US-Notenbank Bernanke spritzt die Börsen milliardensüchtig

Plötzliche Euphorie: Nach der 200-Milliarden-Dollar-Geldspritze der US-Notenbank verbuchte der Dow Jones den größten Tagesgewinn seit Jahren. Doch die Freude wird schnell verpuffen, warnen Volkswirte - und dann muss Chef Ben Bernanke nachlegen. Ein Teufelskreis.

Von Kai Lange


Hamburg - Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob die Börsianer aus dem Alptraum der Kreditkrise erwacht wären. Um 417 Punkte legte der Dow Jones Chart zeigen am Dienstag zu - der größte Punktgewinn seit fünfeinhalb Jahren. Auch die Kurven des breiter gefassten S&P-Index und des Nasdaq Composite Chart zeigen zeigten steil nach oben. Die Ankündigung der US-Notenbank, den Markt in den kommenden Wochen mit 200 Milliarden Dollar frischer Liquidität zu fluten, scheint die gewünschte Wirkung zu haben. Weltweit: Auch der Dax Chart zeigen setzte am Vormittag seine Aufholjagd fort.

Fed-Chef Bernanke: Die Börse verlangt nach immer mehr Geld
AP

Fed-Chef Bernanke: Die Börse verlangt nach immer mehr Geld

Die euphorischen Reaktionen sind bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie wenig die jüngsten, vergleichbaren Aktionen der Notenbanken bisher gefruchtet haben. Dabei wurde schon seit Monaten alles Mögliche getan, um die Märkte zu beruhigen und die Wirtschaft anzukurbeln. Die Geldinstitute setzten weltweit immer neue, hoch dosierte Geldspritzen, um den Geldmarkt vor dem Austrocknen zu bewahren. Der US-Kongress hat außerdem ein Konjunkturpaket im Wert von 170 Milliarden Dollar beschlossen: Rund 120 Millionen Haushalte bekommen Steuerschecks im Wert zwischen 600 und 1500 Dollar - Geld, das möglichst direkt zurück in den Konsum fließen und so die Nachfrage in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stärken soll. Das dritte Stärkungsmittel: Rasche Zinssenkungen. Seit dem 18. September 2007 hat Fed-Chef Ben Bernanke den Leitzins von 5,25 Prozent auf aktuell drei Prozent heruntergenommen. Er legte dabei ein atemberaubendes Tempo vor. Ende Januar drückte er den Leitzins binnen einer Woche um 125 Basispunkte.

Monatelang nur bergab

Doch an den Börsen ging es in den vergangenen Monaten trotzdem durchgehend bergab. Noch Anfang dieser Woche notierte der Dow Jones auf dem tiefsten Stand seit 17 Monaten. Der S&P 500 hatte seit September bis zum Börsenschluss am Montag rund 16 Prozent an Wert verloren. Dies ist die schlechteste Performance für einen sechsmonatigen Zinssenkungszyklus seit 50 Jahren, wie der Börseninformationsdienst Standard & Poors errechnet hat.

Angesichts der Rettungsaktionen der Fed eine vollkommen untypische Entwicklung. Seit dem Jahr 1954 legte der S&P 500 bis auf wenige Ausnahmen während eines vergleichbaren Zinssenkungszyklus immer zu: zwischen Mai und November 1980 zum Beispiel um 22 Prozent, zwischen September 1998 und März 1999 gar um 25 Prozent. Sicher - es gab auch in der Vergangenheit Ausnahmen. Im Jahr 2001 senkte etwa Alan Greenspan insgesamt elf Mal die Zinsen, von 6,5 bis auf 1,75 Prozent. Sechs Monate nach der ersten Zinssenkung wies der S&P trotzdem einen Verlust auf, damals ein Minus von 3,6 Prozent. Es folgte ein zäher Bärenmarkt mit weiteren Kursabschlägen, bis die Märkte im März 2003 wieder nach oben drehten. Diesmal waren die Verluste im S&P trotz Zinssenkungen allerdings mehr als viermal so hoch.

Ist nun seit Dienstag alles anders? Hat die Fed die Wende eingeläutet?

"Es geht nicht um die Summe von 200 Milliarden Dollar", sagt Robert Loest, Fondsmanager bei Integrity Funds, gegenüber dem Nachrichtensender CNN. "Es geht um ein Vertrauenssignal, das die Notenbank gegeben hat." Das besagt: Die Fed wird die Märkte nicht allein lassen und notfalls alle Mittel ausschöpfen, die ihr zur Verfügung stehen.

Doch Bernankes Strategie ist risikoreich. Mit seinen jüngsten Äußerungen und Aktionen hat der Notenbankchef einen Erwartungsdruck aufgebaut, den er nicht mehr enttäuschen kann.

Börsianer rechnen jetzt fest damit, dass der Offenmarktausschuss der Fed spätestens nach seiner regulären Sitzung am kommenden Dienstag die Zinsen erneut um 50 Basispunkte auf dann 2,5 Prozent herunterschraubt. Die Fed werde das Zinsniveau bis auf zwei Prozent drücken, um eine drohende tiefe Rezession in den USA zu verhindern, schätzte jüngst etwa der Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus, Stefan Schilbe.

Gleichzeitig wird die Wirkung der Rettungsmaßnahmen ähnlich wie bei Drogen immer kleiner. Konnte Bernanke-Vorgänger Alan Greenspan mit billigem Geld noch einen Immobilienboom anheizen und damit auch den Konsum fördern, kann Bernanke mit seiner Zinspolitik nur die größte Not überschuldeter US-Häuslebauer lindern. Ähnlich begrenzt ist die Wirkung der Geldspritzen der Notenbank: Die Geschäftsbanken nehmen das Geld gerne auf, doch sie sind weiterhin klamm und reichen das Geld deshalb nicht sofort in Form von billigen Krediten an die Wirtschaft weiter. "Die Notenbank kann nicht auf Knopfdruck Geld für Konsumenten und Unternehmen zur Verfügung stellen", resümiert Dirk Schumacher, Chefvolkswirt Deutschland von Goldman Sachs.

Die spektakuläre Kursrally vom Dienstag muss daher noch nicht den Wendepunkt bedeuten. Darauf deutet vieles hin. Öl notiert bei knapp 110 Dollar pro Barrel, der Euro kostet mehr als 1,50 US-Dollar, die Bankbilanzen sind noch nicht bereinigt, und die US-Wirtschaft dürfte nach dem Fast-Stillstand im vierten Quartal für das erste Quartal 2008 wahrscheinlich einen Wachstumsrückgang verzeichnen. Das sind Belastungen, die auch durch entschlossene Zinssenkungen und ein Öffnen des Geldhahns nicht binnen kurzer Zeit ausgeglichen werden können.

Dennoch - manche Experten schöpfen Hoffnung für die Zukunft. "Das US-Konjunkturprogramm und die Serie von Zinssenkungen werden über kurz oder lang ihre Wirkung entfalten", sagt Michael Heise, Chefvolkswirt der Dresdner Bank. Die entscheidende Frage ist dabei, ob die Trendumkehr bereits in diesem Jahr gelingt. Voraussetzung ist auf jeden Fall, dass die Fed noch mindestens eine weitere Zinssenkung nachlegt.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.