US-Hypothekenkrise Der geplatzte amerikanische Traum

Die US-Hypothekenkrise, die die Weltbörsen zum Zittern bringt, begann in der Provinz. Bei ganz einfachen Amerikanern, die sich den Traum vom Eigenheim erfüllten - obwohl sie ihn sich nicht leisten konnten. Helen Brown etwa, eine alleinstehende, zweifache Mutter.

Von , New York


New York - Helen Brown hatte einen Traum. Den klassischen amerikanischen Traum: Sie träumte davon, sich ein eigenes Haus kaufen zu können. Doch als Zeitkraft bei der US-Laborfirma Quest verdiente die alleinstehende Mutter zweier Söhne aus Connecticut dafür mit 3200 Dollar im Monat bei Weiten nicht genug.

Zum Verkauf stehendes Haus: "Ich verstand doch nichts von Hypotheken"
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Zum Verkauf stehendes Haus: "Ich verstand doch nichts von Hypotheken"

Doch dann bot sich ein Weg. Und zwar über NovaStar, eine Hypotheken- und Anlagegesellschaft. Die hat sich auf mittellose Kunden wie Brown spezialisiert und wirbt damit, jedem den Eigenheimbesitz zu ermöglichen, "ungeachtet früherer Bonität".

Es war ein Versprechen, das Helen Brown ins Unheil lockte - und sie, wie Abertausende andere, zum vergessenen Opfer im Zentrum der US-Hypothekenkrise machte, die inzwischen die ganze Welt mit in ihren Sog reißt. Denn während sich das Kreditdrama der vergangenen Wochen an den Börsen abspielte, sitzen die wahren Betroffenen fernab, in der Provinz.

NovaStar bot sich an, Brown eine Hypothek mit freier Verzinsung zu vermitteln, "adjustable rate mortgage" (ARM) genannt: 160.000 Dollar mit einem Zinssatz von 9,4 Prozent. Brown hatte auch schon eine Liegenschaft im Auge: ein Einfamilienhaus in New Britain in Connecticut.

"Ich verstand doch nichts von Hypotheken", sagt Brown, 54, zu SPIEGEL ONLINE. Die Schuldsumme habe ihr Angst gemacht, "sie war etwas hoch". Aber der Broker habe sie beruhigt: Dem Immobilienmarkt gehe es prima, zur Not könne man immer noch mal umschulden. "Es war mein erstes Haus. Alles, was NovaStar mir gesagt hat, habe ich für bare Münze genommen." Im Mai 2005 unterschrieb sie den Darlehensvertrag und kaufte das Haus.

Ramschkredite und windige Hypotheken

Und damit wurde Helen Browns Traum zum Alptraum. Bis zum Frühjahr dieses Jahres ging noch alles gut für sie. Ihre Monatszahlungen betrugen 1600 Dollar. Gemeinsam mit dem Geld, das ihr Sohn Shawn, 26, als Labortechniker verdiente, konnte sie sich das gerade leisten, da ihre anderen Belastungen relativ niedrig lagen.

In den USA ist ein solches Risiko üblicher als in Europa. Der Drang nach Grundbesitz ist fest verankert in der Seele der Pioniernation, und Schulden und Kredit sind hier weiter verbreitet. Doch jetzt führte sie zur eskalierenden US-Hypothekenkrise: Bei ganz einfachen, treuherzigen, ahnungslosen Amerikanern wie Brown, die sich den Wunsch vom eigenen Haus erfüllen wollten - obwohl sie ihn sich gar nicht leisten konnten.

Banken, Bauträger und Broker nutzten das aus, um Kasse zu machen, mit Ramschkrediten und windigen Hypotheken. Doch am Ende wuchsen den Schuldnern die Zahlungen über den Kopf, und das Kartenhaus brach zusammen. Zwangsläufig stieg das Angebot am Immobilienmarkt. Notverkäufe ließen die Preise bröckeln – und versperrten vielen Betroffenen den Notausgang: Keiner wurde seinen Besitz wieder los; Umschuldung rechnete sich nicht mehr. Und dann fegte das Desaster wie ein Buschfeuer durchs gesamte Finanzsystem. Von ganz unten, wo Brown sitzt, bis ganz oben zu den Großbanken und Börsen.

Firmen wie NovaStar klemmen dazwischen. Das Unternehmen mit Sitz in Kansas City bündelt seine Billig-Hypotheken zu Anlage-Portfolios für Investoren. Eine Praxis, die nicht erst seit dem Ausbruch der Krise kritisiert wird: Seit März schon ist NovaStar Mittelpunkt mehrerer Aktionärsklagen, unter anderem wegen angeblichen Bilanzbetrugs.



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