US-Hafenchaos Zweiter Akt des Logistik-Albtraums

Drei Wochen, nachdem George Bush eingegriffen hat, schwelt der Arbeitskonflikt in den Häfen der US-Westküste weiter. Immer noch warten über 100 Schiffe auf Abfertigung, die Docker entladen langsamer als normal - ein Bummelstreik? Schon droht die Regierung, erneut zu intervenieren.

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Die Blockade ist durch das Machtwort des Präsidenten beendet, doch die Container stauen sich noch immer - wie hier im Hafen von Long Beach
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Die Blockade ist durch das Machtwort des Präsidenten beendet, doch die Container stauen sich noch immer - wie hier im Hafen von Long Beach

Los Angeles - Charlie Woo aus Los Angeles führt ein Spielzeugladen mit dem prahlerischen Namen Megatoys, und Bescheidenheit ist seine Sache nicht. In diesen Vorweihnachtswochen, prunkt er, beginnt die Zeit, in der seine Waren "förmlich aus den Regalen fliegen". Besonders viel verspricht er sich vom neuen Mini-Modell des PT Cruiser, dem Gangsterauto von Chrysler. Ein Verkaufsschlager - garantiert. Es sei denn . . .

In diesem Jahr hat Woo eine besondere, eine seltene Sorge. Der logistische Albtraum, der mit den Aussperrungen in 29 US-Häfen begann, ist noch nicht überstanden. Zwar sind drei Wochen vergangen, seit George W. Bush intervenierte, um den zehntägigen Stillstand zu beenden. Doch die 10.500 Mitglieder der Dockarbeiter-Gewerkschaft ILWU sind mit ihrer Arbeit massiv im Rückstand. Und weil Woo seine Fernlenk-Flitzer in China fabrizieren lässt, könnten sie in den entscheidenden Tagen des Weihnachtsgeschäfts in Containern feststecken.

Schiffsstau vor der Küste Kaliforniens

Ähnliche Ängste plagen die Chefs bei Händlern landauf, landab: bei Spielzeug-Experten wie Matell oder Hasbro, Modeketten wie J.C. Penney, Supermärkten wie Kmart und anderen, die in den Wochen zwischen Thanksgiving und Heiligabend teils mehr als ein Viertel ihres Jahresumsatzes einfahren. Noch vor wenigen Tagen, teilte der Hafenbetreiberverband PMA mit, warteten an der Westküste 190 Schiffe auf ihre Be- oder Entladung. Das seien nur rund 30 weniger als am 8. Oktober, an dem US-Bundesrichter William Alsup die Häfen auf Bushs Antrag wieder für geöffnet erklärte. Arbeitgeber und -nehmer schieben sich gegenseitig die Schuld für die katastrophalen Verzögerungen zu.

Wieder erweisen sich die Häfen, in denen pro Jahr Waren im Wert von 300 Milliarden Dollar umgeschlagen werden, als Nadelöhr in einer vernetzten, globalen Handelswirtschaft. Weil US-Einzelhändler in den vergangenen Jahren verstärkt auf Just-in-time-Lieferung setzten, ihre Lager kostensparend zusammenkürzten, wurden sie für kurzfristige Lieferausfälle anfälliger - zumal viele Produkte aus Asien stammen.

Disney-Puppen hängen fest, Container werden rar

Schon prüft der Wal-Mart-Rivale Target, ob er Warnhinweise ihn seine Werbebroschüren druckt: Es sei möglich, dass begehrte Produkte nicht zeitig nachgeliefert werden. Allein bei Matell dümpelten Ende vergangener Woche Waren im Wert von 75 Millionen Dollar auf dem Wasser. Spielzeugfabriken in China müssen im Gegenzug von einer Woche auf die nächste ihre Lagerflächen vergrößern, weil sie Simpson-Family-Puppen oder Disney-Figürchen nicht rasch genug los werden. Aus chinesischen und japanischen Häfen wird Mangel an leeren Containern gemeldet - viele Versandbehälter hängen auf der anderen Pazifikseite fest.

