US-Ökonom Kenneth Rogoff "Eine neue Rezession ist wahrscheinlich"

Die Anzeichen für ein leichtes Konjunktur-Plus mehren sich, doch Kritiker warnen vor zu viel Optimismus. US-Ökonom Kenneth Rogoff erwartet über Jahre hohe Arbeitslosigkeit. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sagt er voraus: "Die USA müssen wohl noch mehr Geld in die Hand nehmen."
US-Arbeiter (bei General Motors): "Die Arbeitslosigkeit wird hoch bleiben"

US-Arbeiter (bei General Motors): "Die Arbeitslosigkeit wird hoch bleiben"

Foto: REBECCA COOK/ Reuters

SPIEGEL ONLINE: Die Rezession scheint vorbei. Geht es in den USA endlich wieder aufwärts?

Rogoff: Es wird sicher lange nicht so steil bergauf gehen wie in den Jahren vor der Krise. Über die nächsten fünf Jahre wird das Wirtschaftswachstum bei nur rund zwei Prozent liegen. Die US-Wirtschaft hatte einen Herzinfarkt, es dauert, sich davon zu erholen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die größten Probleme?

Rogoff: Die Konsumenten werden sich noch über Jahre zurückhalten, und das wird die ganze Welt zu spüren bekommen. Die Immobilienpreise sind schwach, und die Kreditkonditionen werden hart bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest ist die Arbeitslosigkeit in den USA leicht gefallen, von 9,5 auf 9,4 Prozent.

Rogoff: Ja, aber sie wird für eine sehr lange Zeit hoch bleiben: Wir müssen uns wohl auf sechs oder 6,5 Prozent über viele Jahre einstellen - statt der gewohnten vier Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Droht am Ende gar der Rückfall in die Rezession?

Rogoff: Nicht sofort, dafür sind wir schon viel zu tief gesunken. Aber in den nächsten fünf bis sieben Jahren ist eine erneute Rezession ziemlich wahrscheinlich. Hinzu kommt, dass hier in den USA eine riesige politische Umwälzung im Gange ist, die sicher höhere Steuern und Einkommensumverteilung mit sich bringt.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, die Pläne von Präsident Obama sind zu teuer, etwa die Reform des Gesundheitswesens?

Rogoff: Es läuft auf einen Staat nach eher europäischem Modell hinaus. Das ist alles schön und gut, aber keine Wachstumsstrategie. Das Gesundheitswesen ist ja nur ein Punkt, dann ist da noch die Umweltpolitik, das Sozialwesen und die riesigen Staatsschulden durch die Konjunkturprogramme. All das wird den Staat gewaltig aufblasen. Ich weiß einfach nicht, wie das bezahlt werden soll.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal die Vermutung geäußert, dass es bald eine nationale Mehrwertsteuer geben wird.

Rogoff: Ja. Präsident Obama spricht davon, die Reichen mehr zu besteuern. Das ist sicher ein guter Start, wird aber alleine nicht reichen für die Einnahmen, die dringend benötigt werden.

SPIEGEL ONLINE: Zumindest ist es der Regierung gelungen, die Gefahr einer erneuten großen Depression zu bannen, auch wenn es viel Geld gekostet hat.

Rogoff: Kein Zweifel, das war eine große Leistung, auch wenn ich nicht sicher bin, wie groß die Gefahr wirklich war. Aber wenn man gesagt bekommt, dass die Chance zu sterben bei 15 Prozent liegt, dann sollte man das äußerst ernst nehmen. Auch wenn die Kosten immens sind.

SPIEGEL ONLINE: Nicht alle haben sich so engagiert, vor allem finanziell.

Rogoff: Ja, die Europäer waren weit weniger aggressiv als die USA. Ich glaube aber, es war der richtige Weg, dem Ruf nach noch mehr Staatsausgaben nicht zu folgen. Für die Europäer hat es keinen Sinn gemacht, die Staaten sind bereits ziemlich aufgeblasen.

SPIEGEL ONLINE: Insbesondere die deutsche Regierung wurde von amerikanischer Seite deutlich kritisiert für diese Weigerung.

Rogoff: Deutschland hat sich wahrscheinlich zu Recht zurückgehalten, die Lage des Staatshaushalts ist einfach zu prekär. Auf dem Weg aus der Rezession wird das Europa helfen: Es wird ein weniger schmerzvoller Weg. Die USA dagegen werden wohl noch mehr Geld in die Hand nehmen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Wofür?

Rogoff: Ich glaube, wir werden spätestens in einem Jahr noch ein weiteres Konjunkturprogramm sehen, weil die Konsumenten einfach nicht zurückkommen. Und wenn dann auch noch die Nachfrage wegfällt, die durch den Staat stimuliert wird, wird das die Wirtschaft nicht verkraften.

Das Interview führte Thomas Schulz
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