US-Konzern Tupperware Mit BH-Schleudern gegen die Krise

Party trotz Abschwung: Der legendäre Plastikschüssel-Hersteller Tupperware macht auch in der Wirtschaftskrise beachtliche Geschäfte - mit Produkten, die teuer sind und niemand wirklich braucht.

Von , Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Ein Leben ohne Peng-Schüssel kann sich Monika Wolf offensichtlich nicht mehr vorstellen. "Sie haben keine?", fragt sie erstaunt, um dann das Wundergefäß in ihrem weichen Hessisch ausführlich zu loben. Kein Hefeteig gehe mit der Peng-Schüssel mehr daneben. "Viele haben ja Angst davor, aber in der Schüssel kann nichts passieren." Der Deckel springe einfach auf, wenn die Masse ausreichend aufgequollen ist - mit einem vernehmbaren Knall. Peng. "Man kann natürlich auch andere Sachen reinmachen, net nur Hefeteig", sagt Monika Wolf.

Tupperware-Beraterin Bianca Roth sitzt daneben und sieht sehr zufrieden aus. Über eine Stunde hat die 34-Jährige im Haus von Wolfs Tochter "getuppert", was das Zeug hält: In geübtem Verkäuferinnen-Singsang pries sie den vier anwesenden Damen am hölzernen Esstisch den Quickchef zum Zerhäckseln aller denkbaren Nahrungsmittel an. Und die Dekobiene, die mittels eines ausgefeilten Pumpsystems Buttercreme- und Sahneverzierungen quasi von selbst auf die Torte zu zaubern scheint.

Roth erklärte den neuen Schnappdeckel bei der Behälterserie Eidgenossen und die Naschkätzchen-Boxen, bis es vollkommen logisch erschien, selbst die gewaltigsten Tupper-Bestände in der eigenen Küche noch um dieses Kleinod zu ergänzen. Das billigste Teil, das im Katalog zu finden ist, kostet 12,90 Euro.

Jetzt läuft die Party im hessischen Jossgrund von selbst. Die Frauen knabbern Brot mit Quark und Süßigkeiten, blättern im Katalog - und übertreffen sich mit sachkundigen Kommentaren zu dem legendären Plastikgeschirr. Die Salatschleuder hat seit neuestem eine eingebaute Bremse? War ja schon ohne praktisch, erklärt eine der Frauen - nicht nur für Salat, sondern auch zum Trocknen empfindlicher BHs. "Wenn man sie nicht in die Waschmaschine stecken will." Schallendes Gelächter. Es sind Szenen, wie sie sich schon seit mehr als 60 Jahren in unzähligen Wohnzimmern der Welt abspielen.

1946 brachte der Chemiker Earl S. Tupper die ersten luftdicht verschließbaren Plastikschüsseln auf den Markt, Anfang der fünfziger Jahre stieg die erste Tupperparty. Inzwischen stapeln sich die legendären Plastikprodukte in Küchenschränken in rund hundert Ländern. Der Absatzweg ist weltweit immer der gleiche: Eine Beraterin kommt zu einer geneigten Kundin nach Hause, die Freunde und Verwandte einlädt. Die Tupperware-Vertreterin bekommt Provision, die Gastgeberin Geschenke. Je mehr verkauft wird, desto mehr darf sie sich aussuchen.

Wachstum wie seit zehn Jahren nicht mehr

Inzwischen ist die Armee der Beraterinnen auf weltweit 2,2 Millionen angewachsen. Die sind nicht nur im Namen der Tupperware unterwegs, wie CEO Rick Goings findet - sondern auch im Namen der Frauenbewegung. "Es ist wundervoll zu sehen, was Tupperware für diese Frauen bedeutet", schwärmt der Manager, der trotz seiner 63 Jahre immer noch jugendlich-dynamisch wirkt. Hemd und Krawatte lässt er weg, stattdessen trägt Goings einen schwarzen Rolli unter dem Sakko. In manchem Schwellenland bringe eine Tupperware-Beraterin mehr Geld nach Hause als ihr Ehemann, sagt er. "Bei uns können sie Karriere machen."