Besonders übel erwischt es Händler verderblicher Güter. Auch nach Ende der Blockade mussten kalifornische Avocados, die fürs Ausland bestimmt waren, wegen der Verspätungen zurück auf den Heimatmarkt geleitet werden - sonst wären sie verfault. Bananen aus Ecuador verdarben durch die lange Liegezeit. Der Blick nach vorn ist nicht ermutigend. Nicht nur Citrusfrucht-Bauern aus Kalifornien, die im Januar besonders viel Obst gen Asien verschiffen, fürchten, dass der latete Konflikt am 26. Dezember abermals aufflammt. Dann nämlich endet die 80-tägige, von Bush verordnete "Abkühlperiode". Droht eine zweite Totalblockade?

Grundsatzkonflikt an der Wasserkante

Unbegründet scheint die Sorge nicht. Gerade erst haben sich die Bosse von ILWU und PMA unter Vorsitz des Regierungsvermittlers Peter Hurtgen wieder zu Verhandlungen getroffen - es war das erste Mal seit zwei Wochen. Ausgelaufen ist der letzte gültige Tarifvertrag bereits im Frühjahr, ist ein neuer ist nicht einmal in Konturen erkennbar.

Offen bleibt auch die weitaus grundlegendere Frage, ob in den Häfen Scanner eingeführt werden, die den Weg der Fracht elektronisch dokumentieren. Die PMA verweist auf den Produktivitätsvorsprung der stärker computerisierten Häfen Asiens und Europas. Die mächtige ILWU fürchtet, dass alte Arbeitsfelder wegfallen und moderne Jobs für Billigarbeiter ohne Gewerkschaftsbuch reserviert werden. Es gehe darum, die letzten anständig bezahlten Arbeiter-Jobs in den USA zu erhalten, stilisieren die Dockarbeiter den Konflikt zur Grundsatzfrage. Ein einfacher "Longshoreman" verdient nach PMA-Angaben pro Jahr 86.000 Dollar, die ILWU nennt diese Summe übertrieben.

Ein Vollstrecker namens Coffin

In die Schlammschlacht der Verbände ist seit Bushs Machtwort auch die US-Regierung einbezogen. Sie ernannte den Vermittler, sie ist Adressatin immer neuer Beschwerdebriefe beider Seiten. Die Dockarbeiter, schrieb PMA-Chef Joe Miniace, meldeten sich permanent krank, arbeiteten langsamer, erschienen oft eine Stunde verspätet in unterbesetzten Teams. Im Hafen von Tacoma sei die Produktivität teils auf 53 Prozent des Normalen gerutscht, anderswo sei es wenig besser. Die Hafenbetreiber hätten das Chaos durch die Aussperrung selbst verschuldet, schoss Gewerkschaftsboss James Spinosa zurück. Die Arbeit auf Kränen und Ladenflächen, sonst schon lebensgefährlich, gerate durch den Entladungs-Rückstand noch bedrohlicher.

Wie der Konflikt ausgeht, dürften abermals die Politiker entscheiden. Beide Parteien mobilisieren ihre Anhänger. Fünf Senatoren haben schon schriftlich an die US-Regierung appelliert, die Sicherheitsängste der ILWU ernst zu nehmen.

Bessere Karten hat auch dieses Mal der Arbeitgeberverband. Shannen W. Coffin, Mitarbeiter des Justizministers, ließ bereits durchblicken, dass auch er an einen absichtlichen Bummelstreik glaubt. Offenbar werde Bushs Anordnung zur Öffnung der Häfen in sträflicher Weise sabotiert. Nur noch bis zum Dienstagmittag hat die Gewerkschaft Zeit, diesen Verdacht zu entkräften. Die ILWU, mutmaßt ein Mitglied bereits - sie solle wohl durch Disziplinarstrafen in den Bankrott getrieben werden.



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