein: Was auch immer fern der amerikanischen Heimat passiert, es hat Einfluss auf den heimischen Benzinpreis. Also spricht der US-Präsident aus, was seine Bevölkerung denkt: Die Abhängigkeit vom Öl aus dem Nahen und Mittleren Osten muss schleunigst beendet werden. Bis 2025, sagte der US-Präsident jetzt, sollen die Öleinfuhren aus der Golfregion um 75 Prozent reduziert werden.

Klaus Matthies, Energieexperte am Hamburgischen WeltWirtschafts Institut (HWWI), hält nicht viel von diesen Plänen. "Eine Erfolgsmeldung ist das nicht", sagt er gegenüber SPIEGEL ONLINE, "schon gar nicht aus einem Land, das drei Prozent der Weltbevölkerung stellt, aber auf dessen Konto ein Viertel des weltweiten Ölverbrauchs geht." 75 Prozent Reduzierung klinge nach viel, "aber es geht ja nur um die Einfuhren aus Nahost, und die machen nur 22 Prozent der US-Importe aus". Absolut gesehen sei das viel zu wenig, um als Wende in der US-Energiepolitik bezeichnet zu werden, meint Matthies. Außerdem: "Der Verbrauch soll ja nicht gedrosselt werden. Die USA kaufen das Öl einfach woanders ein statt im Nahen und Mittleren Osten."

Eine echte Erfolgsmeldung, sagt Energiefachmann Matthies, "wäre, wenn Bush das Energiesparen voranbringen würde, beispielsweise durch höhere Mineralölsteuern. Damit würde er zwar die Verbraucher quälen, aber energiepolitisch wäre das richtig".

Erfolge in der Energiepolitik braucht Bush dringend. Erst Ende Januar geriet der hohe Ölverbrauch jenseits des Atlantiks wieder in die Schlagzeilen, als Hunderttausende armer US-Bürger im Norden des Landes ihre leeren Heizöltanks angesichts von Rekordpreisen nicht mehr füllen konnten. Gerade in den USA aber ist der Heizölbedarf wegen der Leichtbauweise aus Holz und oft schlechter Isolierung besonders groß. Bushs Lieblingsgegner, Venezuelas sozialistischer Präsident Hugo Chavez, nutzte die Gelegenheit für eine demütigende Geste: Er ließ in den USA billiges Heizöl verteilen.

Suche nach neuen Quellen in Alaska

Tatsächlich ist Bush auf der Suche nach neuen Ölquellen. Am liebsten wäre ihm die Erhöhung der seit Jahren rückläufigen Förderung im eigenen Land. Seit 1995 wird deshalb in den USA darüber gestritten, ob Bohrungen in einem Naturschutzgebiet in Alaska zugelassen werden sollen oder nicht. Bushs Amtsvorgänger Bill Clinton war vehement dagegen, Bush aus dem Ölstaat Texas, selbst im Ölgeschäft erfahren, dafür. Erst im Dezember scheiterte der Präsident im Senat trotz Republikanermehrheit mit seinem Vorhaben, Bohrungen im "Arctic National Wildlife Refuge" in Alaska zuzulassen. Schätzungsweise zehn Milliarden Barrel Öl werden dort vermutet, die Förderung sollte 2015 beginnen.

Dass Bush ausdrücklich die Importe aus dem Nahen und Mittleren Osten erwähnt, wo etwa drei Viertel aller Ölreserven liegen, ist auch politisch begründet: Dort liegen die Krisenherde, die die USA derzeit am meisten beschäftigen. Dass der amerikanische Regierungschef damit die Opec-Mitglieder vor den Kopf stößt und auch Freunde wie Saudi-Arabien düpiert, stört ihn offensichtlich nicht.

Aber der Bush-Administration geht es zumindest nach offizieller Verlautbarung nicht nur um die Suche nach neuen Ölquellen. Ein Papier aus dem Weißen Haus nennt die Weiterentwicklung der Energiegewinnung aus Kohle, Solarenergie und Windenergie drei "vielversprechende" Optionen. In allen drei Bereichen will Washington Gelder für die Forschung erhöhen.

"Schritt in die richtige Richtung."

"Ich bin zwar skeptisch, dass die Verdopplung der Ausgaben von derzeit acht auf dann rund 16 Milliarden US-Dollar ausreichen wird", sagt Friedemann Müller von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Gleichwohl bin ich überzeugt, dass Bush einen Schritt in die richtige Richtung macht."

Zwar habe es in den USA seit dem Independence-Programm unter Präsident Richard Nixon, nach der ersten Ölkrise in den siebziger Jahren, immer wieder Bestrebungen gegeben, sich von ausländischem Öl unabhängiger zu machen. "Aber jetzt, wo auch noch China und Indien verstärkt Öl nachfragen, spitzt sich die Situation wirklich zu." Steuererhöhungen, sagt Müller, seien in den USA "nicht durchsetzbar". "Schauen Sie sich doch die Ökosteuer in Deutschland an. In den USA stößt man noch viel früher auf Grenzen. Eine Lösung für das Energieproblem ist das nicht."

Das Papier aus dem Weißen Haus sieht zudem vor, die Entwicklung von alternativ angetriebenen Automobilen voranzutreiben - eine kleine Sensation in dem Land, in dem die meisten Automobile pro Kopf verkauft werden. "Ich sage Ihnen, lasst uns ein paar Autos bekommen, die mit anderem Brennstoff als dem aus Öl fahren", sagte Bush der Nachrichtenagentur AP. Aus Biomasse hergestelltes Ethanol sei so ein Brennstoff, heißt es in dem Papier, außerdem Wasserstoff. Grundsätzlich sollten Fahrzeuge effizienter im Verbrauch werden. "Bush geht es in erster Linie um die Versorgungssicherheit", sagt Müller. "Der Klimaschutz kommt quasi durch die Hintertür." Dennoch sieht Müller die Entwicklung positiv: "Wenn die USA die treibende Kraft bei einer solchen Entwicklung werden, dann stehlen sie den Europäern am Ende noch die Show."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.