US-Kreditkrise Bear Stearns geht unter - US-Finanzminister in der Kritik

Eine Traditionsbank versinkt, die Börse wird panisch: Das Investmenthaus Bear Stearns entgeht haarscharf der Pleite - und wird zum Ramschpreis an einen Konkurrenten verkauft. An der Wall Street wächst der Unmut über US-Finanzminister Paulson - er hat die Krise beharrlich heruntergespielt.

Von , New York


New York - Es war ein Wettlauf mit der Zeit. Am Freitag erst entkam das Investmenthaus Bear Stearns Chart zeigen, im Sog der eskalierenden Kreditkrise, nur knapp dem Kollaps. Gerettet wurde es in letzter Minute durch eine beispiellose Finanzspritze der US-Notenbank und der Großbank JPMorgan Chase. Doch es war nur ein Not-Stopfen: Ein Zusammenbruch der Firma schien trotzdem unaufhaltsam.

US-Minister Paulson: Durch die sonntäglichen Polit-Talkshows getingelt, gute Laune versprühend
REUTERS

US-Minister Paulson: Durch die sonntäglichen Polit-Talkshows getingelt, gute Laune versprühend

Panisch versuchte Bear Stearns also übers Wochenende, zu retten, was zu retten war - und sich ganz an JPMorgan Chase zu verkaufen, bevor in Asien die Börsen eröffneten.

Den ganzen Sonntag über saßen sie in der Bear-Stearns-Zentrale an der Madison Avenue, um JPMorgan Chase davon zu überzeugen, dass die komplette Übernahme ihres implodierenden Milliardenkonzerns ein tolles Geschäft sei. Als Alternativplan hatte Bear-Stearns-Chef Alan Schwarz alles in die Wege geleitet, um heute Konkurs anzumelden.

Überwacht wurden die Gespräche von höchster Stelle - von der Federal Reserve und dem Finanzministerium. Schließlich hing die gesamte Wall Street mit am Tropf: Das jüngste Kapitel im Endlos-Drama der US-Finanzkrise hatte die Börsen schon am Freitag erneut abstürzen lassen. Für heute stand noch Schlimmeres zu befürchten - zumal in dieser Osterwoche etliche ominöse Bilanzzahlen anstehen. Darunter eben auch die von Bear Stearns sowie den Wall-Street-Riesen Goldman Sachs Chart zeigen, Lehman Brothers Chart zeigenund Morgan Stanley Chart zeigen.

Die sonntägliche Hektik bei Bear Stearns zahlte sich aus. Eine halbe Stunde vor Handelsbeginn in Tokio kam die Eilmeldung: JPMorgan wird Bear Stearns schlucken - zum absoluten Schleuderpreis von 236 Millionen Dollar. Am Freitag hatte Bear Stearns, trotz Kurssturzes, noch einen Marktwert von rund 3,5 Milliarden Dollar. Die Bear-Stearns-Aktie schloss zuletzt bei 30 Dollar. JPMorgan zahlt in der jetzigen Transaktion gerade mal zwei Dollar pro Aktie.

Die US-Notenbank wird dabei bis zu 30 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen, um den Schuldenberg von Bear Stearns abzudecken. Es ist das unrühmliche Ende einer 85-jährigen, einst hoch angesehenen Traditionsbank, die zwei historische Börsencrashs überlebt hat.

Damit war das Schlimmste wohl erst mal abgewendet - eine Panik an den Weltbörsen heute. Dass der Deal unter der Federführung des US-Finanzministeriums stand, das kam vielen jedoch eher wie ein schlechter Witz vor. Denn bisher hatte die Regierung die vierfache Wirtschaftskalamität - Finanzkrise, Rezession, Dollar-Schwäche und Benzinpreis-Explosion - beharrlich herunterzuspielen versucht.

Noch gestern machte US-Finanzminister Henry Paulson einen auf lässig - während er nebenher den Ausverkauf von Bear Stearns persönlich mit eintütete. Paulson tingelte durch die sonntäglichen Polit-Talkshows, gute Laune versprühend. "Jede Wirtschaft geht nun mal durch Höhen und Tiefen", sagte er lakonisch auf CNN. Rezession? "Ich konzentriere mich im Moment nicht darauf, wie man es nennt."

Sechste Zinssenkung in Folge erwartet

Dabei sind sich die meisten Experten inzwischen einig: Die US-Konjunktur steckt längst in der Rezession. Und selbst die, die das erst noch kommen sehen, haben nur noch wenig Hoffnung: Alle Aktionen der Zentralbank, schreibt der Ökonom Paul Krugman in der "New York Times", "werden wahrscheinlich nicht genug sein, um die Abwärtsspirale der Wirtschaft aufzuhalten".

