US-Farmer Im Würgegriff der Biotech-Konzerne

Wer steckt hinter der Kampagne der USA für genmanipulierte Lebensmittel? Nicht nur eine Multi-Milliarden-Dollar-Industrie - sondern auch hunderttausende darbende Farmer, die um ihre Existenz fürchten.

New York - Mark Pietz schwört auf Gen-Anbau. "Mit Biotech-Saat zu arbeiten ist so viel einfacher", sagt der US-Landwirt, alle Zweifel an der umstrittenen Technologie abweisend. So sind inzwischen 80 Prozent der Sojabohnen und Maispflanzen, die auf seiner 970-Hektar-Farm im Südwesten Minnesotas wachsen, gentechnisch manipuliert: "Hilft gegen Unkraut und Insekten."

Und es nimmt dem Farmer Mühe ab: Da das Designer-Grünzeug, zum Beispiel der "Bt"-Mais, derart konstruiert ist, dass es Schadinsekten ganz von alleine killt, muss Pietz selbst nur noch halb so oft mit dem Traktor um die Äcker zuckeln. Auch fällt ihm im Herbst die Ernte leichter, da die Pflanzen länger wachsen können.

Kein Wunder, dass Pietz, als Chef des Minnesota Soybean Research and Promotion Councils (einer Lobbygruppe für Gen-Soja), zum Apologeten der umstrittenen Biotech-Branche geworden ist.

Pietz spricht für über eine Million US-Farmer, die sich, zum Schrecken ihrer europäischen Kollegen, mittlerweile auf Laborsaat verlassen, größtenteils zumindest. Mehr noch: Viele sind längst ganz von der Klonkost - und damit von Gen-Giganten wie Monsanto abhängig.

Zu 81 Prozent transgen

Dies ist die andere Seite der Medaille: Im jüngsten Handelskrieg zwischen den USA und der Europäischen Union (EU) über genveränderte Lebensmittel geht es weniger darum, "den Hunger der Welt zu stillen", wie US-Präsident George W. Bush unlängst voller Pathos postulierte. Sondern um die Milliardengeschäfte einer großen Industrie - und auch um die nackte Existenz der meisten US-Farmer.

Jahrhundertdürre, Überschwemmungen, miese Ernten: Die US-Landwirtschaft steckt in der schwersten Krise seit Generationen. Als letzte Hoffnung gilt vielen die Biotechnik. Billig und praktisch - nur mittels Genzucht glauben die Farmer, wieder Fuß fassen zu können. Die ökologischen Bedenken, mit denen das Thema befrachtet ist, sind ihnen reichlich egal.

"Die Farmer greifen nach jeder nur denkbaren Technologie, um überleben zu können", sagt Rich Pottorff, Chefökonom der Doane Agricultural Services Company im US-Bundesstaat Missouri. "Biotechnologie hilft ihnen, die Kosten zu senken und Ernteverluste durch Schädlinge so niedrig wie möglich zu halten."

Und so wachsen in den USA inzwischen auf über 40 Millionen Hektar Biotech-Pflanzen - das ist fast die Hälfte des gesamten Farmlandes. 81 Prozent aller US-Sojabohnen sind heute transgene Gewächse (voriges Jahr waren es noch 75 Prozent), 73 Prozent der Baumwolle, 40 Prozent des Maises.

Der Made das Leben madig machen

Warum? Zum Beispiel wegen des - ausgerechnet europäischen - Maiswurms. Der richtete in den nordamerikanischen Maisfeldern jährlich einen Schaden von rund einer Milliarde Dollar an. Genmanipulierter "Bt"-Mais enthält nun aber ein Pestizid, das der Made das Leben madig macht.

Zahlen, die ein neues Licht auf die Biotech-Debatte mit der EU werfen: Mais und Sojabohnen sind die zwei wichtigsten Exportprodukte der US-Landwirtschaft. "Wir verlassen uns für zwei Drittel unserer Ernte auf Exportmärkte", sagt Mary Kay Thatcher, die Direktorin der American Farm Bureau Federation.

Dass dies nun durch die neu verschäfte EU-Kontrollpolitik für Genprodukte bedroht werde, nennt Thatcher "einen Alptraum".

