US-Notenbank Zittern vor der Zinsentscheidung

Nervös wie lange nicht mehr warten die Anleger weltweit darauf, ob Amerikas Zentralbank heute ihre Zinsen zum 18. Mal in Folge anheben wird. Immerhin gibt es Anzeichen, dass Fed-Chef Bernanke den Märkten endlich eine Atempause gönnt.

Von Karsten Stumm


Hamburg - Deutschlands Anleger brauchen derzeit starke Nerven. Lange schwankten die Kurse auf dem Aktienmarkt in Frankfurt nicht mehr so stark wie in den vergangenen Wochen. Selbst die Notierungen der umsatzstarken Dax Chart zeigen-Aktien stiegen zeitweise um 100 oder noch mehr Indexpunkte innerhalb eines Tages, um wenige Handelstage später ebenso kräftig an Wert zu verlieren. Aktienexperten haben eine Erklärung für die ungewöhnlich hohen Tagesschwankungen.

Händler an der New Yorker Börse: "Zinspause muss nicht im Widerspruch zu Inflation stehen"
REUTERS

Händler an der New Yorker Börse: "Zinspause muss nicht im Widerspruch zu Inflation stehen"

"Solche Phasen hoher Kursschwankungen sind immer zu beobachten, wenn Amerikas Notenbanker kurz davor sind, ihre Geldpolitik zu ändern", sagt Andreas Hürkamp, Analyst der Landesbank Rheinland-Pfalz. 17 Mal in Folge haben die US-Währungshüter ihre Leitzinsen angehoben und damit eine Jahre währende, kontinuierliche Verschärfung der Geldpolitik betrieben. Damit könnte jetzt aber Schluss sein, spekulieren Experten. Wenigstens zeitweise.

Denn Amerikas Wirtschaft wächst mittlerweile nicht mehr so schwungvoll wie in den Monaten zuvor. Zwar sind die aktuellen Zahlen des Landes noch immer deutlich besser als beispielsweise die der Bundesrepublik. Doch deuten auch in den USA erste Zeichen darauf hin, dass die Boomphase vorbei ist.

So bieten US-Unternehmen etwa nicht mehr so viele neue Stellen an, wie viele Experten bisher erwartet hatten. Allein im Juli fiel das Angebot an neuen Jobs mit 113.000 Stellen um rund 30.000 Arbeitsplätze niedriger aus als erwartet. Und das relativiert womöglich die vergleichsweise hohe Kerninflationsrate, die aktuell in Amerika noch gemessen wird; sie lag im ersten halben Jahr bei 2,6 Prozent und damit über dem Inflationsziel der amerikanischen Zentralbank.

Die Börsianer in New York scheinen mittlerweile so auch nicht mehr ganz so zuversichtlich für die kommenden Monate zu sein wie in vielen Wochen zuvor. Anleger an der Wachstumsbörse Nasdaq Chart zeigen etwa mussten im vergangenen Quartal ein Minus ihrer Investments von durchschnittlich 9,1 Prozent hinnehmen. Das ist gemessen an ihren Gewinnen in den Monaten zuvor zwar nicht übermäßig viel. Aber Amerikas Technologiewerte gelten als Stimmungsbarometer für die US-Konjunktur: Sie geraten nicht selten unter Druck, wenn wenig später auch das Wirtschaftswachstum der bedeutendsten Volkswirtschaft der Erde sinkt.

Der beste Rezessions-Indikator

Damit nicht genug. Amerikas Währungshüter haben in den vergangenen Monaten so häufig ihren wichtigsten Zinssatz angehoben, dass der US-Bond-Markt bereits kleine Kapriolen schlägt. Die Rendite für US-Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit etwa liegt mit aktuell 4,95 Prozent bereits deutlich unter dem derzeitigen Leitzinsniveau in Höhe von 5,25 Prozent und dem, was für viel kürzere Anlagezeiträume gezahlt wird.

Eigentlich sollte das anders herum sein. Denn Zinssparer fordern gewöhnlich höhere Zinsen für jedes Jahr, das sie sich mit ihrer Anleiheanlage binden. Schließlich steigt das Risiko ihres Investments mit dessen Dauer: Wer weiß heute schon, wie die Bonität des Schuldners zum Rückzahlungszeitpunkt der Anleihe sein wird?

Nun müssten sich Amerikas Zentralbanker darum nicht unbedingt kümmern, würden ihre Experten solch inversen Zinsstrukturkurven nicht längst eine unangenehme Signalwirkung beimessen: Die Notenbanker haben in ihren alten Akten gewühlt und festgestellt, dass solch eine Lage auf dem Anleihenmarkt der beste Einzelindikator für eine drohende Rezession ist; so war es beispielsweise im Jahr 2000.

Amerikas Notenbankchef Ben Bernanke hat deshalb vorsichtshalber schon einmal darauf hingewiesen, dass er solche Entwicklungen durchaus im Auge behalten werde. Für ihn "müssen Zinspausen also nicht im Widerspruch zu steigenden Inflationsraten stehen", folgern die Experten der Helaba Trust. Sie machen den Anlegern Hoffnungen auf eine spürbare Pause vor der 18. Zinsanhebung der amerikanischen Notenbank.

Sollte es dennoch anders kommen, sollte Notenbankchef Bernanke den Leitzins in Amerika heute also um weitere 0,25 Prozentpunkte auf dann 5,5 Prozent anheben, besteht für den Aktienmarkt nach Meinung von Hans-Jörg Naumer dennoch Hoffnung. "Sollten bei der US-Notenbank tatsächlich noch weitere Zinsschritte folgen, kommt es um so schneller zu weiteren Zinssenkungen", glaubt der Leiter der Kapitalmarktanalyse der Dit-Allianz Dresdner Global Investors.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.