Dem Konzern, zu dem auch diverse Beauty-Marken gehören, bescheren die Frauen dabei freilich satte Umsätze. Selbst im Krisenjahr 2008 hat die Party kein Ende genommen. Insgesamt steigerte der Konzern seinen Umsatz um acht Prozent auf 2,2 Milliarden Dollar. Allein die Tupperware-Produkte sorgten dabei für 1,451 Milliarden Dollar - verglichen mit 1,262 Milliarden Dollar 2007. "In Frankreich hatten wir 2008 ein Wachstum wie seit zehn Jahren nicht mehr", freut sich Goings.

Im Geburtsland der Haute Cuisine wurden die ziemlich altbackenen Partys gründlich modernisiert. "Wir haben zum Beispiel eine Veranstaltung, die heißt 'Dekadente und delikate Desserts'", sagt Goings. "Den Frauen wird gezeigt, wie sie Schokoladen-Mousse machen, dabei trinken sie Martinis. Und reden über ihre Männer", erklärt der Tupperware-Chef.

Auch in Deutschland sollen die Feten künftig hipper werden, er wolle stärker in die urbanen Zentren, sagt Goings. Berliner, Frankfurter und Hamburger sollen künftig genauso begeistert das Polyethylen feiern wie Kundinnen in ländlicheren Gefilden.



