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04. Oktober 2008, 14:28 Uhr

US-Hilfspaket

"Dies wird die Krise nicht beenden"

Von , New York

Die Freude über das Wall-Street-Rettungspaket ist verfrüht: Die Sanierung des US-Bankensystems ist nur der erste Schritt. Viele Ökonomen erwarten, dass die Finanzkrise trotz der 700-Milliarden-Dollar-Spritze weitergehen wird.

New York - Am Ende half nur eine Zwangsklausur. Wochenlang war die Wall Street unaufhaltsam abwärts getrudelt. Banken machten Pleite. Anleger gerieten in Panik. Schließlich sperrte der mächtigste und reichste Banker des Landes seine Top-Kollegen in die prächtige Bibliothek seines Anwesen an der Madison Avenue. Sie würden, drohte er, den Raum nur mit einer Lösung wieder verlassen.

Präsident George W. Bush und Finanzminister Henry Paulson am Freitag in Washington: Viele Experten halten die Bankensanierung nur für den ersten Schritt
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Präsident George W. Bush und Finanzminister Henry Paulson am Freitag in Washington: Viele Experten halten die Bankensanierung nur für den ersten Schritt

Das Krisentreffen ging bis ins Morgengrauen. Die Finanziers saßen in Plüschsofas, unter Madonnen-Figuren und Wandteppichen aus Brokat. Ihr Gastgeber erzwang, abwechselnd Hustenbonbons und Havanna-Zigarren im Mund, ein sündteures Rettungspaket für die Wall Street, das alle Teilnehmer mit einem goldenen Füllfederhalter unterschrieben.

So geht die Mär vom Ende der Börsenpanik 1907, angeblich im Alleingang herbeigeführt von der Bankerlegende J.P. Morgan. In Wahrheit brauchte die Kreditkrise damals viele Wochen, um sich auszupendeln. Eine Krise, die ähnlich wie die heutige begonnen hatte: windiges Wachstum, irrationales Risiko - und Investmentvehikel, die keiner mehr verstand.

Auch diesmal wird es dauern

Die Story von den Bankern in der Bibliothek ist ein beliebtes Beispiel dafür, wie einfach alles früher war. Aber auch eine Warnung: Finanz- und Wirtschaftskrisen haben ihr Eigenleben - und daran ändert selbst die cleverste Lösung nicht.

So auch jetzt, beim 700-Milliarden-Dollar-Hilfspaket für Wall Street und Wirtschaft, welches das US-Repräsentantenhaus gestern nach turbulentem Hin und Her endlich absegnete. Bei all den selbstzufriedenen Reden und dem Plenarapplaus hinterher bleibt es eine kontroverse und unberechenbare Maßnahme. Denn alle Experten sind sich einig, dass dies nur der erste Schritt ist. Dass viele weitere Schritte nötig sind - und dass es noch lange weiterkriseln wird. Nicht nur in der Finanzwelt, sondern vor allem in der gesamten Wirtschaft.

Und das trotz der massiven "Sweetener" (Versüßungen), die dem Gesetz bei seiner Odyssee durch den Kongress noch hinzugefügt wurden. Darunter 150 Milliarden Dollar Steuervergünstigungen und eine Erhöhung der Staatsgarantien für Bankeinlagen von 100.000 auf 250.000 Dollar: So wucherte das Paket von zweieinhalb Seiten (erster Entwurf) über 110 Seiten (erste Vorlage) auf 451 Seiten (Endfassung). Alles schön und gut, resümierte der Kolumnist Paul Krugman in der "New York Times": "Dies wird die Krise nicht beenden."

"Staatliche Bankensanierung ist nur der Anfang", weiß auch der Ökonom Lawrence Summers, der als US-Finanzminister unter Bill Clinton selbst Mitverantwortung trug für den langen Vorlauf des Debakels. In einem Essay für die "Washington Post" und die "Financial Times" schrieb Summers, den Vereinigten Staaten stünden weitere, "enorm wichtige taktische Fragen" bevor, "wenn die Chance zur Schadensbegrenzung maximiert werden soll".

Viele Fragen bleiben offen

Das Paket "könnte uns im November durch die Wahlen bringen", sagte der Ökonom Simon Johnson vom Massachusetts Institute of Technology der "New York Times" zwar. Doch danach? Wann wird sich die Lage verbessern?

"Das wird noch eine Weile dauern", fürchtete Joseph Patterson, der Chef der Finanzfirma Patterson Capital, in der "Business Week". Er verwies auf die eingefrorenen Kreditmärkte, auf denen sich Banken, Institutionen und Konzerne untereinander Geld leihen: "Jeder hat sich verbunkert, um Kapital zu halten."

Vielmehr zeigten jüngsten Daten der Federal Reserve diese Woche, dass sich die Situation sogar noch verschärft hat und langsam auch auf Europa ausdehnt. Das gestrige Rettungspaket spricht nur ein paar, aber nicht alle der dafür verantwortlichen Faktoren an.