Zu diesen Aktionen gehört morgen auch die neuerliche Zinssenkung. Es wäre das sechste Mal seit September, dass die US-Zentralbank an der Zinsschraube dreht, um die Lage in den Griff zu bekommen. Analysten erwarten, dass der Offenmarktausschuss der Fed den Leitzins mindestens um weitere 75 Basispunkte senkt, von drei auf 2,25 Prozent - wenn nicht gar ganz auf zwei Prozent.

Doch weder der Zinshebel noch die anderen, jüngsten Schritte der Notenbank scheinen das Vertrauen der Wall Street dieser Tage noch stärken zu können. Ebenfalls gestern Abend senkte die Fed den Diskontsatz auf 3,25 Prozent. Kurz zuvor hatte sie rund 300 Milliarden Dollar in die Finanzbranche gepumpt, um Liquiditätslücken zu stopfen.

Insider zeigen sich wenig beeindruckt. Citigroup Chart zeigen sprach in einem Konjunkturbericht von einem "selbsttätigen Abschwung", der langsam "tief verwurzelt" sei. Und David Rosenberg, Chefökonom bei Merrill Lynch Chart zeigen, tat die Finanzspritzen der Fed für die Großbanken als ungenügend ab: "Es spricht das zugrunde liegende Kreditproblem nicht an, es verbessert die Liquidität der betroffenen Institutionen nicht wesentlich und es tut nichts, um die Immobilienpreise zu stabilisieren."

George W. Bush unbekümmert

Einen kümmert das offenbar alles nichts - US-Präsident George W. Bush. Der trat am Freitag in New York in allerbester Schäkerlaune vor die Crème de la crème der Wall Street. "Scheint, als käme ich zu einem interessanten Moment", juxte er. Das Publikum - die Mitglieder des Economic Clubs, in dem die Top-Manager der US-Finanzwelt sitzen - gluckste unbequem, doch Bush fuhr augenzwinkernd fort: "Ich komme als ein optimistischer Kamerad." Die USA würden "den wirtschaftlichen Neid der Welt" wecken.

Vielen im Ballsaal des Hiltons in Manhattan stockte spätestens da der Atem. Optimismus? Kaum das passende Wort der Stunde. Amerika, der Neid der Welt? Liest Bush keine Zeitung?

Offenbar nicht: Bush kalauerte weiter, als spreche er über eine Phantasiewelt und nicht über eine reale, landesweite Katastrophe, die da unbeirrt ihren Lauf nimmt. "Es wird gute Zeiten und schlechte Zeiten geben", wiegelte er in seinem nuschelnden Texas-Dialekt ab. "Nach 52 aufeinander folgenden Monaten des Stellenwachstums, was ein Rekord ist, geht unsere Wirtschaft wohl durch eine harte Zeit."

Es war ein bezeichnender Moment, und er erinnerte düster an Bushs Nonchalance nach dem Hurrikan "Katrina". Oder schlimmer noch, an seine erste Reaktion auf die Terroranschläge des 11. September 2001, als er in einem Kindergarten saß und seelenruhig weiter die Geschichte von der "Hausziege" vorlas, während die USA angegriffen wurden.

"Nicht überkorrigieren"

Diesmal gab Bush sich ähnlich blind. Vor den konsternierten Finanzchefs schwadronierte er von den "soliden Fundamenten" der Wirtschaft, von der tollen Arbeitslosenquote von 4,8 Prozent.

Dass diese Zahl so niedrig liegt, weil Hunderttausende hoffnungslose Arbeitnehmer sich schon gar nicht mehr melden und so ganz aus den Statistiken verschwunden sind, das sagte Bush nicht. Auch nicht, dass die US-Langzeitarbeitslosigkeit bei 17,5 Prozent liegt - eine Quote, die man allenfalls mitten in einer Rezession erwartet, die aber beispiellos ist für den Beginn einer Rezession.

Derweil nur wenige Straßenblocks weiter der Untergang von Bear Stearns seinen Lauf nahm, sprach Bush fröhlich von seinem Steckenpferd, der Steuerkürzung, die über 2010 hinaus verlängert werden müsse, von den phantastischen "Rekord-Exporten" der USA (ein Symptom des Dollarverfalls) und davon, dass man nicht "überkorrigieren" dürfe.

"In Krisenzeiten", entsetzte sich Tags darauf die Kolumnistin Gail Collins, "sollte man doch glauben, dass der Staatschef die Kapazität hat, wenigstens so tun, als habe er alles unter Kontrolle."

Die Krisenstimmung an der Wall Street ist unterdessen ungebrochen. Richard Fuld, der Vorstandschef der Investmentbank Lehman Brothers Chart zeigen, kehrte gestern vorzeitig von einer Indien-Reise nach New York zurück - obwohl Lehman seine Bilanzzahlen erst morgen bekannt gibt. Grund, so kolportierte das "Wall Street Journal": "Sorgen, dass auch andere Finanzfirmen und Geschäftsbanken auf unsicherem Boden stehen." Frohe Ostern!



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.