US-Finanzkrise McCain setzt Wahlkampagne aus

John McCain - Retter in der Not? Der republikanische Präsidentschaftskandidat unterbricht wegen der Finanzkrise seine Wahlkampagne. Er will in Washington über das milliardenschwere Rettungspaket der Regierung mitverhandeln. Sein einseitiges Vorpreschen düpiert den Rivalen Obama.


Washington - Die Bankenkrise hat den US-Wahlkampf erreicht: Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat John McCain will seine Wahlkampagne wegen der internationalen Finanzkrise unterbrechen. Er will am Donnerstag nach Washington fliegen und sich um eine Einigung zwischen Kongress und Regierung über das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungsprogramms bemühen.

Republikaner McCain: "Wir können das nicht zulassen"
AFP

Republikaner McCain: "Wir können das nicht zulassen"

"Amerika ist von einer Finanzkrise historischen Ausmaßes bedroht", sagte McCain vor Reportern. "Wir können das nicht zulassen."

"Lasst uns die Politik beiseite stellen", sagte McCain weiter. Er verglich die derzeitige Finanzkrise mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Jetzt sei erneut Patriotismus und gemeinsames Handeln notwendig.

"Es ist Zeit, dass beide Parteien zusammenkommen", begründete McCain seinen überraschenden Schritt. Wenn sich Kongress und Regierung nicht bald einigen, drohten "verheerende Konsequenzen" für das ganze Land, sagte er. Noch vor einer Woche hatte McCain behauptet, die Grundlagen der US-Wirtschaft seien in Ordnung.

Der Republikaner kündigte an, er wolle er das für Freitag geplante TV-Duell mit Obama kurzfristig verschieben. "Ich habe mit Senator Obama gesprochen und ihn über meine Entscheidung informiert, ich habe ihn gefragt, ob er sich beteiligt", sagte er. Sein Wahlkampfteam sei angewiesen, mit Obamas Mannschaft und den Organisatoren der Debatten über eine Verschiebung zu sprechen.

McCain forderte US-Präsident George W. Bush dazu auf, ein Krisentreffen einzuberufen, an dem unter anderem er und Obama teilnehmen sollten. "Wir müssen uns treffen, bis die Krise gelöst ist." Bush wollte sich in der Nacht zum Donnerstag in einer Fernsehansprache zur Finanzkrise äußern. Eine Sprecherin des Weißen Hauses begrüßte die Initiative der Präsidentschaftskandidaten.

Obama-Lager überrascht

Mit seinem Vorgehen hat McCain das Obama-Lager offenbar düpiert. Obamas Pressesprecher Bill Burton veröffentlichte umgehend eine Erklärung, in der es hieß, die Initiative für ein gemeinsames Vorgehen sei von Obama ausgegangen.

Der Kandidat der Demokraten habe McCain am Morgen angerufen, um ihn zu einer gemeinsamen Erklärung zur Finanzkrise zu bewegen. Man solle gemeinsam Prinzipien und Bedingungen für den Rettungsplan formulieren und den Kongress und das Weiße Haus zu einem partei-übergreifenden Vorgehen drängen.

Erst sechs Stunden später habe McCain zurückgerufen - und einem gemeinsamen Statement zugestimmt. Man arbeite jetzt an den Details dieser Erklärung. Zur Verschiebung des Fernsehduells sagte Obamas Sprecher zunächst nichts.

Die erste der drei Fernsehdebatten der beiden Kandidaten sollte an der Universität von Mississippi in Oxford stattfinden. Die beiden Kandidaten wollten dabei vor allem Fragen der Außenpolitik und nationalen Sicherheit debattieren. Die Ausrichter an der Universität von Mississippi erklärten in einer ersten Stellungnahme, alles gehe weiter den geplanten Gang. Das habe die Kommission für Präsidentschaftsdebatten mitgeteilt. Daher rechne man nicht mit einer Verschiebung der Debatte.

Sprecher Andy Harper sagte der "Daily Mississippian", er halte die Diskussion um eine Verschiebung des TV-Duells für einen "politischen PR-Trick". Bislang habe sich noch kein Wahlkampfteam bei der ausrichtenden Kommission gemeldet, um das Duell offiziell abzusagen. "Wir sind auf alles vorbereitet", sagte Harper, "und solange wir keine gegenteilige Ansage bekommen, arbeiten wir weiter."

"Staatsmännischer Retter" McCain?

Wie es heißt, will McCain "alle Parteiauftritte und TV-Werbespots" für die nächsten Tage aussetzen. In der Zwischenzeit müssten sich Regierung und Parlament einigen. TV-Kommentatoren werteten den Schritt des 72-Jährigen als einen Versuch, sich als "staatsmännischer Retter" zu präsentieren, der die Streitereien der Politik überwinden könne. Man erwarte von dem langjährigen Senator jetzt besonderen Einsatz.

Die Rivalen McCain und Obama lagen laut Umfragen wochenlang praktisch gleichauf. Aktuelle Erhebungen sehen den demokratischen Senator allerdings deutlich vor seinem Kontrahenten McCain- mit bis zu neun Prozentpunkten. Befragungen zufolge trauen die Wähler Obama mehr bei der Lösung der Wirtschafts- und Finanzkrise zu. Die Präsidentschaftswahl findet am 4. November statt.

Notenbank warnt vor Rezession

Ein 700 Milliarden schwerer Rettungsplan der US-Regierung für den angeschlagenen Finanzsektor war am Dienstag ins Stocken geraten, nachdem der Bankenausschuss des US-Senats ernste Bedenken angemeldet hatte. Der Ausschussvorsitzende Chris Dodd bezeichnete das Paket in seiner derzeitigen Form als "nicht akzeptabel".

Finanzminister Henry Paulson und Zentralbankchef Ben Bernanke hatten am Mittwoch erneut betont, ohne eine rasche Einigung über das Rettungspaket könne die US-Wirtschaft in eine Rezession schlittern.

Das Weiße Haus will den Banken faule Kredite abkaufen. Führende Kongresspolitiker hatten zwar grundsätzliche Zustimmung geäußert, aber Schutzmechanismen auch für einfache US-Bürger eingefordert.

amz/Reuters/AFP/dpa

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