Der Plan selbst lässt auch sonst viele Fragen offen. Finanzminister Henry Paulson und Präsident George W. Bush tun zwar so, als sei das Milliardenprogramm eine Wunderwaffe. Inzwischen haben aber die meisten gemerkt: Diese Krise ist zu komplex, als dass eine gigantische Finanzspritze sie lösen könnte.

Das US-Finanzsystem wird trotz des Milliardendopings nicht mehr wiederzuerkennen sein. Das Bankensterben wird andauern - nur jetzt etwas kontrollierter, unter Aufsicht des Staates. Aktuelles Opfer: Die Wachovia-Bank, die sich nun für 15,4 Milliarden Dollar an Wells Fargo verkauft. Damit dieser schmerzliche Prozess nicht ganz aus dem Ruder läuft, sind weitere staatliche Schritte nötig.

Der Immobilienmarkt taumelt weiter

Der antiquierte Regulierungsapparat für die Finanzbranche muss saniert werden. Die generellen Prämissen der US-Finanzpolitik müssen neu formuliert werden. Und die Hausbesitzer brauchen direkte Hilfe, damit sich auch der Immobilienmarkt erholt, auf dem das ganze Kartenhaus aufgebaut war. Das sind Aufgaben, die viele Jahre in Anspruch nehmen und auf den nächsten Präsidenten zukommen werden.

"Diese Krise wird weitergehen, bis sich der Immobilienmarkt stabilisiert hat", sagte Robert Shapiro, Wirtschaftsberater unter Bill Clinton, im "Wall Street Journal". Bis dahin werde die Zahl der Zwangsversteigerungen weiter zunehmen. Was wiederum den Wert der komplizierten Hypothekenanlagen, die die Regierung den Banken nun abkaufen will, weiter verringert.

Der Wert dieser Investments ist deshalb kaum richtig einzuschätzen - wodurch auch die besagten 700 Milliarden Dollar Gesamtkosten des Pakets nur eine Schätzung bleiben dürften. "Es ist unmöglich, die ultimativen Kosten vorherzusagen", schreibt Summers. Dies hänge von der Konjunktur ab und auch davon, wie gut der Plan abgewickelt werde. Viele Experten rechnen jedoch damit, dass sie am Ende niedriger sein würden als veranschlagt.

Auch wird das Finanzpaket den Abwärtstrend der gesamten US-Konjunktur nicht aufhalten können. Denn die ist von vielen anderen, breiteren Faktoren abhängig. Er kenne nur "sehr wenige Fälle", sagte Notenbankchef Ben Bernanke vorige Woche vor dem Kongress, "in denen man ein solches Ausmaß finanziellen Zusammenbruchs hat, ohne dass das schwere Auswirkungen auf die Wirtschaft hätte".

Rekord bei neuen Arbeitslosen

Das belegten auch die jüngsten, wenig vertrauenserweckenden Wirtschaftsdaten von dieser Woche - und zeigten, dass nicht nur die Finanzbranche im Sumpf steckt, sondern auch andere Sektoren, die in der Debatte um die Wall Street bisher durch den Rost gefallen sind.

So erreichte die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe den höchsten Stand seit 2001. Allein im September - noch bevor die Kreditkrise eskalierte - gingen 159.000 Jobs verloren. Die Auftragseingänge der US-Industrie stürzten steil ab. Die Bauausgaben brachen ein. Die Autobranche geht am Stock.

Solche Statistiken haben auch die im jüngsten Bankentrauma fast vergessene Rezessionsangst neu belebt. Sie haben die Investoren an den Börsen verunsichert, was den Dow-Jones-Index am Freitag trotz des Durchbruchs im Kongress um 157 Punkte nach unten trieb. Schon erwägt die US-Notenbank trotz des Rettungspakets neue Zinssenkungen - was wiederum das Inflationsproblem aufwirft.

"Staatliche Intervention kann die bevorstehenden wirtschaftlichen Leiden bestenfalls mildern, aber nicht abwehren", schrieb das "Wall Street Journal" am Donnerstag und zitierte dazu den Marktstrategen Art Hogan (Jefferies & Co.): "Wir haben uns in den letzten zwei Wochen so auf das Banken-Rettungspaket konzentriert, dass wir den Konjunkturdaten, die sonst ein großes Thema wären, kaum Beachtung geschenkt haben. Und die sind entsetzlich."

Für Verbraucher und Unternehmen bleibt es mittelfristig schwierig, Kredite zu bekommen. Die Folge: noch höhere Arbeitslosenzahlen (Summers erwartet die "höchsten Werte seit einer Generation"), niedrigere Gewinne, weniger Konsum. Die meisten Experten sehen eine Rezession deshalb weiterhin als das "wahrscheinlichste Szenario" für die Zukunft.

Die alte Wall Street, die man kennt, ist derweil sowieso längst untergegangen. Von den fünf großen Investmentbanken existieren nur noch zwei, Goldman Sachs und Morgan Stanley - als ganz normale Geschäftsbanken. Physisch ist der Begriff Wall Street auf nur noch ein Gebäude geschrumpft, die New York Stock Exchange. Die meisten anderen Bankpaläste sind Luxuswohntürme geworden. Firmensitz der Bank of America, der neuen Herrscherin an der Wall Street: Charlotte in North Carolina.

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