Schon nach dem EU-Genfood-Moratorium von 1998 ist die US-Maisausfuhr nach Europa von 1,5 Millionen Tonnen auf magere 23.000 Tonnen geschrumpft. "Ausradiert", sagt Hayden Milberg, Sprecher der National Corn Growers Association in St. Louis, die über 33.000 Maisbauern vertritt

Lesen Sie im zweiten Teil, wie die amerikanische Gen-Lobby sich Washingtons Unterstützung sichert

Monsantos "Terminator"

Oder, wie Bob Callanan, Milbergs Kollege bei der American Soybean Association, es sarkastisch formuliert: "Da kann man ja gleich einen Totenkopf auf unsere Packungen drucken."

So etwas nennen die Amerikaner einen "Catch 22", eine paradoxe Situation: Die Wirtschaftsmisere hat die US-Farmer in die Arme der Gentechnologie getrieben - und die wiederum verschärft nun die Misere weiter.

Schuld sind aber auch die gewieften Marketing-Strategien der Biotech-Giganten, die die Agrarkrise durch immer neue, clevere Produkte zu ihren Gunsten ausgenutzt haben.

Etwa Monsanto in St. Louis, mit einem Jahresumsatz von 4,7 Milliarden Dollar der größte Biotech-Produzent der USA und der zweitgrößte der Welt, nach dem Schweizer Multi Syngenta   (Jahresumsatz 6,2 Milliarden Dollar). Das Tolle an Monsantos Gen-Sojabohne "Roundup Ready": Sie kann wesentlich höhere Dosen des Monsanto-Pestizids "Roundup" vertragen. Eins bedingt das andere - so etwas nennt man Sinn fürs Geschäft.

Berüchtigt auch Monsantos "Terminator"-Saatgut. Dessen Keime sind sterilisiert worden, damit sie sich nicht fortpflanzen können. Folge: Die Farmer müssen jedes Jahr wieder ganz neue Saat kaufen. (Wegen öffentlicher Kritik verzichtet das Unternehmen vorerst auf die Markteinführung.)

Lohnende Investition

Wer sich durch die Statistiken der Lobbygruppe Council for Biotechnology Information gräbt, erlebt indes eine Überraschung. Nur zwei der in der Genmanipulation von US-Saatgut aktiven Großfirmen sind tatsächlich Ur-Amerikaner: Monsanto und Dow AgraScience, eine Tochter des Chemiekonzerns Dow Chemical (Jahresumsatz drei Milliarden Dollar). Alle anderen stammen aus Europa: Bayer   (Deutschland), Rhone-Poulenc und DuPont (Frankreich) sowie Syngenta (Schweiz).

Über seinen US-Ableger ist Weltmarktführer Syngenta aber nicht nur auf den Gen-Äckern Amerikas vertreten - sondern auch im Machtzentrum Washington.

Mit Parteispenden von 295.918 Dollar (zwei Drittel davon an die Republikaner) gehörte das Unternehmen zu den fleißigsten Polit-Finanziers des vergangenen Jahres. Auch andere aus der Branche ließen sich nicht lumpen: Der National Cotton Council überwies 202.023 Dollar in die Wahlkampfkassen der US-Politiker, die Alabama Farmers Federation 162.975 Dollar und Dow Chemical 134.400 Dollar.

Insgesamt machte die Sparte im vorigen Jahr 8,1 Millionen Dollar locker, auf dass ihr der Kongress (Legislative) und das Weiße Haus (Exekutive) geneigt blieben. Eine Investition, die sich lohnte.

Schmecke die Zukunft

Darüber hinaus mischen die Unternehmen indirekt über Verbände, Institutionen, Think Tanks und Interessengruppen in Washington mit. Hauptredner auf der letzten Jahrestagung der Biotechnology Industry Organization (BIO) war niemand anders als Präsident Bush.

Der Council for Biotechnology Information (CBI) hatte eine besonders pfiffige Lobby-Idee: Es publizierte ein 26-seitiges PR-Büchlein namens "Taste the Future" (Schmecke die Zukunft).

Das sieht wie ein Gourmet-Magazin aus und enthält industriefreundliche "Reportagen". Zum Beispiel über die Rettung der indischen Bananen-Industrie durch Gensaat.

Und, für die Hausfrau von heute, Biotech-Kochrezepte. Darunter für einen genmanipulierten "Papaya-Smoothie" und "geröstetes Wurzelgemüse Napoleon".

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