insgesamt 16 Beiträge
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Blautopas, 13.04.2009
1. Sinspruch
Ich habe auf einem Tupperberater-Meeting mal einen tollen Sinnspruch gehört. Zwar habe ich mich nicht als Berater anwerben lassen, doch der Spruch begleitet mich seither durchs Leben: "Nicht warten - starten!" Kann ich jedem nur empfehlen...
edv3000 13.04.2009
2. Zivilisationsmüll aus den USA
Genau das ist unser Problem: Überflüssiger Zivilisationsmüll, den uns andere auf die Nase binden. Wir sollten wieder (leider) Grenzen ziehen und nicht Dinge glorifizieren und/oder kritiklos annehmen, die bunt schimmern. In allen Bereichen. Manchmal denke ich, US-Amerikaner halten uns (die halbe Welt) weiter für Indianer, denen man mit glitzernden Glasperlen Land, Flüsse und Berge abnehmen kann. Geld und Kommerz ist einfach nicht alles.
john mcclane, 13.04.2009
3. Boah
Zitat von edv3000Genau das ist unser Problem: Überflüssiger Zivilisationsmüll, den uns andere auf die Nase binden. Wir sollten wieder (leider) Grenzen ziehen und nicht Dinge glorifizieren und/oder kritiklos annehmen, die bunt schimmern. In allen Bereichen. Manchmal denke ich, US-Amerikaner halten uns (die halbe Welt) weiter für Indianer, denen man mit glitzernden Glasperlen Land, Flüsse und Berge abnehmen kann. Geld und Kommerz ist einfach nicht alles.
Yiiippppiiiiiiiiieeeeeeeeeee, schon der zweite Beitrag ist ein USA-Bashing wie aus dem Bilderbuch, das geht wirklich immer schneller hier. Jetzt muß man sogar sein Geschirr schon unter politisch korrekten Gesichtspunkten wählen. Als Sohn einer ehemaligen Tupperware-Beraterin kann ich nur sagen, das viele Sachen zwar zugegebenermaßen teuer, aber qualitativ wirklich hervorragend sind. Wer schonmal mit diversem Mikrowellengeschirr hantiert hat und danach auf Tupperware umgestiegen ist, weiß wovon ich rede. Natürlich stellt sich bei vielen Dingen (gerade bei den Neu-Entwicklungen) die Frage: "Brauche ich das wirklich?" Aber ein solider Grundstock von dem Zeug schadet wohl keinem Haushalt. Vor allem ist es wirklich unverwüstlich. Wenn Dinge irgendwann mal unansehnlich werden, dann weil sie der subjektiven Mode nicht mehr entsprechen, oder weil jemand allzu häufig mit Besteck drin gearbeitet hat. Was mir allerdings aufgestoßen ist (und weshalb meine Mutter schließlich auch ausgestiegen ist): Der Vertrieb ist knallhart auf "Verkaufen" ausgerichtet. Auf Rekrutierungsveranstaltungen wird immer so getan, als ob tatsächlich Kaffeekränzchen statt finden, bei denen man sich quasi im Sitzen blöd verdient. Es werden die tollsten Stories erzählt: es gibt Dienstwagen, Reisen nach Monte Carlo als Prämien, etc. Gibts auch tatsächlich, allerdings artet die nette Nebentätigkeit dann ruckzuck zu einem knallharten Fulltime-Job aus. Jede Beraterin muß einen bestimmten Umsatz erzielen, und ihr hängt permanent die Gruppenberaterin im Nacken. Diese verdient prozentual am Umsatz ihrer Untergebenen noch mal mit, hat also einen guten Grund, um ordentlich Druck zu machen. Insofern unterscheidet sich der ach so kuschelige Hausfrauenkonzern in nichts von seiner Konkurrenz. Was allerdings bei einem weltweit tätigen Unternehmen auch nicht verwundern sollte, auch deutsche Unternehmen sind nicht die Caritas. Ach ja, bevor Sie auf andere Ideen kommen: Ich schlafe nicht unterm Sternenbanner, ich singe morgens nicht die US-Hymne, und sonntags wenn Besuch kommt, kommt das gute teutshe Porzellan auf den Tisch (das haben wir nämlich auch noch).
Supermissy[SEK], 13.04.2009
4. Wer billig kauft...
Mein verstorbener Vater pflegte immer zu sagen, wer billig kauft, kauft zwei mal. Und bei vielen Dingen stimmt das. Was spricht eigentlich dagegen, hochwertige Haushaltsgegenstände zu kaufen, die 1. aus anständigem Material sind, 2. durchdacht sind, 3. bei sachgemäßem Gebrauch lebenslang halten und 4. wenn sie doch einmal kaputt gehen unbürokratisch ausgetauscht werden, anstatt der Dosen vom Aldi oder aus dem Baumarkt oder sonstwoher, die nach ein paar Jahren häufig im Eimer sind? Was mag vor allem wohl auch mehr "Zivilisationsmüll" verursachen, die Dose die man über Jahrzehnte benutzt oder die, die man nach einigen Jahren maximal wegwirft? Ich habe auch durchaus den Vergleich; die billigen Dosen kauft sich Studentin selber, die guten gibts ab und an mal eine von der Family. Man merkt den Unterschied schon deutlich. Also ich bin ein Fan von durchdachten, funktionalen und ergonomischen Produkten (ich geh auch sehr gerne zu Ikea, auch wenn das auch nicht billig ist!) und hätte nichts dagegen, wenn mehr Dinge auf dieser Welt wären wie Ikeamöbel und Tupperdosen. Gruß Missy
quentinlive 13.04.2009
5. Abzocke und Betrug ....
am Sozialstaat wird durch Tupper auch möglich. Tausende Hartz IV Empfängerinnen können sich einige Hundert Euro im Monat dazu verdienen. Wenn es gut läuft zahlt Tupper auch einige Tage auf dem MS AIDA oder zahlt den Dienstwagen. Allerdings ist der Job wirklich Hart und die wenigsten machen das mehrere Jahre. Zahlt Tupper eigentlich Sozialversicherungsbeiträge oder Mehrwertsteuer. Ich glaube nicht. Tupperware ist wahrscheinlich Betrug ohne Ende. Merkt auch wider keiner. P.s. ich liebe natürlich trotzdem die Schüsseln.
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